Speed-Hating Wut tut gut

Beim Speed-Hating lernen sich Singles kennen, indem sie sich gemeinsam über ein Thema ereifern. Kann aus vier Minuten Hass Liebe werden? Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, die Eine fürs Leben oder für die Nacht auf dem Fließband der Möglichkeiten zu finden?
Von Wlada Kolosowa

Das Einkaufszentrum Alexa hat Socken im Angebot, das neue iPad, Frozen Yoghurt und heute vielleicht die große Liebe. Wer sie sucht, muss vorbei am Fitnessstudio "Superfit", vorbei an der Eisdiele "Angelina", rein in eine Bowlinglounge. Dort drücken Mitarbeiter in T-Shirts mit Herzmuster den Besuchern Namensaufkleber auf die Brust und einen Auswertungsbogen in die Hand. "Willkommen beim Speed-Hating", sagen sie mit einem bezahnten Service-Lächeln.

Kurz zusammengefasst: Mann und Frau sitzen sich gegenüber und regen sich vier Minuten lang gemeinsam über ein Thema auf. Wird aus dem Aufregen Herzklopfen, gibt es auf dem Bewertungsbogen die Rubrik "Wiedersehen". Bei Interesse auf beiden Seiten wird die Telefonnummer ausgetauscht. Vier Minuten, dann erklingt der Gong. Die Männer wechseln zum Tisch mit der nächsten Dame.

Speed-Hating ist eine Veranstaltung aus der Reihe beschleunigte Single-Schau, wie auch Speed-Dating oder die Abwandlungen Dating in the Dark (nur reden, nicht sehen), Silent Date (nur sehen, nicht reden), Drunk Date (reden, sehen, vielleicht sogar doppelt), Song Date und all die anderen Paarfindungsveranstaltungen. Wer geht da eigentlich hin, außer Journalisten?

Es müssen Menschen mit genug Selbstironie sein, um zu ertragen, dass ihnen potentielle Partner vorgeführt werden wie Ware auf dem Fließband im Supermarkt. Oder haben sie es einfach satt, darauf zu warten, dass ihre große Liebe plötzlich auf der U-Bahn-Rolltreppe neben ihnen steht?

Ich hasse Hunde. Kinder mag ich, keine Sorge.

Zwölf Männer und zwölf Frauen, drei von ihnen Journalisten, warten im Foyer darauf, loszuhassen. Sie sehen nicht aus, als hätten sie vor den Gesetzen des freien Liebesmarkts kapituliert. Die Frisur sitzt, das Lächeln auch. Die Männer stehen in einer Ecke des Raums, die Frauen in der anderen, wie früher im elterlichen Partykeller, als die Geschlechter sich erst beim offiziellen Programm (Flaschendrehen) näherkamen.

Die Mädels betonen, dass sie "nur zum Spaß" da sind. Als Beweis führen sie die mitgebrachten Freundinnen vor. In der Männerecke wird wenig geredet und viel in den Unterlagen geblättert, die zusätzlich zum Auswertungsbogen verteilt wurden. Dort stehen Hilfestellungen, was man hassen könnte, für den Fall, dass einem nichts einfällt. Autofahrer. Hunde. Die Bahn. Frauen. Männer. Christian Wulff. Warteschlangen vor Postschaltern.

Auch eine Frau mit wunderschönen Wimpern und einem Kopf voller Locken blättert in der Mappe. Sie ist 36, hat eine Tochter im Teenageralter, arbeitet viel, da ist es nicht einfach mit der Liebe. Und die Großstadt, ach ja, die Großstadt. Beim Speed-Hating ist sie aus Neugier, aber wer weiß...

Gong.

Chris hasst die Bahn und Menschen ohne Meinung.

Patrick hasst die Bahn und Menschen, die zu spät kommen.

Christian hasst Unpünktlichkeit und die Berliner Verkehrsbetriebe.

Roland hasst Hunde, aber keine Sorge, Kinder mag er. Er ist nämlich Kindergärtner von Beruf.

Dacian hasst Ungerechtigkeit. "Und wenn wir ehrlich sind?" Wenn er ehrlich ist, mag er keine dicken Menschen.

