Sorgerecht-Urteil für ledige Väter Schluss mit Mutti

Es mag paradox klingen - aber das europäische Urteil zum Väter-Sorgerecht ist auch ein Urteil im Sinne der Frauen. Es schafft Gleichberechtigung. Denn es bricht endlich mit dem merkwürdigen Ideal der deutschen Gesellschaft von einer Mutter, die für das Kindeswohl wichtiger sein soll als jeder andere.
Vater mit Sohn auf Schulhof: Abschied von tradierten Bildern

Vater mit Sohn auf Schulhof: Abschied von tradierten Bildern

Foto: Frank Augstein/ AP

Die Rolle der Mutter ist in Deutschland ideologisch überfrachtet. Sie stellt Frauen im Alltag vor Aufgaben, die fast nicht zu bewältigen sind.

Wenn ein Kind in Mathe einen Fünfer nach Hause bringt - Schuld der Mutter, sie hat in den Tagen vor der Klassenarbeit nicht ausreichend mit dem Sohn oder der Tochter gepaukt.

Wenn es an Allergien erkrankt - Schuld der Mutter, sie hat das Baby nicht oder nicht lang genug gestillt.

Wenn das erwachsene Kind später von einer Beziehungskrise in die nächste trudelt - Schuld der Mutter, sie hat es in den ersten Jahren nicht zufriedenstellend an sich gebunden.

Weil katholische Bischöfe, konservative Politiker und manche Bindungsforscher nicht müde werden, eine Ausnahmerolle für Mütter zu entwerfen, die irgendwo zwischen einer Heiligen und einer Nachhilfelehrerin changiert, hinkt Deutschland im europaweiten Vergleich ständig hinterher. Das betrifft die Geburtenrate genauso wie den Ausbau von Ganztagsschulen.

Mütter sind in Deutschland zusätzlich zu ihren erzieherischen Aufgaben mit einer enormen psychologischen Verantwortung beladen. Das Glück der Kinder liegt vor allem in ihren Händen. Der Druck auf die Frauen ist in dieser Hinsicht so groß, dass viele sich gleich ganz gegen Kinder entscheiden. Und von jenen, die Babys bekommen haben, bauen nicht wenige den Druck ab, indem sie sich in einen Wettkampf mit anderen Müttern stürzen, wer denn nun die bessere Mami sei. Schön zu beobachten zur Mittagszeit an deutschen Grundschulen, wenn die Hausfrauen am Schultor warten und spitze Bemerkungen abschießen gegen die berufstätigen Mütter, die wieder mal eine Babysitterin geschickt haben.

90 Prozent der Frauen wollen Beruf und Kinder miteinander vereinbaren

Das speziell deutsche Mutterbild stammt aus der Zeit Martin Luthers, als das Ideal der heiligen Familie projiziert wurde auf das Bild der leiblichen Familie. Seit der Reformation galt die Sorge um die Familie für die Frauen als das höchste Gut. Pestalozzis Erziehungsreform um 1800 erhob die Mütterlichkeit dann zur höchsten Kategorie für alle Frauen. Diese Lehre erlebte im Biedermeier große Verbreitung. Im "Dritten Reich" schließlich wurde die Mutterschaft zur nationalen Aufgabe erklärt. Das Ideal der deutschen Mutter ist ein historisches und schweres Erbe.

Doch es hat in der jüngeren Vergangenheit einige Erschütterungen erlebt. Durch die Frauenbewegung Ende der sechziger Jahre. Und in der vergangenen Legislaturperiode durch die Politik Ursula von der Leyens. Die Entscheidung für das Elterngeld und den Ausbau der Krippenplätze sind wichtige Impulse, um Müttern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern. Sie stärken ein verändertes weibliches Rollenbild.

Diese Gesetze kommen den Wünschen der jungen Frauen entgegen. In einer jüngst aktualisierten Studie "Frauen auf dem Sprung", eine Kooperation des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung mit der Zeitschrift "Brigitte", sagen 90 Prozent der befragten Frauen zwischen 17 und 29, dass sie Beruf und Kinder miteinander vereinbaren wollen.

Damit diese Wünsche Realität werden können, müssen auch die Aufgaben innerhalb der Familie gleichberechtigt verteilt werden. Vor allem die Rolle des Mannes muss sich verändern. Das Wickelvolontariat war ein Anfang.

Die Hausfrauenmutter wird zum Auslaufmodell

Wenn die Männer, statt Versorger und Wochenendpapi zu sein, mehr Aufgaben im Alltag und bei der Kindererziehung übernehmen, entsteht Raum und Zeit für die Berufstätigkeit der Frauen.

Vor allem die Generation der jungen Frauen wird von ihren Partnern in dieser Hinsicht Unterstützung erwarten. Es geht ihnen dabei nicht nur um die Erfüllung ihrer Wünsche, sondern um eine existentielle Forderung. Seit die Bundesregierung 2008 das Unterhaltsrechtrecht änderte, haben verheiratete Frauen nach einer Scheidung geringere Unterhaltsansprüche. Die "gute Partie", die den geschiedenen Ehepartner bis ans Lebensende alimentieren muss, ist damit von gestern. Die Hausfrauenmutter wird zum Auslaufmodell.

Junge Frauen haben begriffen, dass sie finanziell auf eigenen Beinen stehen müssen, auch wenn sie eine Ehe schließen, sagt die Soziologin Jutta Allmendinger. Sie leitete die Studie "Frauen auf dem Sprung". Das Unterhaltsgesetz verändert die Bundesrepublik langfristig wohl mehr als die Krippenplatzoffensive des Familienministeriums: weil es das Wertesystem unserer Gesellschaft verschiebt.

Die Entscheidung des Europäischen Gerichthofs für Menschenrechte zum Sorgerecht lediger Väter wird ähnliche gesellschaftliche Langzeitfolgen haben. Welche Folgen hat es für Väter, Mütter und Kinder in Deutschland, wenn die Bundesregierung das Sorgerecht reformieren wird?

Mehr Gleichberechtigung wird möglich

Es gibt ledigen, getrennt lebenden Vätern mehr Möglichkeiten, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Und immerhin hat fast jedes dritte Kind, das heute in Deutschland geboren wird, Eltern, die nicht verheiratet sind.

Ledige Väter werden in Zukunft also mit den Müttern ihrer Kinder auf eine Stufe gestellt. Das bedeutet weniger Diskriminierung den Vätern gegenüber, keine Allmacht mehr für die Mütter. Sie müssen und können die Verantwortung für das Kind teilen. Davon profitieren vor allem die Kinder. Und das ist gut so.

Der Gerichtshof trifft mit der Entscheidung auch eine ideologische Aussage: Väter sind wichtig für ein Kind. Die merkwürdige Idealvorstellung dieser Gesellschaft von einer Mutter, die für das Wohl des Kindes wichtiger sein soll als jeder andere, verblasst. Mehr Gleichberechtigung wird möglich.

Es ist vermutlich kein Zufall, dass dieses Urteil am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gesprochen wurde. In anderen europäischen Ländern wie Frankreich und Schweden wird die Erziehung viel einfacher an Kindergärten und Schulen abgegeben.

Die Mütter spielen dort historisch bedingt nicht die Ausnahmerolle wie in Deutschland. Zeit, dass auch wir uns davon verabschieden.

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