Rentner gibt Führerschein ab "Für mich ist das eine Bereicherung"

Alle reden über Senioren am Steuer, kaum jemand redet über Menschen wie ihn: Jens-Peter Hugger, 80 Jahre alt, hat seinen Führerschein freiwillig abgegeben. Warum?

60 Jahre verbrachten sie miteinander, gemeinsam fuhren sie in die Welt und manchmal auch bloß zum Supermarkt, und doch vermisst Jens-Peter Hugger nichts. Das Schönste waren die Reisen, ins Allgäu oder an den Bodensee, aber das ist vorbei, immer seltener gingen sie zusammen aus dem Haus und am Ende fiel die Trennung ganz leicht. "Der lag nur noch rum", sagt Hugger über den "schönen Grauen mit Jugendbildnis", seinen Führerschein aus dem Jahr 1958.

Also gab er ihn ab, für immer.

Das ist rund sechs Wochen her. Bis dahin war Hugger einer jener Menschen, über die immer wieder diskutiert wird: Senioren, die Auto fahren. Zuletzt brach die Debatte vor rund zwei Wochen los - ein 81-Jähriger Autofahrer hatte in Brandenburg vier Radfahrer lebensgefährlich verletzt, eine Frau starb wenig später.

Es war nicht der erste Fall, der Aufsehen erregte. Vor zwei Jahren fuhr ein Rentner in Baden-Württemberg in ein Café, zwei Menschen kamen ums Leben. Im Jahr 2013 war ein Senior als Falschfahrer auf der A92 in Bayern unterwegs, verursachte zwei schwere Unfälle und starb noch an der Unfallstelle. Die Deutschen Versicherer forderten im vergangenen Jahr Eignungstests für Senioren, der damalige Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach sich dagegen aus.

Seitdem Hugger seinen Führerschein abgegeben hat, ist er einer jener Menschen, über die kaum diskutiert wird: Senioren, die kein Auto mehr fahren, und zwar freiwillig.

Was hat einer wie Jens-Peter Hugger, 80 Jahre alt, pensionierter Chemietechniker aus dem oberschwäbischen Biberach, seit 60 Jahren Autofahrer und seit sechs Wochen nicht mehr - was hat so einer zu berichten?

Biberach

Biberach

Foto: A3419 Stefan Puchner/ dpa

"Ich hab mir Für und Wider überlegt", erzählt er am Telefon über seinen Führerscheinverzicht. Er sei kaum noch gefahren, zuletzt bloß 500 Kilometer pro Jahr. Alle seine Ziele könne er mit dem öffentlichen Nahverkehr erreichen, zudem wolle er die Umweltbelastung verringern und mit gutem Beispiel vorangehen.

Vor allem aber, sagt Hugger, war die Unsicherheit gewachsen. "Ich musste mich mehr anstrengen, besonders bei Nacht- und Schlechtwetterfahrten." Er habe einige brenzlige Situationen erlebt, gerade mit Radfahrern. "Man ist nicht mehr so fit wie man das vor Jahren war."

Nahverkehrsticket gegen Führerschein

Gegenargumente? "Natürlich eine gewisse Einschränkung der persönlichen Freiheit, Spontanausflüge an den Bodensee sind jetzt schwierig", sagt Hugger. "Aber das vermisse ich auch nicht." Der Entschluss, den Führerschein abzugeben, sei langsam gereift. "Und als die Stadt das Angebot gemacht hat, dachte ich mir: Jetzt ist Schluss."

Hugger ist in Biberach kein Einzelfall: Seit Anfang des Jahres haben dort knapp 120 Senioren ihren Führerschein abgegeben, wie Christian Walz vom städtischen Seniorenbüro sagt. Im Gegenzug haben sie ein Jahresticket für den öffentlichen Nahverkehr erhalten, gültig für den gesamten Landkreis, finanziert zur Hälfte von der Stadt und zur Hälfe vom örtlichen Verkehrsverbund. Für Hugger das perfekte Angebot: Er wohnt mit seiner Frau rund zwanzig Minuten Fußweg vom Zentrum entfernt, die Anbindung ist gut, die Busse kommen alle Viertelstunde.

"Die Aktion ging durch die Decke", sagt Walz. Anfang des Jahres, kurz nach Start, seien besonders viele Senioren gekommen, aber auch im April hätten noch rund zehn Rentner ihren Führerschein abgegeben - unwiderruflich. Die meisten seien Ende 70 oder Anfang 80, etwa zwei Drittel Frauen, viele fühlten sich schon länger unsicher am Steuer, oft durch die Zunahme des Verkehrsaufkommens.

"Denen wollen wir den Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr ermöglichen", sagt Walz. "Ich erlebe immer wieder eine große Erleichterung, dass das Kapitel Autofahren endgültig abgeschlossen ist."

Das Modell hat Risiken

Auch anderswo in Deutschland gab oder gibt es ähnliche Aktionen, unter anderem in Biberachs Nachbarstadt Ulm oder im Landkreis Ludwigsburg. In Biberach aber läuft es offenbar besonders gut. Rund 1,7 Prozent aller Senioren haben teilgenommen, insgesamt leben etwa 7000 Menschen über 65 in der Stadt. Das sei eine beachtliche Resonanz, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft.

Jedoch warnt Brockmann vor den Risiken solcher Modelle. "Gut sind sie dann, wenn man wirklich nur die Senioren rausfischt, die für andere zur Gefahr werden." Wer auf den öffentlichen Nahverkehr umsteige, werde zumindest teilweise zum Fußgänger oder Radfahrer und damit zum ungeschützten Verkehrsteilnehmer. Das sei besonders für Senioren gefährlich.

Diesem Risiko solle nur ausgeliefert werden, wer für andere eine Gefahr sei - und nicht wer noch sicher am Steuer sei und bloß ein günstiges Nahverkehrsticket haben wolle, sagt Brockmann. "Man muss gucken, wozu man die Senioren auffordert."

Jens-Peter Hugger ließ sich gerne auffordern. "Ich bin jetzt mehr unterwegs als früher", sagt er. Mit dem Auto habe er die Hauptverkehrszeiten gemieden. "Jetzt steig ich in den Bus, ganz locker und bequem. Für mich ist das eine Bereicherung."

Video: Senioren am Steuer

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