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19. Mai 2009, 06:44 Uhr

Soziale Stadt

Armes reiches München

Von und

Die Not von Rentnern, Alleinerziehenden und Niedriglöhnern wächst auch in München, jeder siebte Bewohner ist arm. Doch den Wohlhabenden der Stadt ist das nicht gleichgültig - viele helfen mit Geld, Rat und Tat. Eine soziale Erfolgsgeschichte.

Manchmal schleicht sich die Armut langsam ins Leben. So wie bei Anna Richter*. Sie war eine fleißige Schülerin, machte einen guten Abschluss, eine Lehre als Bürokauffrau - und fühlte sich doch in dieser Teenagerzeit auf eine beklemmende Weise unwohl. Die Krankheit, die sie befallen hatte, heißt Depression, was das genau war, wusste damals niemand in der Familie.

"Meine psychischen Probleme habe ich immer weggedrückt, und das kostete viel Kraft", sagt Anna Richter heute. Die zarte, blonde Frau war leistungsorientiert, ein Versagen wollte sie nicht zulassen. Ihr Körper reagierte mit Krankheiten aller Art, es kam zu Zusammenbrüchen, zum Verlust der Arbeit.

Anna Richter rutschte allmählich in die soziale Isolation ab. Sie zog sich zurück, dämmerte in ihrer Wohnung vor sich hin, öffnete ihre Post nicht mehr. Schließlich, im Jahr 2005, verlor sie ihre Bleibe und landete als Obdachlose auf der Straße. "So ein Absturz dauert lang", sagt sie im Rückblick, "und der Aufstieg dauert auch lang."

Dass Anna Richter heute wieder eine eigene Wohnung und auch Arbeit hat, verdankt sie maßgeblich dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in München. Der Verein betreibt eine Beratungsstelle und mehrere Häuser, in denen Frauen übergangsweise wohnen können; zudem vermittelt er Therapieangebote. "Denn Armut", erklärt SkF-Mitarbeiterin Roswitha Rzehak-Kufler, "geht oft einher mit psychischen Beeinträchtigungen."

Arm zu sein in Deutschland ist schlimm. Arm zu sein in München, sagt Anna Richter, sei jedoch besonders schlimm - weil die Bewohner der Stadt ihr Vermögen gern herzeigen, "da zieht man sich dann noch mehr zurück". Armut gehe aufs Gemüt, schnell verliere man jede Art von Selbstwertgefühl.

"Viele Leute denken immer noch, die meisten Arbeitslosen wollten nicht arbeiten", erklärt die Sozialpädagogin Andrea Schneider. Sie hat beim SkF viele motivierte Frauen wie Anna Richter erlebt: "Die machen zig Fortbildungen, bewerben sich 80-mal und erleben dann, dass niemand sie will."

Psychische Probleme, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Flucht aus Kriegs- und Krisengebieten - Armut hat viele Gesichter in der teuersten Stadt Deutschlands. Da gibt es Menschen, die alle Papierkörbe am Ostbahnhof durchwühlen; da gibt es jene, die in der Sendlinger Straße mit einem Pappschild ("Bin obdachlos. Bitte um eine kleine Spende") auf dem Bürgersteig betteln; und jene, die die Zeitung "Biss" verkaufen - der Titel steht für "Bürger in sozialen Schwierigkeiten".

178.600 Menschen sind nach dem aktuellen Armutsbericht betroffen, das ist jeder siebte Bewohner Münchens. Sie müssen auskommen mit maximal 810 Euro monatlich. Besonders trifft es die Kinder. 21.000 leben in prekären sozialen Verhältnissen - ihre Zahl ist in den vergangenen fünf Jahren um fast 50 Prozent gestiegen.

Einige von ihnen kann man jeden Samstag in der Wohnung von Susanne Korbmacher treffen. Nahe der Theatinerstraße mit all ihren Edelboutiquen, am Ende der Brienner Straße mit den pompösen Bankhäusern drücken ab mittags grüppchenweise Kinder mit Hunger im Bauch und Hoffnung im Kopf den Klingelknopf neben "Korbmacher".

Im Dachgeschoss dampft es aus dem Zehn-Liter-Kochtopf. "Heute gibt's Irakisch", sagt Susanne Korbmacher. Sie unterrichtet an einem Förderzentrum im Armenviertel Hasenbergl in Münchens Norden. Arbeitslosigkeit, fehlende Bildungsabschlüsse, Krankheit und nicht selten auch der Suff prägen in diesem Stadtteil das Leben vieler Erwachsener. Die deutsche Sprache ist bei Zuwanderern und Einheimischen gleichermaßen verkümmert. Es fehlt an Essen und Kleidung. An Kino, Schwimmbad oder Urlaub ist gar nicht zu denken.

