Sexueller Missbrauch "Die Opfer kriegen immer lebenslänglich"

Kristin Ewert erhebt schwere Vorwürfe gegen ihren Vater: Er soll die heute 45-Jährige als Kind systematisch missbraucht haben. Nun fordert sie Gerechtigkeit - zu spät, denn der Fall ist verjährt. Sollte Deutschland wie jüngst die Schweiz das Sexualstrafrecht ändern?

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Wenn Kristin Ewert* damals ihren Vater besuchte, musste sie Mittagsschlaf halten. Seltsam fand sie das. Denn sie war zwölf Jahre alt, schließlich kein Baby mehr. Das sah der Papa offenbar genauso. Ewert zufolge begann er, sich zu ihr zu legen, sich an ihr zu reiben - sie so anzufassen, wie es sich nicht gehört für einen Vater. Für niemanden.

"Ich habe jahrelang gedacht, er braucht das", sagt die heute 45-Jährige. Ihr Vater sei "ein Gott" für sie gewesen: unangreifbar, allwissend und fürsorglich. Sie habe ihm "etwas zurückgeben wollen für alles, was er für mich getan hat". Ein Rechtsanwalt, gebildet und angesehen, eine Stütze im sozialistischen System der DDR.

Auch die Mutter war Juristin - allerdings keine Stütze für Kristin. Unterkühlt und angespannt sei das Verhältnis gewesen, so schwierig, dass das Mädchen froh war, fünf Jahre nach der Scheidung endlich zum Vater ziehen zu können.

Der wartete auf sie mit Aufmerksamkeiten, Geschenken und "väterlichen Liebesbekundungen". Zwei- bis dreimal in der Woche soll er zu Kristin aufs Zimmer gekommen sein. "Manchmal wurde ich wach, und er saß schon da und hat gefummelt." In Indien würden die Väter das auch mit ihren Töchtern machen, das "stärkt den Familienzusammenhalt", soll er gesagt haben.

Der Widerwille in Kristin wuchs. Nach Kräften versuchte sie, ihn zu betäuben: Alkohol und Tabletten brachten das Mädchen über den Tag. Sie litt an Bulimie, "kotzte sich die Seele aus dem Leib", und war ständig auf der Flucht. Nur weg vom Vater, irgendwo übernachten, bei Freunden, Bekannten, zur Not vom gesparten Taschengeld im Hotel. "Das war das Schlimmste: dass ich nie nach Hause gehen konnte. Dass niemand mir geholfen hat. Diese Panik, die totale Verlassenheit."

Verjährung: Wer zu spät kommt, kann nicht klagen

Ewerts Vater wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu den Vorwürfen äußern. In einem Brief an die Tochter vom 22. November spricht er von einem "Vernichtungskampf gegen mich": "Du hast die Duldungsgrenze überschritten. Du musst mit Konsequenzen rechnen", heißt es da.

Ob der heute 70-Jährige die ihm vorgeworfenen Straftaten begangen hat, wird gerichtlich nicht mehr zu ermitteln sein. Denn laut deutschem Recht verjährt sexueller Missbrauch an Kindern zehn Jahre nach Volljährigkeit des Opfers. Bei schwerem sexuellen Kindesmissbrauch, sexueller Nötigung oder Vergewaltigung liegt die Frist bei 20 Jahren.

Kristin hätte bis zu ihrem 28. Lebensjahr ihren Vater vor Gericht bringen müssen - etwas, das ihr damals unmöglich war. "Um überhaupt überleben zu können, musste ich die Erlebnisse mit meinem Vater verdrängen. Ich war 20 Jahre lang depressiv, alkoholabhängig und auf der Flucht vor ihm. Ich fürchte ihn noch heute."

Ein Dilemma, das die Hamburger Opferanwältin Gisela Frederking nur allzu gut kennt: "Aus der Praxis wissen wir, dass es sehr lange dauert, bis Missbrauchsopfer in der Lage sind, die Straftat anzuzeigen. Erst wenn sie darüber reden, in Therapie gehen und verdrängte Bilder zulassen, kommen viele zu dem Schluss, dass der Missbrauch geahndet werden muss." Und genau dann sei es häufig zu spät.

"Ich persönlich plädiere für eine Unverjährbarkeit von Sexualstraftaten", sagt Frederking. Was für Mord und Völkermord gelte, müsse auch bei sexuellem Missbrauch möglich sein, der häufig über viele Jahre stattfinde und "so unendlich viel zerstört".

