Reality-Show über siamesische Zwillinge Nie allein

Brittany und Abigail Hensel teilen sich seit 22 Jahren alles. Weint, lacht oder verliebt sich die eine, ist die andere dabei. Es war nie anders, und es wird nie anders sein. Jetzt bekommen die siamesischen Zwillinge aus dem Dorf "New Germany" in Minnesota ihre eigene Reality-Show.
Ankündigung der TLC-Show "Abby & Brittany": Willkommen in unserem Leben

Ankündigung der TLC-Show "Abby & Brittany": Willkommen in unserem Leben

Foto: TLC

Hamburg - Es gibt bisher nur einen kurzen Werbeclip, 30 Sekunden ist er lang: Zwei blonde Teenager sind beim Tanzen in ihrer Küche zu sehen, beim Fahrrad- und beim Autofahren. Sie machen sich die Haare zurecht, kaufen ein, liegen im Bikini am Pool. Alles ganz normale Dinge.

Doch "Abby & Brittany", so der Titel der neuen Show  des amerikanischen Senders TLC, wird ab Dienstag einen Alltag zeigen, der für Außenstehende nicht alltäglich sein kann.

"Überall werden sie angestarrt", hört man in dem Spot eine Freundin über Abigail und Brittany sagen. Sie habe keine Ahnung, wie die beiden das jeden Tag aushielten.

Abigail und Brittany Hensel sind am Rumpf zusammengewachsen, "Dicephalus" nennen Mediziner das Phänomen, Doppelkopf. Die 22-Jährigen haben zwei Herzen, zwei Mägen und zwei Wirbelsäulen. Von der Hüfte abwärts gibt es alles nur noch einmal. Weint, lacht oder verliebt sich die eine, ist die andere dabei. Es war nie anders, und es wird nie anders sein.

Totenstille nach dem Kaiserschnitt

Ihre Mutter Patty Hensel lag am 7. März 1990 in den Wehen, ein Kaiserschnitt war nötig. "Wir standen 30 Sekunden wie erstarrt da", zitierte der SPIEGEL später eine Ärztin, die bei der Geburt dabei gewesen ist. Es habe Totenstille geherrscht als klar war, dass das Baby, das der Chirurg an den Beinen herausgezogen hatte, drei Arme hatte und zwei Köpfe.

Eine Trennung der beiden Mädchen, bei der wohl mindestens eines gestorben wäre, kam für die Eltern nicht in Frage. Nicht für Patty Hensel, Krankenschwester. Nicht für Mike Hensel, Zimmermann und Landschaftsgärtner. Als ihre Zwillinge vier Monate alt waren, wurde ihnen der dritte Arm entfernt, der verkümmert zwischen ihren Köpfen emporragte. Als sie 15 Monate alt waren, lernten sie laufen, eine Meisterleistung in Sachen Koordination. Brittany kontrolliert die linken Gliedmaßen, Abigail die rechten.

Die beiden wuchsen in dem knapp 400-Einwohner-Dorf New Germany im US-Staat Minnesota auf, in der Grundschule spielten sie in der Schlagball-Liga, später dann Klavier und Baseball.

Sie sind zwar körperlich dauerhaft aneinander gebunden; was Geschmäcker oder Vorlieben betrifft, entwickelten sie sich jedoch in unterschiedliche Richtungen. Brittany trinkt beispielsweise gerne Milch, Abigail Orangensaft. Während die eine körperlich überlegen ist, ist die andere schlauer und aufgeweckter. Und falls sie sich mal streiten? Im schlimmsten Fall geht dann gar nichts mehr. Stimmen ihre Befehle nicht überein - will Abigail zum Beispiel nach rechts, Brittany aber nach links - dann "fallen die beiden manchmal einfach zu Boden", so erzählte es Patty Hensel Ende der neunziger Jahre dem "Stern". Meist könnten sich die Zwillinge aber einigen. Falls nicht, werfe man eine Münze.

Als Abigail und Brittany sechs Jahre alt waren, traten sie bei Oprah Winfrey auf. Im selben Monat waren sie auf dem Cover des "Life"-Magazins, im Heft gab es die entsprechende Fotoreportage, man sah die Mädchen beim Schwimmen und mit Freunden. 2003 und 2007 gab es jeweils eine Dokumentation über das Leben der siamesischen Zwillinge, "Joined for Life" hieß sie, verbunden fürs Leben.

Beim Anstarren zusehen

Es passiert nicht oft, dass siamesische Zwillinge so alt werden. Meist endet ihr Leben im Mutterleib. Da es inzwischen eine sehr gute Pränataldiagnostik gebe, würden diese seltenen Schwangerschaften "in aller Regel so früh wie möglich abgebrochen", sagt Wolfgang Henrich, Chefarzt an der Klinik für Geburtsmedizin der Berliner Charité. Bei etwa einer von 100.000 Geburten handle es sich um siamesische Zwillinge.

Das bekannteste Beispiel sind die Brüder Chang und Eng Bunker. Sie wurden 1811 in Siam geboren, von ihnen stammt die Bezeichnung "siamesische Zwillinge". Sie waren an der Brust aneinandergewachsen und wurden als Sehenswürdigkeiten zur Schau gestellt. Sie heirateten später zwei Pastorentöchter und zeugten 21 Kinder, von denen elf das Erwachsenenalter erreichten. Die Bunkes-Brüder waren fast 63, als sie starben.

Auch die Zwillinge Daisy und Violet Hilton, geboren 1908, machten ihre Missbildung zu Geld: Sie waren blond und brünett, hübsch und an den Hüften zusammengewachsen. Früh wurden sie bei Ausstellungen präsentiert, später traten sie im Varieté auf und spielten 1951 in einem Film über ihr Schicksal: "Zeitlebens in Ketten". Auch sie heirateten, die Erlaubnis hatten sie sich vor Gericht erstreiten müssen. Sie wurden 60 Jahre alt.

Ab kommenden Dienstag gibt es nun also Abigail und Brittany Hensel zu sehen. Der Sender setzt verstärkt auf Dokus dieser Art - auf dem Sendeplatz vor "Abby & Brittany" läuft eine Reality-Show über ein Ehepaar mit 19 Kindern. Am Dienstag beginnt die zehnte Staffel.

Zu "Abby & Brittany" lieferte der Sender vorab nicht nur den Videoausschnitt, sondern auch Urlaubsfotos der siamesischen Zwillinge. "Abby und Brittany probieren eine Vespa in Rom aus", ist eines untertitelt. "Abby und Brittany machen Ravioli in Venedig" ein anderes. Das Publikum kann vom Fernsehsessel aus dabei zusehen, wie die Hensel-Zwillinge ihren Uniabschluss machen, wie sie durch Europa reisen, wie sie jeden Tag angestarrt werden.

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