An dieser Tristesse setzte Susanne Korbmacher vor acht Jahren an, gründete den Verein "Ghettokids". Für rund 250 Kinder gibt es nun Tanz- und Theaterprojekte, den Bildungssupermarkt, in dem Kinder für Kinder Bücher, Filme und Lernprogramme bereithalten - und den samstäglichen "Salon für benachteiligte Kids" bei Korbmachers unterm Dach. Die ersten Kinder kamen, um zu gratulieren. "Ich hatte Geburtstag", erinnert sich Susanne Korbmacher, "und mein Mann fragte die Kids: 'Wollt ihr was essen?'" Natürlich wollten sie, gegen Ende des Monats ist bei den meisten der Kühlschrank daheim leer. Ein paar Tage später kamen mehr Kinder aus dem Hasenbergl. "Da haben wir dann Spaghetti gekocht." Heute erscheinen Samstag für Samstag nicht selten 50 Kinder.

Im Esszimmer probt gerade eine Rapper-Band, sie nennt sich "Nichts zu verlieren". Ihr Anführer Alex ist 24 Jahre alt, trägt eine Baseballkappe und um den Hals eine Kette mit einem golden glänzenden Löwen: "Wir sind aus dem Viertel und wollen groß rauskommen."

Alex und seine Kumpels haben im letzten Jahr einen ihrer Titel auf einem Sampler veröffentlicht, bei dem auch die "Söhne Mannheims" mitmachten. "Wollt ihr mal mit meinen Augen sehen, versuchen zu verstehen, warum Leute wie ich nicht nach vorne gehen?", rappt Alex. "Dann legt mal alles ab, was ihr habt, kommt bergab zu uns herab."

Ihr da oben, wir da unten - und die Schere dazwischen: "In München gibt es eben viele extrem Reiche", sagt eine Hartz-IV-Empfängerin in Korbmachers Küche, alleinerziehende Mutter von vier Kindern. Nein, der Reichtum der anderen störe sie nicht, "die, die viel leisten, sollen so leben". Das Problem sei das allgemeine Preisniveau: Für ihre Wohnung im Hasenbergl muss sie 800 Euro im Monat berappen. Billiger geht es nicht. "Arme reiche Stadt", sagt Susanne Korbmacher.

* Name von der Redaktion geändert

Tatendrang gegen die Armut

Für München spricht: Es ist keine Stadt der Ignoranz oder des Egoismus, die Zivilgesellschaft funktioniert. Allein das Sozialwerk der "Süddeutschen Zeitung" erzielte mit seinem Adventskalender 2008 die Rekordeinnahme von knapp 5,6 Millionen Euro. Ob Fußballmanager Uli Hoeneß 25.000 Euro spendet oder Dietlinde Forster, die Ehefrau des früheren BMW-Vorstands und heutigen Europachefs von General Motors, Carl-Peter Forster, für den SkF trommelt: Die Hilfsbereitschaft der Privilegierten ist groß, und nicht wenige finden ihren Weg ins soziale Engagement über die Freiwilligen-Agentur "Tatendrang".

Initiativen wie die "Ghettokids", die weder von der Stadt noch vom Freistaat finanziell gefördert werden, sind vom Idealismus der Besserverdiener geradezu abhängig. So übernehmen Rechtsanwälte oder Unternehmensberater für Korbmachers Schützlinge Patenschaften, veranstalten gemeinsame Ausflüge, unterstützen sie bei den Hausaufgaben, hauen sie vor Gericht raus. Einer der Paten hat für einen Jungen einen 15.000 Euro teuren Internatsplatz bezahlt. Der 14-Jährige rief kürzlich an und berichtete Susanne Korbmacher von den "warmen Heizkörpern". Zu Hause im Hasenbergl gab es das nicht.

"Die Kids müssen emotionale und soziale Kompetenzen aufbauen, erst dann können sie sich gesellschaftsfähig entwickeln", sagt Korbmacher. Ihre frühen Zöglinge haben es geschafft - wie der aus dem Kosovo stammende Schauspieler Toni, 23, der schon Rollen in Kinofilmen und TV-Serien hatte: "Mit 'Ghettokids' kommst du raus aus dem Ghetto", sagt er. Man sehe danach die Welt mit anderen Augen: "Dein Umfeld ändert sich." Und Rapper Alex schwärmt: "Mit den Erfolgsquoten der Jugendlichen in diesem Raum kann keine Stadt mithalten. Du kommst hierher, und - zack - machst du einen Abschluss."

