Von Geistlichen missbraucht "Ich mache mich vor denen nicht noch mal nackig"

Eine neue TV-Doku zeigt eindringlich, was sexueller Missbrauch für Betroffene bedeutet. Und wie die katholische Kirche versucht, Entschädigungszahlungen so gering wie möglich zu halten.
Missbrauchsüberlebender Bernd und seine Frau Britta auf einer Demonstration in Rom

Missbrauchsüberlebender Bernd und seine Frau Britta auf einer Demonstration in Rom

Foto: Helikon Film

Sie heißen Bernd, Raphael und Christian, Kerstin und Angelika. Sie teilen: eine brutal beendete Kindheit, wiederkehrende psychische Ausnahmezustände, gebrochene Biografien – und eine immense Wut auf die Kirchen.

Alle fünf wurden laut eigener Aussage Opfer sexueller Übergriffe durch katholische oder evangelische Geistliche. Seit vielen Jahren kämpfen sie gegen systematische Vertuschung und für eine Anerkennung ihres Leids. Und laufen dabei immer wieder gegen Mauern.

Die SPIEGEL-TV-Produktion "Der heilige Schein – Tatort Kirche" (Samstag, 20.15 Uhr, RTLZwei) beschreibt, wie jeder Einzelne versucht, mit dem Erlebten klarzukommen und es nicht dem Vergessen preiszugeben.

  • Da ist die 50-jährige Journalistin Kerstin, die durch die Folgen des Missbrauchs nachweislich herzkrank wurde. Ein evangelischer Jugendpfarrer aus Bayern soll ihre instabile Familiensituation und ihre Verletzlichkeit gezielt ausgenutzt und sie ab dem Alter von 14 Jahren regelmäßig sexuell missbraucht haben. Dabei ging er laut Kerstin hochgradig manipulativ vor. "Da wollte ich dich von Anfang an haben", soll er nach dem ersten Übergriff gesagt haben. Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Täter wurden wegen Verjährung eingestellt. Kerstin zeigte den Missbrauch bei der Landeskirche an. Doch der Pfarrer wurde nur ermahnt – und später sogar befördert.

  • Die 60-jährige Altenpflegerin Angelika erlitt im berüchtigten evangelisch-pietistischen Kinderheim Korntal in Baden-Württemberg schlimmste Misshandlungen und Missbrauch. Sogenannte Pateneltern hätten sie über das Wochenende mit zu sich nach Hause genommen, "der Ehemann hat mich missbraucht, die Frau hat zugeschaut", berichtet Angelika. Die Heimkinder seien regelmäßig mit Medikamenten ruhiggestellt worden: "Wir waren alle die ganze Zeit abgeschossen." Jahrelang habe sie das Erlebte verdrängt, heute engagiert sie sich mit Leidensgenossinnen gegen das Vergessen der Verbrechen in Korntal. Laut einer Erhebung aus 2018  sollen dort mindestens 300 Kinder Opfer physischer und sexualisierter Gewalt geworden sein. 81 Täter wurden ausgemacht.

  • Der 48-jährige Raphael gibt an, in den Achtzigerjahren etwa 400 Mal von einem katholischen Dorfpfarrer in Oberharmersbach missbraucht worden zu sein. Beim ersten Übergriff sei er elf Jahre alt gewesen. Seine Opfer soll der Pfarrer angewiesen haben, nackt um eine Tischtennisplatte herum zu laufen, damit er sich eines "herausgreifen" könne. Die Kirche ermittelte intern in dem Fall, informierte aber weder Polizei noch Staatsanwaltschaft. Der mutmaßliche Täter wurde von der Kirche in den Ruhestand versetzt mit der Auflage, die Gemeinde zu meiden und eine Therapie zu machen. Vier Jahre später beging der Pfarrer Suizid. Raphael hatte kurz zuvor bei der Polizei Anzeige erstattet. Er sagt: "Mir wäre es lieber, er würde noch leben."

Bernd und Christian, beide 54, waren Schüler des Gymnasiums Johanneum im saarländischen Homburg, einer Einrichtung der katholischen Ordensgemeinschaft der Herz-Jesu-Missionare. Bernd gibt an, ab der achten Klasse im Internat von zwei Geistlichen missbraucht worden zu sein. Ein Präfekt sei nachts wiederholt an sein Bett gekommen, habe ihn betatscht und sexuell manipuliert. Er und andere Schüler seien zudem häufig in das Büro des Paters zitiert worden, wo er ihnen Alkohol gegeben und sie sexuell missbraucht habe. Ein inzwischen verstorbener ehemaliger Lehrer des Johanneums habe ihn in seinem Büro vergewaltigt. Die Täter wurden nicht zur Verantwortung gezogen, die Vorwürfe waren verjährt.

Schreckliche Nächte im Johanneum in Homburg: "Betatscht und sexuell manipuliert"

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Foto: Helikon Film

Christian berichtet, im Alter von 13 und 14 missbraucht worden zu sein. Lange Zeit hat der Klavierbauer die Erinnerungen an die Taten abgespalten. Oft habe er an Suizid gedacht. "Als der Knoten während einer Therapie platzte, war ich geradezu erleichtert, weil ich endlich verstanden habe, warum es mir die ganze Zeit so schlecht ging."

Mit dem Aufkommen der ersten Missbrauchsskandale 2010 gründeten Bernd und Christian mit weiteren Betroffenen eine Initiative . Beide rieben sich auf in der Auseinandersetzung mit dem Orden, der den Opfern anfangs nicht glaubte. Später lenkten die Verantwortlichen ein, zahlten den beiden ehemaligen Internatsschülern Therapie- und Fahrtkosten. Das Angebot einer einmaligen Zahlung von 5000 Euro zur sogenannten Anerkennung des Leids lehnten Bernd und Christian ab, auch weil sie damit alle anderen Ansprüche an den Orden abtreten sollten.

"Jeden Cent müssen wir den Verantwortlichen aus der Nase ziehen, das ist demütigend", sagt Bernd. "Wir müssen immer als Bittsteller auftreten, irgendwann hat man keine Kraft mehr."

Ab 1. Januar 2021 können Missbrauchsopfer laut einer neuen Regelung der Deutschen Bischofskonferenz Anträge auf "Leistungen in Anerkennung des Leids" einreichen. Entschädigungssummen von 5000 bis 50.000 Euro wurden in Aussicht gestellt – zu wenig laut Opfervertretern, die eine Obergrenze von 400.000 Euro gefordert hatten.

"Wer entscheidet denn über die Höhe der Summe und anhand welcher Kriterien?", fragt Bernd. Der Kirche zufolge soll eine unabhängige Kommission aus Juristen, Psychologen und Medizinern die Schwere der Fälle einschätzen und dann Empfehlungen aussprechen.

Doch die Aussicht, erneut dezidiert die Tathergänge beschreiben zu müssen, die Uhrzeit, den Ort, jedes Detail, ist für Bernd extrem belastend: "Ich mache mich vor denen nicht noch mal nackig."

Post vom Anwalt wegen Verleumdung

Der Fall Christian zeigt, wie empfindlich Kirchenvertreter auf Entschädigungsforderungen reagieren, die sie für überzogen halten. Noch während der Interventionsbeauftragte des Bistums Münster, Peter Frings, sich um Vermittlung bemühte, erhielt Christian ein Schreiben vom Anwalt der Herz-Jesu-Missionare.

Man warf dem Missbrauchsopfer üble Nachrede und Verleumdung vor und drohte mit rechtlichen Schritten. Wegen angeblich ehrverletzender Äußerungen sollte Christian eine Unterlassungserklärung abgeben. Er habe in der Öffentlichkeit und in E-Mails unwahre Behauptungen aufgestellt und Angehörigen des Ordens Mitwisser- oder Täterschaft bei Sexualdelikten unterstellt.

Christian bestreitet dies: "Ich halte nur die Aussagen der Verantwortlichen, man habe nichts von den Übergriffen gewusst und erst 2011 aus den Medien davon erfahren, für extrem unglaubwürdig. Unserer Initiative liegen Berichte vor, die dies klar widerlegen."

Missbrauchsopfer – Vorwurf der "üblen Nachrede und Verleumdung"

Missbrauchsopfer – Vorwurf der "üblen Nachrede und Verleumdung"

Foto: Helikon Film

Besonders unter Druck gesetzt fühlten sich die Brüder offenbar durch die Forderung einer Entschädigungszahlung von 300.000 Euro sowie Christians Ankündigung, die Presse einschalten zu wollen.

"Mit der Presse zu drohen, kann auch an der Grenze zur Nötigung sein", sagt der zuständige Leiter der norddeutschen Ordensprovinz, Martin Kleer, dem SPIEGEL. Christian habe sich wenig kompromissbereit gezeigt und seinen Fall mit anderen verknüpft, was der Sache nicht dienlich gewesen sei. Zudem habe er vertrauliche Mails veröffentlicht. "Ich will ja keinen Streit, aber wenn er Mitbrüder beleidigt oder beschimpft, setzen wir die Gespräche aus."

10.000 Euro für eine Therapie müssen reichen

Die Schadensersatzforderung von 300.000 Euro sei viel zu hoch. "Die könnten wir gar nicht bedienen, wir würden unseren Orden gefährden", sagt Kleer. Auch bei der Übernahme von Therapiekosten sollte sich die Kirche an eine Obergrenze von 10.000 Euro halten, findet er. Die Bilanz der Hiltruper Missionare GmbH  wies zuletzt für das Jahr 2018 Gewinnrücklagen von mehr als 4,2 Millionen Euro aus.

Mit großer Verspätung hatten die katholischen Orden Ende August eine erste, unvollständige Erhebung zu Missbrauchstaten vorgelegt. Demnach erlitten 1412 Schutzbefohlene in 291 Einrichtungen in den vergangenen Jahrzehnten sexuelle Gewalt. Mindestens 654 Ordensleute sowie 58 kirchliche Angestellte wurden als Täter ausgemacht. Die Dunkelziffer von Sexualdelikten ist bekanntermaßen groß.

Einige Gemeinschaften führten an, sie könnten aufgrund finanzieller Probleme keine Entschädigungen zahlen. Die Orden wollen nun bei Schadensersatzforderungen mit der Bischofskonferenz zusammenarbeiten und hoffen auf deren – auch monetäre – Unterstützung.

Die Betroffenen blicken derweil auf ein Leben zurück, das sie ohne das Missbrauchstrauma vermutlich anders gestaltet hätten. Glücklicher, erfolgreicher. Ihnen läuft die Zeit davon.

Sendehinweis: "Der heilige Schein – Tatort Kirche", Samstag, 7. November, 20.15 Uhr auf RTLZwei