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15. März 2014, 16:23 Uhr

S.P.O.N. - Helden der Gegenwart

Große Geister stört das nicht

Hundert Millionen extra hier, drei Milliarden zusätzlich dort: Ständig werden große Bauprojekte in Deutschland teurer als ursprünglich geplant. Rechenkünste spielen offenbar keine Rolle mehr - eine tolle Nachricht! Wollten Sie nicht auch schon immer einen Flughafen bauen?

Wie ich vergangene Woche schon sagte, will ich mein Augenmerk dieser Tage ausschließlich auf das Gute lenken und mal aufhören, immer an allem rumzumäkeln. Entsprechend freue ich mich, diese sehr, sehr schöne Nachricht an das Licht der Welt bringen zu können: Menschen mit einfachster Schulbildung ist der Ingenieursberuf, der des Architekten und Planers, der des Bauleiters nicht länger verwehrt. Das gleiche gilt für Kontrollberufe in der städtischen Verwaltung. Ob ein klassischer Hauptschulabschluss, ein Gesamtschul- oder Stadtteilschulabschluss auf niedrigstem Niveau - egal! Nichts steht dem Vorhaben im Wege, an großen Bauprojekten mitzuwirken. Egal, ob ein junger Mann oder eine junge Frau davon träumt, einen Konzertsaal zu bauen, einen Flughafen oder auch nur einen historischen Tunnel zu sanieren - Mathematikkenntnisse sind entgegen der weitverbreiteten Annahme völlig irrelevant!

Sicher, man sollte wissen, was ein rechter Winkel ist und wie man einen Zollstock anlegt, aber Kostenberechnungen anzustellen, Summen addieren zu können - diese Fähigkeiten werden in der öffentlichen Wahrnehmung völlig überschätzt.

Und das ist die gute Nachricht, die man an diejenigen weitergeben kann, die bislang annahmen, außerhalb einer Tätigkeit als Starbucks-Barista oder als French-Nail-Fachkraft sei nix drin. Das Gegenteil ist der Fall! Diese jungen Menschen sollen sich ein Beispiel nehmen an denen, die große Bauprojekte verantworten, und sehen: nicht rechnen können, das kann ich auch! Und so eine kleine Schwäche muss einen überhaupt nicht davon abhalten, einen derart verantwortungsvollen und im Falle öffentlicher Aufträge vom Steuerzahler finanzierten Beruf zu ergreifen.

Attraktiver Hot Spot für Verrechner: Hamburg

Gerade erst wurde bekannt, dass die Renovierung des Alten Elbtunnels in Hamburg rund 85 Millionen Euro mehr kostet, als die Planer veranschlagt hatten. Von 15 bis 17 Millionen waren sie ausgegangen - jetzt werden es wohl hundert werden. Hoppla, da ist wohl was schief gegangen! Aber das kennt man in der Hansestadt. Die Stadt, die einst für ihre redlichen Kaufleute, die "Pfeffersäcke" bekannt war, wird als Wirtschaftsstandort, als Hot Spot für Verrechner immer attraktiver. Und für diejenigen, die das Verhältnis von 15 zu 100 nicht beziffern können: Hundert Millionen sind mehr als sechsmal so viel wie die ursprünglich angesetzten 15 Mille. Ein ähnliches Kostenleck wurde etwas weiter nördlich beim Nord-Ostsee-Kanal ausgemacht. Auch hier wurden ursprünglich mehr als hundert Millionen Euro weniger veranschlagt - das muss aber niemanden ins Zweifeln bringen. Es gilt die Karlsson-vom-Dach-Devise: "Das stört keinen großen Geist!"

Auch andere Projekte wie der Berliner Flughafen (plus 3,4 Milliarden), der Stuttgarter Hauptbahnhof (plus zwei Milliarden), die Elbphilharmonie (plus 712 Millionen) machen deutlich, wie geeignet die Berufe der Bau- und Planungsbranche für Menschen sind, die Schwierigkeiten mit Zahlen haben und dennoch eine hochdotierte Stelle ohne Haftungsanspruch suchen.

In Anbetracht der aktuell geringen Zahl an Bewerbungen von Menschen mit schlechtem Schulabschluss und gefühlter Perspektivlosigkeit für diese Berufe, scheint es nötig, die Vorurteile gegenüber der Rechenschwäche zu beseitigen.

Eine Imagekampagne könnte helfen, potentielle Anwärter und Anwärterinnen anzusprechen und sie zu ermutigen, sich trotz ihrer mathematischen Unpässlichkeit für einen Planungsberuf im Baugewerbe zu entscheiden. Eine groß angelegte Plakatkampagne mit realen Verantwortlichen könnte das geeignete Mittel sein. Selbstbewusst und freundlich strahlen diese Leute in die Kamera, die Millionen an Mehrkosten stehen daneben und ein Spruch, wie "Ich kann nicht rechnen - macht aber nix!" oder "Voll verrechnet und trotzdem dabei!", komplettieren die Botschaft.

Ich finde, das ist wirklich eine ganz, ganz schöne Nachricht für all jene, die meinen, beruflich unten bleiben zu müssen, nur weil sie mal einen Pfandbon falsch abgerechnet haben oder wissen, wenn sie beim Haareschneiden zwei Zentimeter und zwölf Zentimeter verwechseln, sind sie ihren Job los. Es kann ja nicht jeder in die Politik gehen. Manche müssen auch Großprojekte verantworten.

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