Das Problem ist nur: So viele, wie der sozialen Not anheimfallen, kann "Ghettokids" gar nicht auf den richtigen Weg bringen. Die Zahl der Armen, die sich an Sybille Loew wenden, hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. Die katholische Theologin ist eine der Leiterinnen der "Münchner Insel". Die kirchliche Beratungsstelle im Untergeschoss des Marienplatzes bietet Krisen- und Lebensberatung.

Eine neue Form von Kinderarmut, erklärt Loew, finde sich oft schon bei regulär Erwerbstätigen wie Erziehern, Verkäufern oder Sozialpädagogen. Die kämen mit Ach und Krach in München über die Runden, die täglichen 3,40 Euro für die Schulmensa aber seien für sie "einfach unerschwinglich".

Die neun Berater der "Münchner Insel" bieten psychologische, aber auch sehr konkrete Hilfe, gerade wenn das Geld knapp ist. Da kennt jemand eine Stiftung, die es möglich macht, dass eine Familie mit drei Kindern zum ersten Mal im Leben auf einen Zeltplatz nach Rimini fährt; da kennt jemand ein Ehepaar, das Brillen besorgt hat für Bedürftige; und da ist dieser Kontakt zu einem pensionierten Physiker, der einen mobilen Reparaturdienst für Haushaltsgegenstände betreibt.

In München arbeiten immer mehr Menschen zu Konditionen, die für den Lebensunterhalt nicht ausreichen. Nach Berechnungen des Sozialreferats deckt erst ein Stundenlohn von 10,50 Euro brutto die Kosten für den täglichen Bedarf - weshalb die Stadt jeden Monat 2,4 Millionen Euro ausgibt, um Vollzeitbeschäftigten in Niedriglohnbranchen die Einkünfte aufzustocken.

Für Rentner gibt es keine Aufstockung, und so beobachtet Sybille Loew, dass Pensionäre, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben, in Geldnot geraten. "Wer 1.100 Euro Rente erhält und 900 Euro Miete zahlen muss", für den werde alles zum Problem, ob es um Zahnersatz, eine neue Brille oder eine defekte Waschmaschine gehe, so Loew.

Günther Klein, 71, kennt solche Sorgen nicht. Als ehemaliger Mathematiker bezieht er ein auch für München ausreichendes Altersruhegeld. Umso mehr war ihm nach seiner Pensionierung klar: "Ich will mich für andere einsetzen." Klein schloss sich der "Münchner Tafel" an, die etwa 16.000 bedürftige Menschen wöchentlich mit rund hundert Tonnen an Lebensmitteln versorgt. Spender sind der Großmarkt, Bäckereien, Einkaufszentren, verteilt wird an 21 Standorten in der Stadt.

Klein baute, mit Mitgliedern der Caritas und der Kirchengemeinde St. Michael, eine neue Verteilstation im Stadtteil Berg am Laim auf. Jeden Freitag gibt er dort auf dem Gelände der Maria-Ward-Realschule mit anderen Ehrenamtlichen rund neun Zentner Kartoffeln und zehn bis zwölf Zentner Obst- und Südfrüchte aus, dazu noch Salat, Gemüse, Säfte, Fleisch, Milchprodukte, Backwaren, Babynahrung, Wurst, Käse und Süßigkeiten.

"Derzeit versorgen wir 230 Haushalte mit insgesamt 700 Menschen, davon sind 245 Kinder", sagt Klein. Wer sich als "Bezieher" in die Schlange einreihen will, muss sich vorher bei der Caritas einen Berechtigungsausweis besorgt haben. Wer krank ist, wird über den Lieferservice der Tafel versorgt.

Und weil der Mensch nicht vom Brot allein lebt, hat Klein in einem Holzschuppen auf dem Schulgelände noch ein Lager für Kleidung, Handtücher, Geschirr und eine Menge anderer Haushaltsartikel eingerichtet. Derzeit sind ein Schreibtisch, eine Eckbank und ein Badezimmerspiegelschrank zu verschenken, lediglich für die Lieferung nach Hause werden fünf Euro erhoben.

Klein ist ein zupackender Typ, nicht sentimental, aber voller Anteilnahme. 70 bis 80 Prozent der Bezieher sind Ausländer, schätzt er, darunter seien viele gutausgebildete Akademiker, die hier keine Arbeit fänden. "Wir helfen aus Nächstenliebe", sagt er über seine Motivation und die der rund 50 Ehrenamtlichen.

Drei Tage pro Woche investiert der Pensionär für die gute Sache, er organisiert inzwischen auch Fahrräder, Kinderbücher oder sammelt eben Zuschüsse zu Ferienlagern. Der Versorgungsbedarf, prognostiziert Klein, werde weiter steigen. Allein auf seiner Warteliste in Berg am Laim stehen 50 Haushalte.

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