Spitzelaffäre Tumulte nach Rücktritt des Warschauer Erzbischofs

"Ich verzichte": Mit diesen Worten hat der umstrittene Warschauer Erzbischof Wielgus kurz vor der feierlichen Amtseinführung seinen Rücktritt erklärt. In der Kathedrale der polnischen Hauptstadt kam es zu Tumulten, die geplante Zeremonie geriet zur Verteidigungsmesse.


Warschau – Sie riefen "Schande!" und skandierten minutenlang "Bleib bei uns!" Hunderte Anhänger des polnischen Geistlichen Stanislaw Wielgus in und vor der Kathedrale der Hauptstadt Warschau waren entsetzt, als dieser die beiden entscheidenden Worte ausgesprochen hatte: "Ich verzichte." Wielgus hatte sich dem öffentlichen Druck gebeugt und seinen Rücktritt als neuer Warschauer Erzbischof erklärt – nur zwei Tage nach Übernahme der Amtsgeschäfte und kurz bevor er in einer feierlichen Zeremonie eingeführt werden sollte.

Für 11 Uhr war die Messe angesetzt und in den Stunden zuvor machten bereits Gerüchte die Runde, die Amtseinführung könnte kurzfristig abgesagt werden, obwohl der Vatikan sich noch gestern zumindest offiziell mit Wielgus solidarisiert hatte. Zuvor hatte es heftige Debatten über dessen langjährige Zusammenarbeit mit dem kommunistischen Geheimdienst SB gegeben. Beobachter werteten die Nominierung Wielgus' als schweren Fehler des Papstes. Wielgus hatte sich gestern in einer Erklärung für seine früheren Geheimdienstverstrickungen entschuldigt und hervorgehoben, dass er niemanden denunziert habe. Der Geistliche gilt als Mann der Wissenschaft.

Eine halbe Stunde vor der Messe platzte die Bombe: In einer knappen Erklärung teilte das polnische Episkopat, die Vertretung des Vatikans in Warschau, mit, der Warschauer Erzbischof verzichte wegen seiner früheren Kontakte zur polnischen Staatssicherheit auf sein Amt. Er habe seinen Rücktritt bei Papst Benedikt XVI. eingereicht, der Papst habe den Rücktritt angenommen und Kardinal Jozef Glemp gebeten, die Amtsgeschäfte in Warschau als Diözesanadministrator vorübergehend zu übernehmen. Der 77-jährige Glemp war als Warschauer Erzbischof erst kürzlich aus Altersgründen zurückgetreten.

In der Warschauer Kathedrale bestätigte Wielgus seine nicht ganz freiwillige Entscheidung persönlich vor Bischöfen, Priestern und Gläubigen. Nach "tiefem Nachdenken und Einschätzung meiner persönlichen Lage" habe er sein Amt "in die Hände des Heiligen Vaters gelegt". Im Anschluss kam es in dem Gotteshaus zu tumultartigen Szenen. Die Messe wurde unterbrochen, bis Geistliche wieder für Ruhe gesorgt hatten. Wielgus beobachtete die Proteste sichtlich gerührt.

Der anschließende Gottesdienst geriet zur Verteidigungsmesse für Wielgus. Glemp verteidigte seinen verhinderten Nachfolger in seiner Predigt: "Auf der Basis von Papierfetzen, von Kopien von Kopien, wurde ein Urteil über Herrn Wielgus gefällt", sagte er. Wielgus sei "ohne Anwälte, ohne Zeugen" verurteilt worden. "Das war kein gutes Urteil", sagte Glemp unter dem Beifall der Anhänger des zurückgetretenen Erzbischofs. Die kommunistischen Geheimdienste seien "wie eine Dampfwalze" und "omnipräsent" gewesen. Wielgus sei "durch Schikanen zur Zusammenarbeit gezwungen" worden. Und auch der Apostel Petrus sei nicht ohne Fehler gewesen und habe Jesus verleugnet, doch dennoch sei ihm die Führung der Kirche anvertraut worden, sagte Glemp.

Vor der Kirche harrten Hunderte Menschen im Regen aus, unter ihnen viele ältere Menschen, die sich mit Wielgus solidarisierten, aber auch Gläubige, die auf Transparenten erklärten, ihn nicht als Bischof akzeptieren zu wollen.

Vatikan-Sprecher Federico Lombardi bezeichnete Wielgus' Rücktritt als "angemessene Lösung". "Der Verzicht auf den Stuhl von Warschau und dessen schnelle Annahme seitens des Heiligen Vaters scheint die angemessene Lösung zu sein, um auf die Desorientierung zu reagieren, die in der Nation um sich gegriffen hat", schrieb Lombardi in einer Mitteilung an Radio Vatikan. Das Verhalten von Wielgus in den Jahren des kommunistischen Regimes in Polen habe sein Ansehen schwer beschädigt, auch bei den Gläubigen, hieß es weiter.

Deshalb sei die Entscheidung zum Rücktritt angebracht, "trotz seiner demütigen und bewegenden Bitte um Vergebung". Der Fall Wielgus sei nicht der erste und wahrscheinlich nicht der letzte, in dem Persönlichkeiten der Kirche auf Grundlage der Geheimdienstunterlagen des früheren Regimes angeklagt werden, schrieb Lombardi. Gleichzeitig warnte er vor einem Rachefeldzug gegen die katholische Kirche in Polen.

Papst Benedikt XVI. hatte Wielgus am 6. Dezember zum Nachfolger des erklärten Antikommunisten Glemp an der Spitze der katholischen Kirche in Warschau bestimmt. Nachdem ihn die polnische Kirche aber der Spionage während der kommunistischen Ära Polens beschuldigte, räumte Wielgus nach anfänglicher Leugnung am Freitag, als er offiziell seinen neuen Posten angetreten hatte, öffentlich ein, für den Geheimdienst der damaligen Regierung gearbeitet zu haben.

Gestern veröffentlichte Wielgus zudem einen Hirtenbrief, in dem er seine Geheimdienstverbindungen erklärte. "Ich hatte seinerzeit den Wunsch, für mich wichtige wissenschaftliche Studien zu absolvieren und geriet in diese Verstrickung ohne die erforderliche Umsicht, Courage und Entschlossenheit zur Aufgabe dieser Kontakte walten zu lassen. Ich gestehe heute vor Euch diesen vor Jahren begangenen Fehler ein, so wie ich es zuvor schon gegenüber dem Heiligen Vater getan habe", hieß es in der Erklärung.

phw/dpa/ddp/AFP/reuters/AP



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