Reaktionen auf Catcalling-Artikel Der alltägliche Sexismus

Was passiert, wenn eine Journalistin einen Artikel über sexuelle Belästigung schreibt? Unsere Autorin hat sich die Kommentare der Leser genauer angeschaut - und zieht eine sehr persönliche Bilanz.

"Sexuelle Belästigung geht nicht erst bei Körperkontakt los", lautete der Titel eines Artikels, den ich Ende September schrieb. Ich sprach für den Text mit der Studentin Antonia Quell. Sie fordert mit einer Petition, dass das sogenannte Catcalling, also verbale sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum, auch in Deutschland strafbar wird.

Eine Forderung, die Diskussionen auslöst, ohne Zweifel. Und leider - so zeigt es die Erfahrung - verlaufen diese bei so einem kontroversen Thema oft nicht sachlich.

Der Artikel stieß auf reges Interesse bei Leserinnen und Lesern: Allein in unserem Kommentarbereich war er am Veröffentlichungstag der meistkommentierte Text. Nutzer schreiben dort bis zu 30.000 Kommentare zu rund 400 Artikeln - pro Tag. Zu besagtem Text über Catcalling wurden (Stand 28. September) 2463 Kommentare verfasst, von denen 651 aufgrund ihres Inhalts nicht veröffentlicht wurden. Alle Leserbeiträge werden beim SPIEGEL vor der Veröffentlichung überprüft, zum einen, weil wir unter Umständen für justiziable Inhalte haften könnten, zum anderen, weil wir uns konstruktive Debatten auf unserer Seite wünschen. Wenn Kommentare also unseren Richtlinien nicht entsprechen - beispielsweise beleidigend oder hetzerisch sind -, werden sie entfernt.

Auch auf Facebook wurde der Artikel mehr als 1300-mal kommentiert. Hinzu kamen vereinzelte E-Mails.

Dem folgenden möchte ich etwas vorausschicken. Ich habe über den Text, den Sie gerade lesen, vorab mehr mit Kolleginnen und Freundinnen gesprochen, als ich es üblicherweise tue. Auch in der Vergangenheit habe ich schon das eine oder andere Mal mit ihnen über persönliche Erfahrungen mit Sexismus geredet. Deshalb war mir schnell klar: Das Thema betrifft auf irgendeine Weise wohl alle Frauen - und sicherlich auch Männer -, doch wie wir den einzelnen Spruch, die einzelne E-Mail, die einzelne Berührung wahrnehmen, ist total individuell. Das, worüber die eine noch lacht, findet die andere verletzend.

Und deshalb wird es ab jetzt sehr subjektiv, es geht um meine persönliche Perspektive auf die Rückmeldungen, die der SPIEGEL zu meinem Text erhalten hat. Einzelne ließen mich zusammenzucken, doch bei den meisten reichte es kaum für ein müdes Seufzen.

Also ja, es gab sie, die befürchteten Tiefschläge:

 "Deutschland schafft sich tatsächlich ab... da wundert es mich gar nicht, wenn wir Vermehrungszuzug aus anderen Staaten brauchen..." (im Kommentarbereich, nicht veröffentlicht)

"Das Problem, liebe Antonia aus Berlin, das löst sich GANZ VON ALLEINE, warte mal 10 Jahre, dann bist Du froh, wenn Du überhaupt noch nem Mann auffällst und in 20 Jahren wirst Du garantiert selbst sexuell übergriffig" (per E-Mail)

"Reine Befindlichkeiten von Frauen, die bei einem ungewollten Kompliment therapiebedürftig in sich zusammenbrechen, aber dann Führungspositionen beanspruchen..." (bei Facebook, inzwischen gelöscht)

Manchmal kamen die Angriffe auch ganz scheinheilig daher:

Ein Leser teilte mir per E-Mail mit, dass er "stark bezweifele", dass ich davon betroffen sei - unter Angabe eines vollen Namens und einer Handynummer, die zu einem Unternehmensgründer passen. Auf Nachfrage unter ebendiesen Daten, teilte der Kontaktierte mit, die Nachricht "nie geschrieben" zu haben. Er wolle jetzt nachforschen, ob jemand aus seiner Firma "von meinem Rechner/iPad aus was versandt hat".

Doch alles in allem, so schien es mir, hielten sich die wirklich bösartigen Rückmeldungen in Grenzen.

Aber dann dachte ich darüber noch einmal genauer nach. Denn es ist durchaus nicht so, dass es in den anderen Reaktionen an Sexismus mangelt.

Was würden Sie über folgenden Kommentar denken?

"Oh Frau. Alle sind immer nur noch betroffen und nicht flirtfähig und wundern sich, wenn es dann mit dem anderen Geschlecht nicht klappt", schrieb jemand im Kommentarbereich. Mir kam dieses Statement zunächst vergleichsweise harmlos vor.

Und was bedeutet es, dass ich es zuerst fast mit einem Achselzucken abtue, wenn viele Männer (und einige Frauen) auf Facebook die Forderungen der Petition ins Lächerliche ziehen (zum Beispiel: "'Ey Süsse, möchtest du nicht etwas trinken?'  ist ja wohl wirklich ganz böse?" oder "Mein Gott, was ist das für eine verklemmte Gesellschaft geworden")? Wenn ich erleichtert bin, weil sich die persönlichen Angriffe gegen mich als Autorin in Grenzen halten?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich ärgere mich über die genannten Kommentare und ihre Verfasser. Und ich sehe, dass sie sexistisch sind. Aber mein erster Gedanke war eben nicht: "Wir haben ein Problem mit sexistischen Kommentatoren", sondern: "Ich hatte Schlimmeres erwartet."

Vielleicht ist genau das der Punkt: Sexismus ist so alltäglich, so allgegenwärtig, dass er oft gar nicht als großes Problem wahrgenommen wird, wenn er nicht - mindestens - als heftige Beleidigung auftritt. Ein Phänomen, das ich auch bei mir selbst bemerke.

Und genau deshalb ist Antonia Quells Petition  aus meiner Sicht wichtig:

Sie regt zur Debatte über die oft zu wenig betrachteten Fälle an - nicht nur über Catcalling. Denn ja, es kann das Hinterherrufen einer zweideutigen Bemerkung sein, aber auch die schmierige Anmache vom deutlich älteren Bekannten oder die abschätzige Bemerkung vom Kollegen über die Kompetenz bei einem bestimmten Thema. Diese Vorfälle sollten nicht als selbstverständlich hingenommen werden - übrigens auch nicht, wenn sie sich gegen Männer richten.

Klar ist auch: Es wird immer Fälle geben, die nicht eindeutig sind. Ich selbst will in Zukunft zweimal nachdenken: Nehme ich einen grenzwertigen Spruch hin, weil ich ihn in der konkreten Situation wirklich nicht schlimm oder sogar lustig finde (auch das ist für mich eine zulässige Erkenntnis) - oder will ich nur einer unangenehmen Diskussion entgehen?

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