Sexuelle Revolution in Iran Erst kommt die Lust, dann die Moral

Die sexuelle Revolution hat Iran erfasst: Immer mehr junge Menschen ignorieren die verknöcherte Morallehre des Regimes und tun, was ihnen Spaß macht. Sie haben Sex vor der Ehe, tricksen das Jungfräulichkeitsdogma aus und filmen Heimpornos.
Von Mohammad Reza Kazemi
Screenshot einer iranischen Porno-Website: Hunderte Seiten mit Amateur-Clips

Screenshot einer iranischen Porno-Website: Hunderte Seiten mit Amateur-Clips

Die Kamera zoomt auf eine Tür, die sich langsam öffnet. Ein Bett ist zu sehen. Auf dem Bett: ein junges Paar beim Sex. Ein Kichern ist zu hören. Es kommt nicht von dem Paar, sondern von dem Mann hinter der Videokamera, der nun durch das Zimmer schleicht, immer näher an das Bett heran. Plötzlich schreckt das Paar auf: Die beiden haben bemerkt, dass sie von dem Mann beobachtet, gefilmt werden. Alle drei brechen in Gelächter aus.

Diese Szene stammt aus einem iranischen Home-Porno-Clip, und sie ist alles andere als außergewöhnlich. Iran und Pornografie? Das Internet ist mittlerweile voll von selbstgedrehten Pornos made in Islamic Republic of Iran. Die Produktion und Verbreitung solcher Filme stehen in Iran unter Strafe - genauso wie außereheliche Beziehungen: Bei Ehebruch drohen Peitschenhiebe oder sogar Steinigung (mehr dazu in den Reports von Human Rights Watch   und Amnesty International ).

Daher sind in den meisten Filmen die Gesichter der Akteure nicht zu sehen, auch die Leute hinter der Videokamera bleiben anonym. Doch Hunderte Webseiten und Blogs bieten die amateurhaften, oft mit Handys aufgenommen Clips an. In Iran werden sie meistens per Bluetooth, durch E-Mails oder auf DVDs ausgetauscht. "In den Filmen gibt es nichts, was es nicht gibt, manche Akteure haben sogar mit wechselnden Partnern Sex", sagt die 23-jährige Studentin Mahroch aus Teheran. "Iran hat sich in den letzten Jahren sehr verändert."

Bei Gründung der Islamischen Republik im Jahr 1979 versprach Revolutionsführer Ajatollah Chomeini, das Land von der "westlichen Unzucht" zu reinigen. In den folgenden Jahren wurde die Gesellschaft radikal islamisiert, soziale und individuelle Freiheiten wurden massiv eingeschränkt. Frauen wurden gezwungen, Kopf und Körper zu verschleiern, in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens herrschte Geschlechtertrennung. Es waren nur zwei von vielen Maßnahmen des Regimes, die das Ziel hatten, außereheliche Beziehungen zwischen Männern und Frauen zu verhindern.

Die Mullahs behaupten, das von Chomeini verkündete Ziel sei erreicht worden, die Islamische Republik sei heute die Wiege der "Frömmigkeit" und "Geistigkeit" in der ganzen Welt. Die Realität sieht anders aus.

"Es ist mein Recht, mit meinem Körper zu machen, was mir gefällt"

"Ich wohnte bis vor kurzem in einem privaten Mädchenheim in Teheran. Von 30 Einwohnerinnen hatten alle - ohne eine einzige Ausnahme - einen Freund und natürlich auch Sex. Sogar diejenigen, die verheiratet waren, hatten Affären", berichtet die Studentin Mahroch.

Internet, Filme, Bücher und alle anderen Kulturprodukte werden in Iran massiv zensiert. Der Besitz von Satellitenschüsseln ist verboten. Der Staat kontrolliert den Kontakt zur Außenwelt in der Hoffnung, die Bevölkerung von "der westlichen Kulturinvasion" zu bewahren. Aber die Verbote und Einschränkungen haben das Gegenteil bewirkt: Die jungen Iraner haben sich von den Moralwerten des Regimes abgewandt.

Das ist vor allem bei Frauen bemerkbar. Bis vor einigen Jahren war die Jungfräulichkeit das Sinnbild weiblicher Tugend. Ihr Verlust vor der Hochzeit konnte fatale Konsequenzen für die Frau haben. Inzwischen hat sich die Situation verändert. "Vor allem in Großstädten gibt es inzwischen viele Mädchen, die keine Jungfrauen mehr sind", sagt die 30-jährige Iranerin Bahar. "Die sagen: Es ist mein Körper, es ist mein Recht, mit meinem Körper zu machen, was mir gefällt. Einen Mann, der mich nach einem Häutchen beurteilt, will ich nicht haben. Niemals."

Die Zahl ausgebildeter Frauen ist in Iran nach der Revolution stark gestiegen. Das hat dazu geführt, dass Frauen sich ihrer Rechte bewusst geworden sind. Sie sind nicht mehr bereit, sich den patriarchalen Normen zu unterwerfen. "Inzwischen arbeiten und verdienen viele Frauen Geld", sagt Bahar. "Ihre finanzielle Unabhängigkeit hat ihnen geholfen, sich zu emanzipieren. Viele trauen sich heute, dem Mann vor der Heirat zu verraten, dass sie keine Jungfrauen mehr sind. Und die Männer gewöhnen sich langsam daran."

"Wundermittel" täuscht Jungfräulichkeit vor

Und für jene Frauen, die konservativ denkende Männer heiraten wollen, gibt es medizinische Lösungen: "Für weniger als 100 Euro wird das Hymen in Iran wiederhergestellt", sagt Hamidresa Schirmohammadi, Vorsitzender des Verbands für Forschung und Entwicklung moderner sexueller Medizin in Karadsch nordwestlich von Teheran. "Es gibt aber auch einfachere Wege: ein chinesisches Produkt, das gerade mal so viel kostet wie ein Kaugummi." Dieses "Wundermittel" aus Asien ist eine Kapsel, die in die Scheide eingeführt wird. Beim Geschlechtsverkehr explodiert sie, und eine rote Flüssigkeit tritt aus. So können Frauen eine Jungfräulichkeit vortäuschen.

Auch nichteheliche Lebensgemeinschaften gibt es in Iran immer häufiger. "Viele junge Leute sehen keinen Grund mehr zu heiraten", sagt Schirmohammadi, "nicht nur weil sie ihre sexuellen Bedürfnisse mittlerweile auch ohne Eheschließung befriedigen können, sondern auch wegen wirtschaftlicher Probleme, die die Gründung einer Familie erschweren. Deshalb entscheiden sich vor allem in den Großstädten immer mehr junge Menschen für diese Form des Lebens."

Auch Regierungsverantwortliche bestätigen diesen Trend. Wie sie ihn rückgängig machen oder gar stoppen können, wissen sie offenbar nicht. Die iranischen Jugendlichen lassen sich nicht mehr vom Regime kontrollieren. Die islamische Utopie der Geschlechtertrennung, die die Ajatollahs aufbauen wollten, ist gescheitert.


Mohammad Reza Kazemi schreibt regelmäßig für SPIEGEL ONLINE über Iran und betreibt den Blog www.Kazeminotes.com 

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