SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

05. Januar 2016, 11:47 Uhr

Reaktion auf die Übergriffe in Köln

Zornig, aber nicht blind

Ein Kommentar von

Nach den Übergriffen der Silvesternacht in Köln schäumt die Wut in den sozialen Netzwerken. Der Zorn ist verständlich - aber er darf nicht zu voreiligen Schlüssen verleiten.

Da muss man doch nur eins und eins zusammenzählen: In der Silvesternacht wurden Frauen am Kölner Hauptbahnhof sexuell belästigt und bestohlen, eine Frau soll vergewaltigt worden sein. Bis Montag wurden 60 Anzeigen erstattet, etwa ein Viertel wegen sexueller Übergriffe. Zeugen beschreiben die Täter als alkoholisiert, enthemmt, als "nordafrikanisch" oder "arabisch aussehend". Einige Festgenommene sollen kopierte Aufenthaltsbescheinigungen für Asylverfahren dabei gehabt haben - so berichtet es ein Polizeibeamter dem "Kölner Express".

Das Ergebnis der simplen Rechnung steht für viele schnell fest, wie sich in den sozialen Netzwerken, auf Facebook und Twitter nachlesen lässt: Muslimische Flüchtlinge sind kriminelle Sexualstraftäter, sie hätten nie ins Land gelassen werden dürfen, und jetzt müssen sie alle abgeschoben werden.

Dieser einfache Schluss ist falsch, denn einfach ist fast nichts, versucht man die Vorgänge in der Silvesternacht in Köln zu erklären. Nur eines kann man jetzt feststellen: Die Übergriffe sind erschreckend, sie sind nicht hinnehmbar, sie dürfen sich nicht wiederholen. Die Täter müssen gefunden und bestraft werden.

Leider wird das schwierig.

Wie es heißt, waren rund tausend meist junge Männer auf der Kölner Domplatte. Wie viele davon und wer genau Straftaten begangen hat, wird sich kaum noch feststellen lassen. Soviel ist aber sicher: Es war offenbar ein Bruchteil der Anwesenden.

Auch die pauschale Schuldzuweisung, die Täter seien Flüchtlinge gewesen, ist zum jetzigen Zeitpunkt falsch. Noch wissen wir schlicht zu wenig über die Kölner Grapscher und Diebe, noch laufen die Ermittlungen. Zudem handelt es sich bei den Menschen, die in Deutschland Asyl beantragen, nicht um eine homogene Gruppe.

Waren es, wie berichtet wird, Gruppen von organisierten Diebesbanden, die den Kölner Hauptbahnhof schon seit Monaten unsicher machen und die, enthemmt von Alkohol und im Schutz der Menschenmasse, noch dreister geworden sind? Dann stellt sich die Frage, warum die Polizei gegen diese Personen nicht schon längst und entschieden vorgegangen ist - bekannt ist das Problem schon lange.

Keine Frage: Männer, die sich an Frauen vergreifen, dürfen nicht straflos davonkommen - egal, wie betrunken sie sind, aus welchem Land sie kommen oder welcher Religion sie angehören. Sollten sich die Täter von Silvester nicht ermitteln lassen, dann muss die Polizei zumindest dafür sorgen, dass sich solche Übergriffe nicht wiederholen können. Nicht in Köln und nicht andernorts.

Das ist die einzig richtige Reaktion auf die Übergriffe in Köln - nicht die pauschale Verurteilung von Flüchtlingen. Die Mehrzahl von ihnen ist nicht zu uns gekommen, um Gewalt auszuüben. Sie sind vor Gewalt geflohen.

Video: Szenerie vor dem Kölner Hauptbahnhof

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung