Ex-Model Sophie Rosentreter Omis Demenz änderte alles

Sophie Rosentreter war Model, MTV-Moderatorin und Playmate. Dann vergaß ihre Oma, wie die Kaffeemaschine funktionierte - und wer ihre Enkelin war. Mit dem Tod der dementen Frau begann für Rosentreter ein neues Leben.

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Als es anfing, haben sie noch Witze gemacht. Es war ja auch ulkig, irgendwie: Der Griesbrei, der leckere mit Backpflaumen, Butter und Zimt, schmeckte plötzlich salzig. "Omi, wie konntest du nur…?", fragte die Enkelin im Scherz, die Tochter lachte mit. Sie saßen am Küchentisch der alten Frau. Die schämte sich.

15 Jahre ist dies nun her und heute weiß die Enkelin, Sophie Rosentreter, dass der Griesbrei bloß der Anfang war. In den folgenden Jahren vergaß ihre Oma Ilse, wie die Kaffeemaschine funktionierte, dass sie den Herd eingeschaltet hatte, wer ihre engsten Verwandten waren. Rosentreter sagte: "Omi wird merkwürdig." Die Ärzte sagten: "Ihre Großmutter ist dement."

Das Thema Pflege und Demenz bestimmt heute Rosentreters Alltag. Die 39-Jährige hat darauf ihre Firma aufgebaut. Es ist für sie aber vor allem eine Herzensangelegenheit. Damals, am Küchentisch ihrer Oma, war das noch kaum vorstellbar - so anders war das Leben, das Rosentreter führte. Schnell. Bunt. Laut.

Modelwettbewerb mit Klum und Gottschalk

Rosentreter war 15 Jahre alt, als eine Bekannte fragte, ob sie nicht bei einem Modelwettbewerb mitmachen wolle. Thomas Gottschalk moderierte, Heidi Klum gewann. Rosentreter schaffte es bis unter die letzten sechs. Eine Modelagentur bot ihr einen Vertrag an, sie schmiss die Schule und stand weltweit vor allem für Katalogfotos vor der Kamera.

Zwei Jahre hielt Rosentreter durch, dann wollte sie es in Paris auf den Laufstegen schaffen. Es klappte nicht. "Ich war leer und musste weiterziehen", sagt sie heute über diese Zeit. In Hamburg holte sie ihr Abitur nach. Da kam schon die nächste Anfrage: MTV suche Moderatorinnen, ob sie sich nicht bewerben wolle? Rosentreter wollte, sie gab fortan das flippige Girlie, sie interviewte die Red Hot Chili Peppers auf dem Roten Platz in Moskau und Jürgen Vogel in der Sauna.

Nach MTV kam " Big Brother", Rosentreter war Außenreporterin der ersten Staffel. Bei ihrem Kreisch-Organ würde jeder Wellensittich tot von der Stange fallen, schrieb damals der SPIEGEL. In der "Süddeutschen Zeitung" hieß es: "Der Terror in Deutschland hat nun einen neuen Namen: Rosentreter."

Heute sagt sie, die Kritik habe sie kaum an sich herangelassen. Auch den Job als Moderatorin habe sie zwar gerne gemacht. Aber wie beim Modeln habe sie sich nie darüber definiert. Was sicher auch geholfen hat: Die Schlagzeilen waren zwar negativ, aber sie waren da. Der Playboy rief an, Rosentreter zog sich aus. Sie war stolz, Mutter und Oma waren es auch. Dann tischte Großmutter den versalzenen Griesbrei auf.

Engste Familienbande

Es fällt Rosentreter heute nicht schwer, über das Sterben ihrer Oma zu sprechen. Sie sitzt in einem Restaurant im Hamburger Stadtteil Winterhude, dort lebt sie inzwischen mit ihrem Freund und ihrer 14 Monate alten Tochter. Die Haare trägt sie lang und blond, dazu ein Pony und schwarzen Lidstrich. Sie ist immer noch außergewöhnlich hübsch. Wenn sie von ihrer "Omi" spricht, lacht sie viel und herzhaft.

Sie erzählt zum Beispiel, wie sie in der Eppendorfer Landstraße aufwuchs: sie und ihre Eltern im Erdgeschoss, die Oma in der Wohnung darüber. Dort trafen sich die drei Frauen täglich zum Essen, zu Frikadellen, Kirschsuppe oder Apfelpfannkuchen. Auch den Mittagsschlaf machten sie zu dritt. So ging es, bis Rosentreter, "das Sophiechen", 16 Jahre alt war und auszog.

Sophie Rosentreter mit ihrer Mutter und ihrer Oma: Drei Frauen, drei Generationen
Sophie Rosentreter

Sophie Rosentreter mit ihrer Mutter und ihrer Oma: Drei Frauen, drei Generationen

Durch die Demenz änderte sich das Verhältnis der Frauen. Es standen nicht mehr die gemeinsamen Momente im Mittelpunkt, sondern praktische Fragen: Hast du deine Medikamente genommen, geduscht, gegessen? Nach sieben Jahren stürzte Rosentreters Oma schwer, und es war klar: Daheim geht es nicht mehr. Im Pflegeheim blieb sie zwei Jahre, in der letzten Nacht war Rosentreter bei ihr, hielt ihre Hand, flüsterte ihr ins Ohr, dass es in Ordnung sei, zu gehen.