Wie die Schweiz die Verjährung für Sexualdelikte kippte

Eine Forderung, die in der Schweiz gerade Realität geworden ist. Am 30. November stimmten 52 Prozent der Eidgenossen per Volksabstimmung dafür, dass "pornografische Straftaten an Kindern" in Zukunft nicht mehr verjähren. Ein Riesenerfolg für den Kinderschutzverein Marche Blanche, der 120.000 Unterschriften für das Referendum gesammelt hatte.

"Ich bin sehr stolz, dass die Schweizer gegen den Willen der Regierung und die Mehrzahl der Parteien für unsere Eingabe gestimmt haben", sagte die Gründerin der Initiative, Christine Bussat, SPIEGEL ONLINE. In Ländern wie Kanada oder Großbritannien müssten Sexualstraftäter längst mit lebenslanger Strafverfolgung rechnen. "Rechtsanwälte und Opferschutzorganisationen dort sprechen von einer erheblichen Verbesserung, schon weil der Zeitdruck bei der Beweisbeschaffung und im Verfahren wegfällt."

Im Bundesjustizministerium in Berlin sieht man keinen Handlungsbedarf - man habe die Verjährungsfristen in den vergangenen Jahren bereits deutlich verlängert und die Strafen verschärft. "Das deutsche Recht geht bei schweren Sexualstraftaten wesentlich weiter als die jetzt vorgeschlagene schweizerische Lösung", sagte Sprecher Ulrich Staudigl SPIEGEL ONLINE, "deshalb sehen wir keinen Anlass für Änderungen."

Theorie versus Praxis

"Was nützt die schöne Theorie, wenn die Gerichte in der Praxis fast nur Strafen im unteren Bereich verhängen?", fragt Anwältin Frederking. So könne allein der Besitz von kinderpornografischen Schriften mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden: "In der Regel kommen solche Täter aber mit einer Geldstrafe davon." Ein weiteres Problem: Sexualstraftäter sind häufig Wiederholungstäter mit einer hohen Rückfallquote von bundesweit 20 bis 30 Prozent.

Immerhin: Die Verjährung wird ausgesetzt, sobald die Polizei einen Beschuldigten vernimmt oder die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen ihn einleitet. In diesem Fall beginnt die Frist von neuem. Seit August 2005 ruht die Verjährung außerdem so lange, wie ein Beschuldigter sich im Ausland aufhält und die deutschen Behörden seine Auslieferung betreiben.

Für Christine Bussat ist es ein Skandal, dass ehemalige Sexualstraftäter ungehindert Zugang zur Kinder- und Jugendarbeit haben: "In der Schweiz ist es für einen Pädophilen leichter, eine Arbeitserlaubnis zu kriegen, als einen Angelschein!", empört sich die Aktivistin.

Ein Problem, das auch deutsche Kinderschützer beklagen: Eintragungen von Sexualdelikten im Bundeszentralregister werden nach Verbüßen einer Haftstrafe gelöscht. Im polizeilichen Führungszeugnis zur Vorlage beim Arbeitgeber tauchen nur Straftaten auf, die mit mehr als drei Monaten Freiheitsstrafe geahndet wurden. Auch Geldstrafen von weniger als 90 Tagessätzen tauchen hier nicht auf. Das bedeutet, dass gerade moderat bestrafte Missbrauchstäter sich in Jobs tummeln können, in denen sie direkten Kontakt zu Kindern haben. Ein Missstand, dem das Bundesjustizministerium nun mit einem "erweiterten Führungszeugnis" begegnen will. In Zukunft sollen sämtliche Sexualstraftaten darin verzeichnet sein - also auch Delikte wie die Verbreitung von Kinderpornografie oder Exhibitionismus. Im Januar soll ein Gesetzentwurf im Kabinett eingebracht werden.

Rechtsweg nicht ausgeschlossen

Die Opferschutzorganisation Weißer Ring hält die Gesetzesverschärfungen der vergangenen Jahre für ausreichend. Man dürfe nicht vergessen, dass "die Beweislage mit den Jahren nicht eben besser wird", sagt Walter Schwab, Referatsleiter Opferhilfe und Strafrecht, SPIEGEL ONLINE. "Häufig sind wichtige Zeugen bereits verstorben oder nicht auffindbar, das erschwert die Beweisführung ganz erheblich."

