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01. Februar 2014, 16:58 Uhr

S.P.O.N. - Helden der Gegenwart

Frauen für eine Nacht

Eine Kolumne von Silke Burmester

Begleitung gesucht: möglichst hübsch, möglichst prominent, benötigt nur für eine Nacht. Richard Lugner kauft sich jedes Jahr eine Frau, um den Wiener Opernball zu eröffnen. Nur in Österreich findet er keine. Warum eigentlich?

Österreich hat seit vielen Jahren ein veritables Problem: Die klugen Köpfe gehen nach Deutschland und machen im Nachbarland tolles Zeug. Sieht man von Hitler einmal ab, können Österreicher auf große Erfolge in Deutschland zurückblicken: Jürgen Udo Bockelmann wurde als Udo Jürgens der Inbegriff des Schlagersängers schlechthin, Ferdinand Piëch ist fett im Autogeschäft, Sarah Wiener kocht alle gesund und Helmut Thoma formte RTL zu einem Sender, dessen Ton noch heute von seinem früheren Geschäftsführer geprägt ist.

Die Österreicher haben kein eigenes Dschungelcamp, um abgehalfterten Prominenten bei der Demaskierung zuzusehen, und entsenden deshalb ab und zu Auslaufmodelle in die deutsche Ausgabe. Doch sie haben etwas viel Besseres - den Wiener Opernball!

Was uns Deutschen das Dschungelcamp auf RTL, ist den Österreichern die Eröffnung des Opernballs: Ein Voyeurs-Spektakel erster Klasse mit einer grandiosen Einschaltquote! Für beide Veranstaltungen gilt: Die Teilnehmer werden mit Sorgfalt ausgewählt, hier kommt nicht jeder rein. Und beide Veranstaltungen leben vom Wirbel um die Bekanntgabe des Überraschungsgastes. Für RTL heißt das, eine Person auszuwählen, die man für gewöhnlich nicht dem Unterschichtenfernsehen zuordnet, etwa Rainer Langhans oder Ingrid van Bergen. Für den Wiener Opernball bedeutet das zu schauen, wen der Bauunternehmer Richard Lugner, "Mörtel" genannt, als Begleitung bucht. Das sind mal Sophia Loren oder Faye Dunaway, vor drei Jahren war es die Nachtclubtänzerin und Berlusconi-Verwöhnerin Ruby Rubacuori.

Unfreiwillig offenbart Lugner neben der Abwanderung der tollen Köpfe noch eine andere Schwäche des kleinen Nachbarn: den Mangel an glamouröser Prominenz. Während in Deutschland alle Must-Be-Festivitäten mit den Glanzpaaren Veronica Ferres und Carsten Maschmeyer oder Boris und Lilly Becker bestückt sind, muss der Mörtel-König im Ausland einkaufen gehen, wenn er irgendetwas an der Seite haben will, das von seiner geringen Körpergröße, seinem glanzlosen Äußeren und seiner mangelnden Akzeptanz durch die k. u. k. Gesellschaft ablenkt.

Und während in Deutschland kleinliche Diskussionen um die Legalität von Prostitution geführt werden, kann der Namensgeber der "Lugner City" auf eine große Auswahl internationaler Erfolgsfrauen zurückgreifen, die man für eine Nacht buchen kann. Darunter sind Frauen wie Gina Lollobrigida, Claudia Cardinale und Sarah Ferguson, aber auch Trash-Kandidatinnen wie Paris Hilton und Carmen Electra. Auch ohne Freihandelsabkommen mit den USA steht Männern mit viel Geld eine Riesenauswahl an Trophy-Frauen zur Verfügung.

Lugner setzt die alte Kurtisanen-Tradition fort

Dieses Jahr hat der 81-Jährige die US-Amerikanerin Kim Kardashian gewählt, eine Frau, die in der Sparte "schaut mir beim Dasein zu" im Fernsehen erfolgreich ist und 19 Millionen Twitter-Follower hat. Doch wie schon in der Vergangenheit, könnten Lugners Augen bei der Wahl seiner Begleitung größer gewesen sein als der Verstand. Kardashian "zickt" bereits im Vorfeld ganz schön rum, sagte der österreichische Damen-Connaisseur. Mit dem Salär von wahrscheinlich einigen hunderttausend Euro, einer schönen Unterbringung und dem Flug in einer Privatmaschine sei sie nicht zufrieden, diverse Sonderwünsche habe sie geäußert. Besonders aber wurmt Lugner, dass die Ausgewählte nach der Geburt ihrer Tochter im Sommer 2013 mehr wiege als vorher. "Ich hoffe, bis zum Opernball hat sie wieder eine Model-Figur", sagte der Wiener.

Dass auf gebuchte Mätressen nur wenig Verlass ist, hatte der Opernfreund bereits 2010 erleben müssen. Damals hatte Lindsay Lohan Mörtel kurzerhand versetzt. Der Ersatz, den Lugi für die Schauspielerin fand, konnte nur unzureichend die Kriterien üppiger Weiblichkeit und sinnlicher Reize ersetzen: Dieter Bohlen. Um sich nicht noch einmal vorführen lassen zu müssen, nimmt Richard Lugner seither Doppelbuchungen vor. Neben Kim Kardashian ist für dieses Jahr auch die "Miss World 2011" Ivian Sarcos aus Venezuela bestellt.

Natürlich sieht die österreichische Gesellschaft - alter Adel mit angeheirateten, "lohnenden Partien" - jedes Mal ihr Mozartland untergehen, wenn der Mörtel mit seinen gekauften Frauen auftaucht. Dabei setzt Richard Lugner nur die alte Kurtisanen-Tradition fort, die schon zu Zeiten Mozarts Teil der höheren Gesellschaft war. Man sollte also aufhören, den Bauunternehmer als Aussätzigen zu behandeln und ihn endlich als Hüter der österreichischen Kultur würdigen. Schließlich gilt es über jeden Erfolgreichen froh zu sein, der nicht nach Deutschland abwandert.

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