Reagenzkinder aus dem Gefängnis Künstliche Befruchtung als palästinensischer Widerstand

In israelischen Gefängnissen sitzen Hunderte Palästinenser - die trotzdem Babys zeugen. Ihr Sperma schmuggeln Kinder aus den Haftanstalten zu den Müttern. Fotograf Antonio Faccilongo hat die Frauen begleitet.

Antonio Faccilongo/ laif

Ein Interview von


Zur Person
  • Flavia Spinucci
    Antonio Faccilongo, Jahrgang 1979, ist ein italienischer Fotograf und lebt in Rom. Seine Arbeiten entstehen hauptsächlich in Asien und dem Mittleren Osten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Faccilongo, in Ihrer Fotoreportage "IvF" beschäftigen Sie sich mit künstlicher Befruchtung von palästinensischen Frauen. Wer ist Ihre Protagonistin Hana?

Faccilongo: Eine 27-jährige Palästinenserin, die in Gaza lebt. Ihr Mann verbüßt eine Gefängnisstrafe in Israel - sechs Mal lebenslang, nach israelischem Recht sechshundert Jahre Haft. Er wurde als Mitglied des bewaffneten Arms der Hamas verurteilt. Als ich Hana 2014 traf, war ihr Mann schon seit fünf Jahren im Gefängnis.

SPIEGEL ONLINE: Wann hatten die beiden denn geheiratet?

Faccilongo: Als sie 20 Jahre alt war. Manche palästinensischen Frauen gehen erst die Ehe ein, wenn ihre Männer schon im Gefängnis sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die Beziehung von Hana zu ihrem Mann aus?

Faccilongo: Ein direkter Kontakt von Besuchern und Gefangenen ist in den israelischen Gefängnissen nicht erlaubt. Wenn sich die Männer und ihre Frauen begegnen, sind sie durch eine Glasscheibe getrennt. Sprechen können sie nur durch Telefonhörer. Bei den Palästinensern ist das ein großes Thema - Frauen, die von ihren Männern getrennt sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen die Frauen damit um?

Faccilongo: Sie bitten muslimische Gelehrte um Rat. Dort wurde Hana gesagt, dass es in Ordnung sei, eine Beziehung zu einem Mann im Gefängnis zu haben. Aber die Familien der Frau und des Mannes müssen gemeinsam in der Nähe des Gefängnisses leben. So soll sichergestellt werden, dass für sie gesorgt wird, bis er entlassen wird - oder sie den Körper nach seinem Tod übergeben bekommt.

SPIEGEL ONLINE: Hana und ihr Mann haben ein Kind bekommen, als er schon für seine Mitgliedschaft im bewaffneten Arm der Hamas im Gefängnis saß.

Faccilongo: Ja, sein Name ist Hasan. Er ist heute drei.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnten sie dieses Kind zeugen?

Faccilongo: Das Kontaktverbot gilt nicht für ihre eigenen Kinder unter sechs Jahren. Diese Kinder können Sperma ihres Vaters aus dem Gefängnis schmuggeln, um es der Mutter zu übergeben, die sich dann in einer Klinik künstlich befruchten lassen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft das genau ab?

Faccilongo: Das Sperma des Vaters kommt in einen leeren Stift, der wiederum in einem Schokoriegel oder einer anderen Süßigkeit versteckt wird. Die Kinder bekommen die Süßigkeit als Geschenk, nehmen sie aus dem Gefängnis mit und geben sie der Mutter. Mit dem Röhrchen fährt sie dann zur Klinik. Vielleicht gibt es noch andere Möglichkeiten, ich habe aber nur diese kennengelernt.

SPIEGEL ONLINE: Sind sich die kleinen Schmuggler ihrer geheimen Mission bewusst?

Faccilongo: Wahrscheinlich nicht. Sie sind ja noch sehr jung und wissen nicht, wie Babys gemacht werden. Aber ich habe das nicht erfahren.

SPIEGEL ONLINE: Welche Kliniken helfen den Müttern?

Faccilongo: Ich habe zwei Fruchtbarkeitskliniken besucht. Die Razan-Klinik in Nablus und die Al-Basma-Klinik in Gaza. Normalerweise kostet die Befruchtung dort umgerechnet 3000 Euro, eine große Summe für diese Familien. Aber die Kliniken bieten den Frauen die Behandlung umsonst an. Um den palästinensischen Widerstand zu unterstützen.

SPIEGEL ONLINE: In-vitro-Befruchtung gilt in vielen Religionen als Sünde. Haben die Menschen dort keine Probleme damit?

Faccilongo: Ich habe viel im Mittleren Osten gearbeitet. Aus meiner Erfahrung heraus sind die Palästinenser die aufgeschlossensten Menschen in diesem Teil der Welt. Künstliche Befruchtung ist dort kein Tabu.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Angst, dass Ihre Bilder unangenehme Konsequenzen für die Häftlinge und ihre Familien haben könnten?

Faccilongo: In einem Fall von Spermaschmuggel wurde der Vater in ein anderes Gefängnis verlegt, nachdem das Kind zur Welt gekommen war. Mittlerweile gibt es aber eine stillschweigende Duldung, solange niemandem der eigentliche Schmuggel auffällt.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Frauen haben Sie denn während des Projekts getroffen, die auf diesem Weg schwanger wurden?

Faccilongo: Ich habe 20 von ihnen getroffen. Einige in Gaza, einige im Westjordanland. Aber nicht alle von ihnen wollten fotografiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Aus welchem Grund sind die Männer in Haft?

Faccilongo: Die meisten entstammen dem bewaffneten Arm der Hamas. Andere haben Morde begangen oder waren in welche verwickelt. Es waren aber auch Männer darunter, die an Universitäten Flyer verteilt haben, für Treffen der Hamas, auf denen über die Rechte von Palästinensern gesprochen werden sollte.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihnen Hana den Grund genannt, warum sie sich für diese Schwangerschaft entschieden hat? Mit einem Vater, der sechshundert Jahre Haft absitzt und wohl nie wieder in Freiheit mit seiner Familie leben wird?

Faccilongo: Alle Frauen haben mir die gleiche Antwort gegeben. Der erste Grund: Ihr Leben soll weitergehen, und die Israelis sollen sie davon nicht abhalten. Der zweite Grund: Sie glauben, dass dieser Krieg irgendwann aufhören wird und ihre Männer nach Hause kommen können. Dann wollen sie ihnen eine Familie geben. Der dritte Grund: Auch für sie ist dieses Kind ein Teil des palästinensischen Widerstands.

SPIEGEL ONLINE: Kindermachen als Waffe?

Faccilongo: Kein Widerstand im militärischen Sinn. Sie wollen einfach ihr Leben führen, ohne Einschränkungen. Und sie wollen Babys bekommen. Nichts soll sie davon abhalten. Hana und die anderen sind sehr starke Frauen, die ihrem Land eine neue Zukunft geben wollen.

SPIEGEL ONLINE: Und Hasans Vater?

Faccilongo: Er wird Hasan sehen können, ihn in den Arm nehmen, bis er sechs Jahre alt ist. Danach trennt sie die Glaswand.



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.