Soziale Stadt Armes reiches München

Die Not von Rentnern, Alleinerziehenden und Niedriglöhnern wächst auch in München, jeder siebte Bewohner ist arm. Doch den Wohlhabenden der Stadt ist das nicht gleichgültig - viele helfen mit Geld, Rat und Tat. Eine soziale Erfolgsgeschichte.

Von und


Manchmal schleicht sich die Armut langsam ins Leben. So wie bei Anna Richter*. Sie war eine fleißige Schülerin, machte einen guten Abschluss, eine Lehre als Bürokauffrau - und fühlte sich doch in dieser Teenagerzeit auf eine beklemmende Weise unwohl. Die Krankheit, die sie befallen hatte, heißt Depression, was das genau war, wusste damals niemand in der Familie.

"Meine psychischen Probleme habe ich immer weggedrückt, und das kostete viel Kraft", sagt Anna Richter heute. Die zarte, blonde Frau war leistungsorientiert, ein Versagen wollte sie nicht zulassen. Ihr Körper reagierte mit Krankheiten aller Art, es kam zu Zusammenbrüchen, zum Verlust der Arbeit.

Anna Richter rutschte allmählich in die soziale Isolation ab. Sie zog sich zurück, dämmerte in ihrer Wohnung vor sich hin, öffnete ihre Post nicht mehr. Schließlich, im Jahr 2005, verlor sie ihre Bleibe und landete als Obdachlose auf der Straße. "So ein Absturz dauert lang", sagt sie im Rückblick, "und der Aufstieg dauert auch lang."

Dass Anna Richter heute wieder eine eigene Wohnung und auch Arbeit hat, verdankt sie maßgeblich dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in München. Der Verein betreibt eine Beratungsstelle und mehrere Häuser, in denen Frauen übergangsweise wohnen können; zudem vermittelt er Therapieangebote. "Denn Armut", erklärt SkF-Mitarbeiterin Roswitha Rzehak-Kufler, "geht oft einher mit psychischen Beeinträchtigungen."

Arm zu sein in Deutschland ist schlimm. Arm zu sein in München, sagt Anna Richter, sei jedoch besonders schlimm - weil die Bewohner der Stadt ihr Vermögen gern herzeigen, "da zieht man sich dann noch mehr zurück". Armut gehe aufs Gemüt, schnell verliere man jede Art von Selbstwertgefühl.

"Viele Leute denken immer noch, die meisten Arbeitslosen wollten nicht arbeiten", erklärt die Sozialpädagogin Andrea Schneider. Sie hat beim SkF viele motivierte Frauen wie Anna Richter erlebt: "Die machen zig Fortbildungen, bewerben sich 80-mal und erleben dann, dass niemand sie will."

Psychische Probleme, Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Flucht aus Kriegs- und Krisengebieten - Armut hat viele Gesichter in der teuersten Stadt Deutschlands. Da gibt es Menschen, die alle Papierkörbe am Ostbahnhof durchwühlen; da gibt es jene, die in der Sendlinger Straße mit einem Pappschild ("Bin obdachlos. Bitte um eine kleine Spende") auf dem Bürgersteig betteln; und jene, die die Zeitung "Biss" verkaufen - der Titel steht für "Bürger in sozialen Schwierigkeiten".

178.600 Menschen sind nach dem aktuellen Armutsbericht betroffen, das ist jeder siebte Bewohner Münchens. Sie müssen auskommen mit maximal 810 Euro monatlich. Besonders trifft es die Kinder. 21.000 leben in prekären sozialen Verhältnissen - ihre Zahl ist in den vergangenen fünf Jahren um fast 50 Prozent gestiegen.

Einige von ihnen kann man jeden Samstag in der Wohnung von Susanne Korbmacher treffen. Nahe der Theatinerstraße mit all ihren Edelboutiquen, am Ende der Brienner Straße mit den pompösen Bankhäusern drücken ab mittags grüppchenweise Kinder mit Hunger im Bauch und Hoffnung im Kopf den Klingelknopf neben "Korbmacher".

