Sorgerecht Wenn man Papa nicht mehr lieben darf

Alec Baldwin beschimpft seine Tochter als "kleines Schwein", David Hasselhoff brüskiert seine Kinder mit einem Video. Beide geschiedenen prominenten Männer fühlen sich als Opfer im Sorgerechtskampf - und lenken den Blick auf ein in Deutschland noch weitgehend unbekanntes Phänomen: PAS, Eltern-Kind-Entfremdung.

Los Angeles - Baldwin bepöbelte seine 11-jährige Tochter Ireland am Telefon, der Audio-Mitschnitt landete später im Internet. Hasselhoff ließ sich in betrunkenem Zustand von seiner 16-jährigen Tochter filmen, das Video tauchte ebenfalls im Internet auf.

Beide Männer vermuten, dass ihre Ex-Partnerinnen die Veröffentlichungen der verfänglichen Bild- und Tondokumente lancierten, um die eigene Position im Sorgerechtstreit zu stärken.

Alex Baldwin entschuldigte später für die Pöbeleien  und sagte bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz, er sei vom seit Jahren schwelenden Sorgerechtsstreit zermürbt - und von PAS. "Parental Alienation Syndrome" (deutsch: Eltern-Kind-Entfremdung) gehört in den USA bei Sorgerechtstreitigkeiten zum Standard-Vokabular vor Gericht, in Deutschland ist das Phänomen bislang fast nur in Fachkreisen bekannt.

SPIEGEL ONLINE sprach mit der Therapeutin und Sozialarbeiterin Wera Fischer, die sich dafür einsetzt, dass PAS und damit die Bedürfnisse des Kindes bei Sorgerechtsfällen stärkere Beachtung finden.

SPIEGEL ONLINE: Frau Fischer, was ist PAS genau?

Fischer: "Parental Alienation Syndrom" liegt vor, wenn bei einer Trennung ein Elternteil es nicht ertragen kann, dass das Kind eine positive Beziehung zum anderen Elternteil hat, etwa, weil man verletzt ist oder Rachegefühle hat. Das Kind hat dann nicht mehr die Möglichkeit, den Kontakt zu beiden Eltern zu pflegen, weil es befürchten muss, "Wenn ich zum Papa gehe, verlier' ich die Mama."

SPIEGEL ONLINE: Ein Elternteil beeinflusst das Kind also gegen den anderen.

Fischer: Genau. Das Kind spaltet seine Eltern in einen "guten" und einen angeblich "bösen" Elternteil auf, bricht den Kontakt zu letzterem ab oder zeigt zumindest deutlich seine Ablehnung. Von PAS spricht man aber nur, wenn kein klarer Grund wie beispielsweise Missbrauch für dieses Verhalten vorliegt.

SPIEGEL ONLINE: Bei wie viel Prozent der Scheidungsfälle in Deutschland spielt PAS eine Rolle?

Fischer: Bei hochstrittigen Scheidungs- oder Trennungsfällen fast immer, ohne jetzt eine konkrete Zahl nennen zu können.

SPIEGEL ONLINE: In welchem Alter trifft die Kinder PAS am empfindlichsten?

Fischer: Generell kann man sagen, dass die Auswirkungen umso gravierender sind, je jünger das Kind solchen manipulativen Erfahrungen ausgesetzt ist. Das Kind macht im Kontakt mit seiner Bezugsperson die Erfahrung: "Du empfindest falsch", "Was du wahrnimmst, stimmt nicht." Das Kind glaubt deshalb, sich auf seine Wahrnehmung nicht verlassen zu können, was es dem Kind erschwert oder es nicht möglich macht, sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit zu entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Schaden richtet diese Beeinflussung an?

Fischer: Wenn ein Elternteil das positive Bild des anderen beim Kind trübt oder zu zerstören versucht, verliert das Kind die innere Freiheit, sich auch zu dem anderen Elternteil zu bekennen. Das Kind ist in einem Loyalitätskonflikt. Es merkt, "Die Mama liebt den Papa nicht mehr" und fragt sich "Darf ich Papa dann noch lieben?" Es verleugnet die eigenen Bedürfnisse, wenn es den Kontakt zu einem Elternteil abbricht. Denn im Grunde seines Herzens wünscht es den Kontakt. Für das Kind ist es eine fatale Situation, wenn es die Hälfte seiner Identität leugnen muss."

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur die Kinder, auch die Eltern leiden ja unter der Situation. Wie zeigt sich das?

Fischer: Das ist eine starke Verletzung, die einem da widerfährt. Betroffene werden oft depressiv. Ihre Leistungsfähigkeit ist eingeschränkt, oft geht das so weit, dass sie ihre Berufe nicht mehr ausüben können. Vom eigenen Kind getrennt zu sein, ist eine schlimme Erfahrung, die krank machen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sind auf Elternseite eher Mütter oder Väter die Leidtragenden von PAS?

Fischer: Das ist kein geschlechtsspezifisches Problem, sondern passiert immer dann, wenn ein Elternteil es nach der Trennung nicht aushalten kann, dass das Kind den anderen Elternteil liebt. Ich höre in Beratungsgesprächen immer wieder Sätze wie "Sicher braucht mein Kind Kontakt zum Vater, aber den Kontakt zu diesem Vater braucht es nicht." Doch das ist falsch. Beide Eltern sind für das Kind gleich wichtig. Wer das verneint - und die Einstellung, die Mutter sei wichtiger, ist immer noch weitverbreitet - schätzt die Bedürfnisse des Kindes falsch ein. Es braucht auf positive Weise Kontakt zu beiden Eltern.

SPIEGEL ONLINE: Sind auf PAS beruhende Konflikt zu lösen? Oder endet die Situation meist mit der Kapitulation des ausgegrenzten Elternteils?

Fischer: Nein, das ist nur in einem geringen Fall der Trennungen so, und zwar dann, wenn das Kind das negative Bild des Elternteils so fest übernommen hat, dass man keine Chance mehr hat, das positive noch einmal zu vermitteln. Die Kinder haben - ohne Anlass - manchmal regelrecht Angst vor dem entfremdeten Elternteil.

SPIEGEL ONLINE: Was kann der Elternteil tun, der diese Entfremdung spürt?

Fischer: Am wichtigsten ist es, den Kontakt mit dem anderen Elternteil zu suchen und in einer Beratungsstelle zu klären, was denn der wahre Grund zum Kontakt-Abbruch ist und was das Kind braucht, um die Beziehung zu beiden aufrechterhalten zu können. Das Kind braucht von dem Elternteil, bei dem es wohnt, große Unterstützung. Es muss signalisiert bekommen: "Dass wir uns nicht mehr lieben, hat nichts mit dir zu tun."

SPIEGEL ONLINE: Sollten Gerichte in solchen Konfliktsituationen stärker regulativ eingreifen?

Fischer: Ja, leider wird das bislang wenig gesehen. Man glaubt immer, man könne das den Eltern nicht zumuten oder Therapien hätten nur auf freiwilliger Basis Aussicht auf Erfolg: 'Wenn die Eltern nicht wollen, dann wollen sie halt nicht.' Ich denke, man darf sich nicht damit zufrieden geben: Hier muss die Lobby der Kinder stärker werden und sagen "Das dürfen wir nicht zulassen!".

Das Interview führte Patricia Dreyer

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