Für zahlreiche Missbrauchsopfer würden die langjährigen Verfahren zur Tortur, die Ergebnisse seien oft frustrierend. "Wenn dann noch ein Gutachter die Glaubwürdigkeit prüft und zu dem Ergebnis kommt, die Aussagen des Opfers seien nicht stimmig, dann ist die Enttäuschung groß", sagt Schwab. Allenfalls in Großfamilien mit clanähnlichen Strukturen, wo das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Opfer und Täter sehr groß ist, könnte er sich eine "Ausnahmeregelung der Verjährungsfristen" vorstellen.

Lebenslang für die Opfer

Kristin Ewert hätte keine Angst vor einem langen Verfahren. "Ich will ein Zeichen setzen, es sind so unglaublich viele Mädchen und Frauen, die jeden Tag Gewalt erleiden", sagt die vierfache Mutter. Erst im Dezember veröffentlichte die medizinische Fachzeitschrift "The Lancet" eine Studie, der zufolge in den Industrieländern rund 15 Prozent der Mädchen und fünf Prozent der Jungen vor ihrem 18. Geburtstag sexuell missbraucht werden.

Dass die Dunkelziffer bei Taten, die sich zu 90 Prozent im sozialen Nahbereich der Opfer abspielen, besonders hoch ist, verwundert nicht. Die Hamburger Initiative gegen sexuelle Gewalt an Kindern hat ermittelt, dass ein Kind bis zu sieben Personen ansprechen muss, bevor ihm geholfen wird. "Die Herren der Schöpfung denken, sie haben freie Hand", sagt Ewert. Deren Frauen würden durch ihr Schweigen allzu oft zu Mittäterinnen.

Kristins Bruder Michael* erfuhr erst als Erwachsener von den Missbrauchsvorwürfen gegen den Vater. Er glaubte der Schwester sofort: "Das Schlimmste war, dass meine Mutter das Ganze offenbar geduldet hat", sagt er. "Was sollte ich denn machen?", habe sie ihn in einem klärenden Gespräch gefragt. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wollte sich die Mutter nicht zu den Vorwürfen äußern.

Michael erinnert sich an weitere unangenehme Begebenheiten: "Mein Vater hatte während eines Ostsee-Urlaubs meine damals minderjährige Freundin sexuell bedrängt und fast vergewaltigt", sagt der Kraftfahrer. "Sie war in Tränen aufgelöst." Auf dem Weihnachtsmarkt habe sein Vater häufig Kontakt zu sehr jungen Mädchen gesucht, sie beschenkt und eingeladen, erinnert sich der Sohn, dessen Gefühle sich heute zwischen Wut und Resignation bewegen. "Ich wollte ihn zum Schutz der Öffentlichkeit mit riesigen Plakaten als Pädophilen outen, habe dann aber nur den Kontakt zu ihm abgebrochen."

Kristin wurde durch eine Begegnung mit ihrem schwer depressiven Halbbruder Robert* wachgerüttelt, der lange Zeit in der Psychiatrie war und ihrer Meinung nach am Vater zerbrochen ist. "Ab diesem Moment war klar, dass mein Vater nicht ungeschoren davonkommen darf."

Die Chancen der 45-Jährigen, auf dem Rechtsweg etwas zu bewirken, sind denkbar gering. "Strafrechtlich sehe ich keine Möglichkeit", sagt Opferanwältin Frederking. Man könne auf zivilrechtlichem Weg Schmerzensgeldansprüche einklagen, weil die Verjährung erst ab Erkenntnis der Straftat einsetze - also zum Beispiel nach Bewusstmachung durch eine Therapie. In diesem Fall allerdings wäre Ewert Klägerin und müsste "beweisen, was sie behauptet".

Das dürfte schwierig werden, doch Ewert hat noch eine Hoffnung: Anfang Dezember beantragte sie Akteneinsicht bei der Behörde der Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen. Weil der Vater inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit gewesen sein soll, hofft sie, in der Akte auch Vermerke oder Abhörprotokolle zu finden, die einen Missbrauch an ihr belegen könnten.

Mit großem Elan verfolgt Ewert ihre Suche nach später Gerechtigkeit. Dennoch gilt für sie: "Für mich gibt es schon jetzt keine Verjährung. Die Opfer kriegen immer lebenslänglich. Ich trage den Missbrauch bis zu meiner letzten Stunde mit mir herum."

*Name von der Redaktion geändert

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