Im Dachgeschoss dampft es aus dem Zehn-Liter-Kochtopf. "Heute gibt's Irakisch", sagt Susanne Korbmacher. Sie unterrichtet an einem Förderzentrum im Armenviertel Hasenbergl in Münchens Norden. Arbeitslosigkeit, fehlende Bildungsabschlüsse, Krankheit und nicht selten auch der Suff prägen in diesem Stadtteil das Leben vieler Erwachsener. Die deutsche Sprache ist bei Zuwanderern und Einheimischen gleichermaßen verkümmert. Es fehlt an Essen und Kleidung. An Kino, Schwimmbad oder Urlaub ist gar nicht zu denken.

An dieser Tristesse setzte Susanne Korbmacher vor acht Jahren an, gründete den Verein "Ghettokids". Für rund 250 Kinder gibt es nun Tanz- und Theaterprojekte, den Bildungssupermarkt, in dem Kinder für Kinder Bücher, Filme und Lernprogramme bereithalten - und den samstäglichen "Salon für benachteiligte Kids" bei Korbmachers unterm Dach. Die ersten Kinder kamen, um zu gratulieren. "Ich hatte Geburtstag", erinnert sich Susanne Korbmacher, "und mein Mann fragte die Kids: 'Wollt ihr was essen?'" Natürlich wollten sie, gegen Ende des Monats ist bei den meisten der Kühlschrank daheim leer. Ein paar Tage später kamen mehr Kinder aus dem Hasenbergl. "Da haben wir dann Spaghetti gekocht." Heute erscheinen Samstag für Samstag nicht selten 50 Kinder.

Im Esszimmer probt gerade eine Rapper-Band, sie nennt sich "Nichts zu verlieren". Ihr Anführer Alex ist 24 Jahre alt, trägt eine Baseballkappe und um den Hals eine Kette mit einem golden glänzenden Löwen: "Wir sind aus dem Viertel und wollen groß rauskommen."

Alex und seine Kumpels haben im letzten Jahr einen ihrer Titel auf einem Sampler veröffentlicht, bei dem auch die "Söhne Mannheims" mitmachten. "Wollt ihr mal mit meinen Augen sehen, versuchen zu verstehen, warum Leute wie ich nicht nach vorne gehen?", rappt Alex. "Dann legt mal alles ab, was ihr habt, kommt bergab zu uns herab."

Ihr da oben, wir da unten - und die Schere dazwischen: "In München gibt es eben viele extrem Reiche", sagt eine Hartz-IV-Empfängerin in Korbmachers Küche, alleinerziehende Mutter von vier Kindern. Nein, der Reichtum der anderen störe sie nicht, "die, die viel leisten, sollen so leben". Das Problem sei das allgemeine Preisniveau: Für ihre Wohnung im Hasenbergl muss sie 800 Euro im Monat berappen. Billiger geht es nicht. "Arme reiche Stadt", sagt Susanne Korbmacher.