Vor allem ihre Mutter habe sehr unter der Situation gelitten, sagt Rosentreter. Sie sei daran zerbrochen, sich schuldig zu fühlen. Schuldig, dass sie manchmal die Geduld mit der Demenzkranken verloren und keine Alternative mehr zum Heim gesehen hatte. Zwei Jahre nach Rosentreters Oma starb auch ihre Mutter. Die Frauen sind nebeneinander in Hamburg beerdigt.

Start in "Ilses weite Welt"

Einen Tag nach der Trauerfeier für ihre Oma kündigte Rosentreter ihren Job bei einer Produktionsfirma, sie hatte unter anderem für "Stern TV" Reportagen produziert. Im Dezember 2010 gründete sie "Ilses weite Welt", das Motto lautet bis heute: "Demenz mit Leichtigkeit begegnen." Auf viele in der Branche muss sie wie ein Popstar gewirkt haben. Als jemand, der mal reinschnuppert, von dem man aber nicht weiß, wie lange er das Thema eigentlich ernst nimmt.

Inzwischen arbeiten sieben Personen für Rosentreter, sie hat ein Buch über Demenz geschrieben, einen Aufklärungsfilm gedreht und hält Woche für Woche Vorträge vor Betroffenen, Angehörigen und Experten. Ihr Hauptziel ist es, die Kommunikation zwischen Demenzkranken und ihren Pflegern zu verbessern.

Rosentreter war das Model, die TV-Quasselstrippe, das Playmate. Sie wurde für diese Rollen jeweils angefragt und ergriff die Gelegenheiten. Heute führt sie ein ruhigeres, langsameres Leben. Sie rappt nicht mehr mit DJ Tomek oder kocht mit Anastacia. Sie fachsimpelt jetzt mit Medizinern und streichelt über ausgedünnte, weiße Haare.

Sie habe sich bisher nie über ihren Beruf definiert, sagt Rosentreter, sich selbst nie als das Model oder die Moderatorin gesehen. Erst jetzt, mit ihrer eigenen Firma, im Umgang mit Demenzkranken, habe sie ihre Rolle gefunden. Eine, die passt und ausfüllt.



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Palisander 23.03.2015
1. Ein kluger Sprung
und verständlich. Komme selber aus der Modebranche und bin durch familäre Schicksalsschläge in die Rolle gekommen meine demenzkranke Grossmutter 4 Jahre zu pflegen. Das verändert dich als Mensch. Omi ist vor knapp 2 Monaten nach 3 wöchigem Sichtum verstorben. Ich blieb zurück. Im Augenblick versuche ich einen Weg zurück in das normale Arbeitsleben. Nicht lustig. Mit fast 50. ICh würde es denoch nie anders machen. Die Tatsache das sie mich bis zum Schluss als ihren Enkel erkannt hat, sagt mir das es die richtige Entscheidung war.
Don_Draper 23.03.2015
2. Obwohl ich es
klasse finde, dass sie sich jetzt engagiert, ist das aber leider ist der übliche Weg, man ist selbst betroffen, wird aus seiner "schönen Welt" herausgerissen und erkennt, wie das Leben auch laufen kann. Meine Freundin war nicht erst Model oder Moderatorin, sondern ist gleich Krankenschwester geworden und betreut demente Menschen, aber nicht weil Oma oder sonstige nahe stehende Personen dement sind. Wie wäre de rWeg von Frau Rosentreter wohl weiter gelaufen, ohne die demente Oma?
Pfaffenwinkel 23.03.2015
3. Mit 90 Jahren
musste auch meine demente Mutter ins Heim. Diese Schuldgefühlre deswegen blieben auch nach ihrem Tod.
Koda 23.03.2015
4. Punkto Schuldgefühle
Ich wurde vor acht Jahren im Alter von 37 Witwer. Ich habe mir oft gesagt, dass, hätte ich Dieses oder Jenes getan, meine Frau (Erkrankung) vielleicht noch leben könnte. Heute gibt mir eine Psychologin Mut, indem sie sagt: "es war nicht Ihre Schuld, dass Ihre Frau starb, das müssen Sie akzeptieren". Wenn sich also einige hier Vorwürfe machen, dass die demente Oma oder Mutter mit 90 Jahren starb, darf man nicht vergessen, dass 90 Jahre ein hohes Alter ist und dass die Pflege dementer Personen auch sehr an die Substanz geht. was ich damit sagen will: Solange man den geliebten Menschen zeitlebens gut behandelt hat, darf man sich kein schlechtes Gewissen mehr einreden.
toralf2010 23.03.2015
5. Ich finde es Klasse was sie macht
Wer findet denn schon beim ersten Mal seine Berufung für`s Leben? Jetzt hat sie ihre Berufung und hilft anderen Leuten -ich ände es nur noch besser wenn täglich über Frauen & Männer berichtet würde die sich in diesem Land den Hintern aufreissen und einen guten Job machen Die machen unser Land zu dem was es ist! Und was dem Mädel angeboten wurde hätten 99,9% aller Leute auch gemacht. Außer natürlich ladosz,(Kommentar Nr.2) ich weiß zwar nicht was der macht aber anderen dumme Kommentare senden kann er/sie.
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