SPIEGEL-Studie Was die Deutschen glauben, hoffen, fürchten

Seine Meinung gilt, ihr Geschmack ist Gesetz: Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller regieren die Republik. Doch wie tickt der Deutsche wirklich? Wie lange steht er im Stau? Was isst er? Was treibt er im Bett? Der SPIEGEL hat die bislang umfassendste Datensammlung erstellt - der Durchschnittsbürger ist kein Phantom mehr.

Von Ralf Hoppe


Hamburg - Die Überdurchschnittlichen kennt man: In Dallas, USA, beispielsweise, bei den Mavericks, spielt so eine Ausnahmeerscheinung ziemlich gut Basketball; in Rom, im Vatikan, residiert ein außergewöhnlicher Deutscher als Oberhaupt der katholischen Kirche; und beim FC Chelsea London schießt einer überdurchschnittlich viele Tore.

Der Durchschnittsdeutsche: Ihn gibt es nicht - und doch regiert er das Land
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Der Durchschnittsdeutsche: Ihn gibt es nicht - und doch regiert er das Land

Aber was ist mit jenen, die nicht Dirk Nowitzki, Benedikt XVI. oder Michael Ballack heißen? Was ist mit uns? Mit uns, den Durchschnittlichen: Wann wachen wir auf, und wovon haben wir geträumt? Und haben wir, wenn wir nach 7,4 Stunden aufwachen, im knöchellangen Nachthemd geschlafen oder nackt? Macht uns unsere Arbeit Spaß? Wie viel Bier trinken wir? Schlagen wir unsere Kinder? Glauben wir an Gott? Und wie oft haben wir Sex?

Der Durchschnittsdeutsche ist ein merkwürdiger Kerl, genaugenommen ist es ein Vexierbild, das sich bietet. Einerseits ist der Normalbürger, der genau im Schnitt liegt, durchaus erforscht: Überall im Land liegen Daten vor, Meinungsanalysen, Verbrauchsprofile.

Die Gesellschaft für Konsumforschung etwa weiß, wie lange wir Jauch zusehen wollen, warum Anne Will nicht ankommt und ob wir einen neuen Kühlschrank kaufen wollen. Beim ADAC weiß man, wer welches Auto bevorzugt - und in welcher Altersgegend und in welchem Milieu der gefährlichste Fahrstil gefahren wird. Und die Sexualforschungsinstitute liefern Zahlen über Stellungswechsel und den segensreichen Einsatz von 21 Zentimeter langen Drei-Volt-Vibratoren, beliebtester Farbton: ein helles Rosa.

Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller, sie sind erforscht, denn um sie dreht sich alles in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Ihr Massengeschmack bestimmt, was produziert wird, wer im Kanzleramt sitzt, worüber man einschläft, abends vor dem ZDF. Alles zielt auf die Mitte, Angela Merkel und die Medien, wer vollkommen normal ist, ist der heimliche König Deutschlands, Otto, der Mittlere.

Und doch kennt man ihn nicht.

Noch nie zuvor wurden all diese Daten zu einem einzigen, großen Bild gefügt - das Bild eines ganz durchschnittlichen Tages im Leben von Otto und Lieschen, nachzulesen in der Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL. Wo keine Daten vorlagen, hat der SPIEGEL sie erhoben. In zwei Umfragewellen wurden je 1000 Deutschen befragt, auch nach Einstellungen und Haltungen. Die Ergebnisse sind überraschend: 79 Prozent aller Deutschen beispielsweise starten "eher zuversichtlich" frühmorgens in den Tag, nachdem sie im Schnitt zwölf Minuten gefrühstückt haben, wobei drei Viertel aller Deutschen morgens Radio hören.

Das Gros begibt sich im eigenen PKW, 67 Prozent, auf den Weg zur Arbeit. Es muss auch nicht der größte aller Schlitten sein - möglicherweise hat sich ein Bewusstseinswandel in Sachen Auto vollzogen. "Dicke Autos sind ein Männlichkeitsersatz" - dass in diesem Vorurteil ein Kern von Wahrheit steckt, glauben immerhin 52 Prozent. Und 42 Prozent der Befragten finden, dass Mercedes-Fahrer mit eingebauter Vorfahrt fahren. Und 72 Prozent der Befragten singen im Auto, und zwar lauthals.

Die Lieder könnten von ewiger Liebe handeln; denn die Deutschen glauben daran, zumindest theoretisch: 83 Prozent der Frauen, 81 Prozent der Männer. Mit dem Partner des besten Freundes/der besten Freundin ins Bett zu gehen, vorausgesetzt, man würde auf keinen Fall erwischt - diese Option ist auch nur für ein Prozent aller Frauen denkbar. Bei den Männern sieht es nicht so gut aus: Neun Prozent würden einen Seitensprung begehen, falls man ihnen nichts nachweisen kann.

So zeichnen Umfrage und Reportage das Phantombild eines Durchschnittsmenschen, eines Durchschnittstages - am Ende steht das Porträt eines genährten, gut ausgebildeten, bescheidenen Volkes. Ziemlich sympathisch eigentlich. Wenn es nicht so mittelmäßig wäre.

Der Tag endet früh im Reich der heimlichen Könige, um 23 Uhr vier, durchschnittlich, schläft Deutschland. 15 Minuten liegt der Durchschnittsdeutsche noch im Bett, spricht mit seiner Frau oder ihrem Mann, liest ein paar Seiten, und dann wälzt er sich auf seine Schlafseite. Um am nächsten Morgen wieder dort zu erwachen, wo er sich am sichersten wähnt, unter seinesgleichen, wo er seine Bedeutung bezieht, wo man ihn verachtet, fürchtet: in der Mitte.



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