* Name von der Redaktion geändert



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Al Dente, 19.05.2009
1. Die Armut wächst in München, wie auch überall
Zitat von sysopDie Not von Rentnern, Alleinerziehenden und Niedriglöhnern wächst auch in München, jeder siebte Bewohner ist arm. Doch den Wohlhabenden der Stadt ist das nicht gleichgültig - viele helfen mit Geld, Rat und Tat. Eine soziale Erfolgsgeschichte. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,625072,00.html
Die Armut wächst in München. Kann ich bestätigen. In noch keiner anderen Großstadt sind mir die vielen Gestalten so aufgefallen, die Mülleimer nach Verwertbarem durchsuchen. Erschreckend ist das. Wie verzweifelt und arm muss man sein, dass man Mülleimer - igitt - durchsuchen muss um einigermassen über die Runden zu kommen... Mit diesem reichen Land stimmt irgend was ganz gehörig nicht. Ich habe fast mein ganzes Leben lang an das Märchen geglaubt, dass man mit Fleiss und harter Arbeit es zu etwas bringen kann in diesem Land. Das Märchen, der Traum ist für viele geplatzt. Für mich noch nicht, ich hab noch einen gut bezahlten Arbeisplatz. Aber viele andere schuften für einen warmen Händedruck. So kann das nicht weiter gehen. Da braucht man dann auch keine sozialen Unruhen herbeizureden, die kommen nämlich irgend wann dann automatisch.
reflexxion 19.05.2009
2. Mobilitätsmangel ?
Ein guter Artikel, ohne Zweifel, aber wieso zieht ein Rentner mit 1100 Euro im Monat (mehr als ich je bekommen werde) nicht in eine Region um, wo die Mieten nieriger sind?. So twas ist plan- und vorhersehbar. Schon in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts galt München als extrem teures Wohnpflaster. Ein Arbeitnehmer sollte also in der Lage sein, seinen Lebensabend geschickter zu planen, wenn er seit mindestens 3 Jahrzehnten von den hohen Mieten wusste. Kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Thema Verbundenheit mit dem sozialen Umfeld. Viele andere Menschen müssen schon zum artbeiten aus ihrer eigentlichen Heimatregion wegziehen. Ich habe nie näher als 200 km zu meinem ursprünglichen Wohnort arbeiten können, mir musste da niemand sagen, ich müsse flexibel sein, es war mir selbst klar. So habe ich dann mal 10 Jahre in Frankfurt und nun noch länger in Bayern gearbeitet. Wenn ich in den Ruhestand trete werde ich wahrscheinlich nach Berlin ziehen, zumindest sind da die Mieten noch relativ niedrig und die Dichte an Ärzten, Geschäften und kulturellen Einrichtungen ist hoch. Hinzu kommt ein optimales öffentliches Verkehrsnetz, falls man sich kein privates Auto mehr leisten kann, was wahrscheinlich ist. Ich könnte auch zurück in meine Heimat ziehen, wenn ich wollte, aber ich bin eben kein "Landmensch2 mehr. Ich würde aber auf keinen Fall 80 % meiner Rente für eine winzige Wohnung ausgeben.
Motorpsycho 19.05.2009
3. Ist schon nett, dieses München
Ist ja schön, wenn reiche Münchener gerne Spenden. Da hat man auf der nächsten Charity-Veranstaltung ja auch wieder was zu erzählen und vielleicht kommt man ja auch mal wieder mit Bild in die Zeitung. Unter einer funktionierenden Zivilgesellschaft stelle ich mir etwas anderes vor, als dass Menschen von Almosen und seien sie noch so gerne und zahlreich gegeben leben müssen.Letzendlich werden diese Almosen ja auch aus den durch hohe Mieten und Lebenshaltungskosten erzielten Einnahmen gewährt.
vatervonw, 19.05.2009
4. Sozial?
Zitat von sysopDie Not von Rentnern, Alleinerziehenden und Niedriglöhnern wächst auch in München, jeder siebte Bewohner ist arm. Doch den Wohlhabenden der Stadt ist das nicht gleichgültig - viele helfen mit Geld, Rat und Tat. Eine soziale Erfolgsgeschichte. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,625072,00.html
[QUOTE=sysop;3763593]Die Not von Rentnern, Alleinerziehenden und Niedriglöhnern wächst auch in München, jeder siebte Bewohner ist arm. Doch den Wohlhabenden der Stadt ist das nicht gleichgültig - viele helfen mit Geld, Rat und Tat. Eine soziale Erfolgsgeschichte. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,625072,00.html[/QUOTE Viele dieser Wohlhabenden haben diese soziale Not selbst geschaffen. Ausbeutung, Gier nach Rendite, Mietwucher und Aktienkurse schaffen nun mal Not, bis hin zu menschlichen Abfall. Und mit Geld kann man sogar sich ein gottgefälliges Leben kaufen. Das haben die Reichen schon immer getan.
altruist 19.05.2009
5. falsche akzente
leider greifen die medien immer zu den falschenthemen oder sie beeinflussen bewusst den wahlkampf. wahlkampfthema wäre die wachsende armut unter den 20 millionen rentner,das desinteresse an ihnen,der rentenklau,die verpatzte gesundheitsrefom,unter der die rentner besonders leiden. stattdessen werden opel,schäffler und porsche/vw in den vordergrund des medialen interesses gepushtdie betrifft nur ein paar tausend menschen.das sind die falschen akzente.
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