Thomas hasst es, wenn Menschen sich über ihren Job beschweren und nicht den Mumm haben, ihn zu wechseln. Er selbst ist Eventmanager, organisiert große und kleine Partys, Hochzeitspartys, Tupperpartys, Geburtstagspartys, Taufpartys, Grillpartys.

Vier Minuten sind nicht viel Zeit, aber vier Minuten können sehr lang werden.

Zwölfmal dreht sich das Karussell aus Gesichtern, Namen und Vierminutengesprächen. Zu schnell, um den oder die Richtige zu erkennen?

Gong. Jetzt bitte alle die Fragebögen abgeben.

2010 untersuchten Jens Asendorpf und seine Kollegen 382 Speed-Dater. Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich zwei Teilnehmer wechselseitig auswählen, liegt bei 11,5 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Teilnehmer im darauffolgenden Jahr Sex haben, beträgt 5,8 Prozent, dass sie eine romantische Beziehung eingehen etwa 4,4 Prozent.

Die Allmacht des Äußeren

Silke Neberich erzählt, warum Speed-Hating besser funktionieren könnte als Speed-Dating. Sie ist Psychologin und wissenschaftliche Sprecherin der Online-Partnervermittlung "eDarling", deren Schwesterfirma zu dieser Veranstaltung eingeladen hat. Neberich sagt, dass gemeinsame Feinde stärker verbinden als gemeinsame Freunde. Dass die Erregung, die beim gemeinsamen Aufregen entsteht, oft auf den Partner projiziert werde. Außerdem würden die Begegnungen beim Speed-Hating nicht zu Bewerbungsgesprächen verkommen: "Man kann viel über die Konfliktfähigkeit und Kreativität des anderen lernen", sagt Neberich.

"So viel kann ich gar nicht trinken, um die Veranstaltung lustig zu finden", sagt eine Teilnehmerin nach dem Speed-Hating. Sie hat nur ein Kreuz gesetzt, bei einem Journalisten. "Die Männer bei solchen Veranstaltungen sehen nun mal aus wie Männer, die zum solchen Veranstaltungen gehen." Denn wie raffiniert das Setting auch sein mag: "Attraktivität spielt die größte Rolle bei der Partnerwahl", sagt Neberich. "Menschen entscheiden unbewusst innerhalb von zehn Sekunden, ob der andere als Partner in Frage kommen würde. Männer sogar schneller als Frauen.

Die Forschung bestätigt Klischees: Männer wollen jede, die eine Mindestattraktivität aufweist, wiedersehen. "Männer vergeben deutlich mehr Kreuze wie Frauen", sagt Neberich. Und je attraktiver die Damen sind, desto wählerischer. Auch für sie ist Äußeres das entscheidende Kriterium. Zusätzlich brachten laut Asendorpfs Untersuchung Merkmale des sozialen Status, geringe Schüchternheit und die vermutete Promiskuität (ja, wirklich) Pluspunkte bei den Damen.

Es sind die Gesetze, die in jeder Bar gelten: Die tollen Hechte bekommen die schönen Mädchen. Bloß, dass es hier weniger soziale Schmiere in Form von Alkohol gibt und der Geschwindigkeitsregler etwas hochgedreht wurde.

24 Menschen auf der Suche nach jemandem, der die Einzigartigkeit ihrer Existenz anerkennt, oder einfach sonntags mit ihnen "Tatort" guckt, vergeben einander Noten in einem Bowlingcenter. Man könnte es als eine Metapher für unsere beschleunigte Casting-Gesellschaft nehmen, in der man durchgefallen ist, wenn man in vier Minuten nicht von sich überzeugen kann. Stoppuhr, Textskript, Auswertungsbogen. Das Leben müsste schon sehr selbstironisch sein, um aus diesen Zutaten einen wahren Liebesfilm zu backen. Aber manchmal hat das Leben einen guten Sinn für Humor.

Man kann die große Liebe in der Kloschlange auf einer Party treffen. Oder im Supermarkt neben Regalen mit Katzenfutter. Warum auch nicht im Supermarkt der Liebe?

Die Frau mit den Locken unterhält sich mit dem Mann, der Unpünktlichkeit hasst. Ihre langen Wimpern klimpern auffällig häufig.

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