Skandal-Predigt in Australien Mufti gibt Unverschleierten Schuld an Vergewaltigungen

Australiens oberster muslimischer Geistlicher hat mit einer Predigt einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Unverschleierte Frauen, so hatte der Mufti gesagt, seien selbst Schuld, wenn sie Opfer sexueller Gewalt würden. Kritiker fordern nun, er solle das Land verlassen.


Hamburg - "Wenn man Fleisch unabgedeckt nach draußen auf die Straße stellt, in den Garten, in den Park oder auf den Hinterhof - und die Katzen kommen und fressen es: Wessen Schuld ist das dann - die der Katze oder die des unabgedeckten Fleisches?", fragte Scheich Taj el-Din Hamid al-Hilali in seiner Predigt vor einigen Wochen, die jetzt übersetzt worden ist - und beantwortete die Frage gleich selbst. "Das nicht abgedeckte Fleisch ist das Problem."

"Wenn die Frau sich zu Hause aufhalten würde und verhüllt wäre, gäbe es keine Probleme", hieß es in der Predigt weiter. Der Scheich verurteilte Frauen, die sich "anzüglich bewegen" und Make-up tragen - sie würden sexuelle Übergriffe provozieren. "Und der Richter kennt dann keine Gnade - und verurteilt dich zu 65 Jahren", fuhr er fort.

Die Zeitung "The Australian" druckte eine Übersetzung der Predigt, die Hilali im Fastenmonat Ramadan vor rund 500 Gläubigen gehalten hat. Ein Sprecher des Scheichs sagte, das Zitat müsse im Kontext gesehen werden. Die Richtigkeit der Übersetzung zweifelte er nicht an. Bei den Ausführungen sei es nicht um sexuelle Übergriffe, sondern um eheliche Untreue gegangen. "Er sprach über Menschen, die andere anlocken, um außerhalb der Ehe Sex mit ihnen zu haben, und dazu verlockende Kleidung tragen", erklärte der Sprecher des Geistlichen, Keysar Trad. Mit den Fleisch-Kommentaren seien Prostituierte gemeint.

Eine Aufforderung, Straftaten zu begehen

Die Äußerungen des Geistlichen haben nicht nur öffentliche Empörung, sondern auch Spannungen zwischen der konservativen Regierung und der muslimischen Gemeinde ausgelöst. Immerhin 1,5 Prozent der australischen Bevölkerung sind Muslime.

"Ich hoffe, dass die gemäßigten Muslime diese Äußerungen verurteilen werden und klar machen, dass es sich bei den Äußerungen nicht um die allgemeine Sicht des Islam handelt und dass man etwas dagegen unternehmen wird", sagte Finanzminister Peter Costello im australischen Fernsehen.

Australiens Gleichstellungsbeauftragte Pru Goward forderte, Hilali solle des Landes verwiesen werden, weil er Vergewaltigungen verharmlose. "Ich möchte die islamische Führung dazu ermahnen, ihn dazu aufzufordern, das Land zu verlassen. Wir würden das alle unterstützen", sagte sie dem Radiosender ABC. "Junge Muslime, die Frauen vergewaltigen, können vor Gericht diesen Mann, ihren Anführer, zitieren", sagte sie. Die islamische Gemeinschaft müsse mehr tun, als ihr Entsetzen zu bekunden.

Auch Vertreterinnen muslimischer Gemeinden kritisierten die Äußerungen des Scheichs: Die Bemerkungen seien "widerlich", erklärte Sherene Hassan vom islamischen Rat des Bundesstaates Victoria. Iktimal Hage-Ali, der die Regierung bei Fragen zum Islam berät, forderte den Rücktritt des Geistlichen. Premierminister John Howard erklärte: "Das sind fürchterliche und verwerfliche Bemerkungen. Die Idee, Frauen seien für ihre eigenen Vergewaltigungen verantwortlich, ist absurd."

Kritiker des Scheichs hatten ihm in der Vergangenheit vorgeworfen, die Attentäter des 11. September zu heroisieren. Hilali hatte behauptet, die Anschläge seien "Gottes Werk gegen die Schinder".

han/Reuters/AP



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