Sexueller Missbrauch in der DDR "Wir wurden gebrochen"

Sexueller Kindesmissbrauch? Durfte in der DDR nicht thematisiert werden. Das geschlossene System und der Traum von der heilen sozialistischen Gesellschaft schützten die Täter. Die Opfer wurden allein gelassen.

Missbrauchsopfer Corinna Thalheim
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Missbrauchsopfer Corinna Thalheim

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Wenn sich sein Vater "versehentlich" mit ihm im Badezimmer einschloss oder seine Mutter zur Chorprobe ging, bekam es Frank K. mit der Angst zu tun.

Wenn der Erzieher ihn auf den Schoss nahm und zwischen den Beinen streichelte, dachte Matthias B., der Mann fasse ihn an, weil er selbst keine Kinder habe.

Wenn nachts der Heimmitbewohner ins Schlafzimmer der Mädchen schlich, drehte sich Steffi J. zur Seite. Sie hoffte, wenigstens dieses Mal würde er sie in Ruhe lassen.

Frank K., Matthias B. und Steffi J. wurden in der DDR sexuell missbraucht. So verschieden ihre Erlebnisse auch sind - eines haben sie gemeinsam: Viel zu lange hat niemand sich dafür interessiert. Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche war in der DDR kein Thema, und vor allem: durfte kein Thema sein, wie die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs nun klarstellt.

Sexueller Missbrauch "passte nicht in das Bild von der heilen sozialistischen Gesellschaft", sagt Kommissionsmitglied Christine Bergmann. Daher verdrängten und schwiegen viele Betroffene jahrzehntelang, selbst nach dem Mauerfall nahm sich kaum jemand des Themas an. Das soll sich ändern.

In einer Fallstudie hat die Unabhängige Kommission den Missbrauch in der DDR mit dem Fokus auf zwei Schwerpunkte untersucht: Übergriffe in Institutionen und in der Familie. Forscher haben Archivunterlagen ausgewertet und Dokumente gesichtet. In 112 vertraulichen Anhörungen und 35 schriftlichen Berichten schilderten Betroffene ihre Erlebnisse, darunter auch Frank K., Matthias B. und Steffi J. Sie und ihre Leidensgenossen geben Einblicke in ein System voller Gewalt, Macht und Angst.

Der Missbrauch von Schutzbefohlenen betraf, wie in der alten Bundesrepublik, alle Schichten der Gesellschaft. Doch das sozialistisch geprägte Menschenbild und das geschlossene System in der DDR verstärkten die Tabuisierung, sagen die Leiterinnen der Studie, Beate Mitzscherlich und Cornelia Wustmann.

Deutlich wird das am Fall von Corinna Thalheim. Als 16-Jährige wurde sie wegen Schwänzens in den Jugendwerkhof Wittenberg eingewiesen, eine jener Einrichtungen, in denen Kinder im Sinne des Systems umerzogen werden sollten. Dreimal versuchte sie zu fliehen, dreimal wurde sie dabei erwischt. Es folgte die Verlegung in den Jugendwerkhof Torgau, der besonders berüchtigt war.

"Herz der Finsternis"

Dreieinhalb Monate lebte Thalheim in Torgau, diese Zeit habe ihr Leben ruiniert, sagt sie heute. Nachts hätten die Erzieher sie zum Direktor des Heims gebracht, der sich an ihr vergangen habe. "Wir wurden in Torgau gebrochen und kaputtgespielt", sagt Thalheim. Die Kinder und Jugendlichen seien der organisierten Gewalt der Erwachsenen willkürlich ausgeliefert gewesen.

Dunkelzellentraktes des ehemaligen Jugendwerkhofes in Torgau (Archiv)
DPA

Dunkelzellentraktes des ehemaligen Jugendwerkhofes in Torgau (Archiv)

Für Forscherin Mitzscherlich ist Torgau das "Herz der Finsternis". Dort endeten Heimkarrieren, dort hatten Erzieher das Recht auf ihrer Seite. Die Professorin für Pflege- und Gesundheitsforschung an der Westsächsischen Hochschule Zwickau stellt in der Fallstudie fest, dass in den Heimen und Werkhöfen, aber auch in Schulen und Freizeiteinrichtungen übergriffiges Verhalten institutionalisiert worden sei.

Unter dem Vorwand von Sauberkeitskontrollen vergingen sich Erzieher an ihren Schutzbefohlenen. Sie folgten ihnen auf die Toilette, ließen sie nackt im Flur antreten oder sich von den Mädchen blutige Schlüpfer zeigen, wenn diese um Hygieneartikel baten.

Das geschlossene System des Heims im geschlossenen System der DDR förderte das Vertuschen und Normalisieren sexueller Übergriffe. In diesen Einrichtungen waren die Opfer den Tätern ausgeliefert. Als Steffi J. sich einmal einer Erzieherin anvertraute und ihr von dem Missbrauch durch einen Mitbewohner erzählte, habe diese nur geantwortet: "Tut mir leid, da musst du alleine mit klarkommen."

"Wir hatten alles außer Liebe"

Auch in den Familien regierte das Schweigen. "Nach außen wurde das Bild der heilen sozialistischen Familie gewahrt", sagt Cornelia Wustmann von der Universität Dresden. Doch tatsächlich seien manche Kinder von ihren Eltern sogar zum Missbrauch verkauft worden.

Rund 20 Betroffene hätten von solchen Erfahrungen berichtet. "Ich habe anfangs auch gedacht, das kann es doch in der DDR nicht gegeben haben", sagt die ostdeutsche Forscherin Wustmann. "Ich war selbst betriebsblind sozialistisch."

Der fortgeschrittene Sozialismus habe als deliktfreie Gesellschaft gegolten. Dogmatisch sei propagiert worden, dass es keine sexuelle Gewalt gebe. Deshalb seien diese Fälle auch nicht in der Kriminalstatistik aufgetaucht. Opfer hätten sich kaum jemandem anvertrauen können, Therapieangebote habe es selten gegeben.

Christine Bergmann, Corinna Thalheim, Beate Mitzscherlich (v.l.)
DPA

Christine Bergmann, Corinna Thalheim, Beate Mitzscherlich (v.l.)

Die Familie sei für Betroffene ein Ort sozialer Kälte gewesen. "Wir hatten alles außer Liebe", erzählte eine Frau. Die Kinder waren eingeschüchtert, sie hatten Angst vor Sanktionen. Denn sie wussten, so Wustmann: Wer Probleme macht, kommt ins Heim.

So wurde Verdrängen für Betroffene zur Überlebensstrategie. Ein Großteil der Opfer sei auf sich allein gestellt, sagt Corinna Thalheim, die sich in Betroffeneninitiativen engagiert. Sie bräuchten Selbsthilfegruppen und Therapieangebote. Thalheim fordert deshalb einen Fonds beim Bundesfamilienministerium, der das Leid der Opfer offiziell anerkennt und sie finanziell unterstützt.

Absolute, repräsentative Zahlen kann die Untersuchung nicht liefern. Für die Kommission geht die Aufarbeitung weiter. Die Bundesregierung verlängerte im Dezember ihre Laufzeit um fünf Jahre. Die Mitglieder hoffen, dass noch mehr Betroffene den Mut finden, über das Erlebte zu sprechen. Damit ihr Schicksal nicht vergessen wird.

Mit Material der dpa



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