Katholische Bischofskonferenz Missbrauchs-Studie der Kirche vor dem Aus

Es sollte der Befreiungsschlag werden: Die Deutsche Bischofskonferenz beauftragte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen mit der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Doch nun steht das Projekt vor dem Aus - Bistümer weigern sich, die notwendigen Daten herauszugeben.
Deutsche Bischöfe: Kein Rückhalt für das Missbrauchs-Forschungsprojekt

Deutsche Bischöfe: Kein Rückhalt für das Missbrauchs-Forschungsprojekt

Foto: dapd

Hamburg - Es war ein großes Versprechen nach einer großen Katastrophe: Die katholische Kirche verpflichtete sich im Sommer 2011 zur Transparenz. Ein Jahr zuvor hatte der Missbrauchsskandal Gläubige in ganz Deutschland erschüttert, immer mehr Fälle wurden damals bekannt, in denen Geistliche sich an Kindern vergangen hatten - und durch eine Mauer des Schweigens gedeckt wurden.

2011 beauftragte die Deutsche Bischofskonferenz das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) mit der Aufarbeitung der Fälle. In einem Forschungsprojekt sollten die Personalakten der Kirche aus allen 27 Diözesen auf Missbrauchsfälle untersucht - und so verlorengegangene Glaubwürdigkeit zurückgewonnen werden.

Doch nun steht die Aufarbeitung nach Informationen von SPIEGEL ONLINE vor dem Aus. Institutsleiter Christian Pfeiffer beklagt, die Kirche weigere sich zu kooperieren. Ende vergangenen Jahres wandte er sich in zwei Schreiben an die Bistümer. In ihnen mahnte er die versprochene Transparenz und Kooperation an. Außerdem fragte er, ob Hinweise stimmten, wonach in einigen Bistümern aktiv Akten vernichtet worden seien.

Innerhalb der Bischofskonferenz konnte man sich offenbar nicht auf eine Form der Zusammenarbeit mit dem KFN einigen.

Strittig war in den vergangenen Monaten immer wieder der Datenschutz: Verschiedene Diözesen weigerten sich, Akten herauszugeben, weil sie angeblich fürchteten, die Anonymität der Betroffenen werde nicht gewahrt und vertrauliche Daten würden möglicherweise an die Öffentlichkeit weitergegeben. Institutsleiter Pfeiffer versicherte daraufhin bereits im April 2012, die Täterakten verließen "zu keinem Zeitpunkt die vom Generalvikar vorgesehenen Räumlichkeiten der Kirche". Ein Treffen mit aufgebrachten Geistlichen blieb damals ohne Erfolg.

Laut Bischofskonferenz befindet man sich "im Klärungsprozess"

Der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, wollte ein Scheitern nicht bestätigen, vielmehr stocke die Zusammenarbeit. "In dieser Woche wird die Entscheidung fallen, ob die Zusammenarbeit fortgesetzt wird." Derzeit befinde man sich noch "im Klärungsprozess".

Pfeiffer wirft der Kirche vor, sich nicht an die geschlossene Vereinbarung zu halten. Die Bischöfe seien nicht willens, den Vertrag einzuhalten. Er war zwischen dem Forschungsinstitut und dem "Verband der Diözesen Deutschlands" geschlossen worden. Strittig ist nun, ob einzelne Bistümer durch diese Vereinbarung als Vertragspartner des KFN gebunden sind.

Sprecher Kopp beteuert, das Vorhaben werde unabhängig vom Ausgang der Auseinandersetzung fortgesetzt: "Sollte die Zusammenarbeit mit dem KFN scheitern, würde es eine Fortführung des Projekts mit einem anderen Kooperationspartner geben."

Das Untersuchungsdesign war einzigartig in Europa: Alle 27 Diözesen wollten dem KFN Zugriff auf sämtliche Personalakten der vergangenen zehn Jahre gewähren, in neun Bistümern sollten die Untersuchungen sogar bis in das Jahr 1945 zurückreichen.

Kritik an der Studie aus den Reihen der Kirche

Die Deutsche Bischofskonferenz hatte den entsprechenden Beschluss am 20. Juni 2011 gefasst. Mitarbeiter der Kirche sollten unter Aufsicht eines Teams des KFN die Akten auf Hinweise zu sexuellen Übergriffen untersuchen. Pensionierte Staatsanwälte und Richter sollten die Arbeit vor allem durchführen und im Anschluss Akten, in denen Verdachtsfälle gefunden worden waren, auswerten.

Die Bischofskonferenz wollte durch die Untersuchung drei Fragen beantworten: Unter welchen Umständen ist es zu den Taten gekommen? Wie ist die Kirche mit den Taten umgegangen? Welche Schlüsse lassen sich ziehen, um Taten künftig zu verhindern? Das Forschungsprojekt war auf drei Jahre angesetzt, es sollte auch zum Thema haben, wie sich Täterprofile in den vergangenen Jahren verändert haben.

Das Projekt war für die katholische Kirche von enormer Bedeutung. Der Vertrauensverlust nach dem Missbrauchsskandal war enorm. Umso markiger waren die Worte des Missbrauchsbeauftragten der Bischofskonferenz, des Trierer Bischofs Stephan Ackermann, 2011: "Wir wollen auch der Wahrheit, die möglicherweise noch unentdeckt in Akten vergangener Jahrzehnte liegt, auf die Spur kommen."

Früh gab es Kritik an dem Vorhaben. Das "Netzwerk katholischer Priester", eine Gruppe vor allem konservativer Geistlicher, verwies darauf, dass "auch im normalen Arbeitsrecht Dritte keinen Anspruch auf Herausgabe der Personalakten haben".

Vorbild der Untersuchung war eine Erhebung in München: Dort hatte eine Juristin Personalakten durchgesehen - und neunmal mehr Missbrauchsfälle identifiziert, als sie vorher dem Missbrauchsbeauftragten des Bistums bekannt geworden waren.

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