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04. August 2013, 16:54 Uhr

Vernachlässigte Kinder

"Nur Brot und Margarine im Kühlschrank"

Vernachlässigt, unterernährt, misshandelt - immer wieder bringen extreme Kinderschicksale Jugendämtern den Vorwurf ein, schlampig zu arbeiten. Aber wie erkennt man, wann ein Kind in Obhut genommen werden muss? SPIEGEL-TV-Reporterin Sanja Hardinghaus hat Jugendamtsmitarbeiter begleitet.

Hamburg - Lea-Sophie aus Schwerin verhungerte, Chantal aus Hamburg starb an einer Methadon-Vergiftung, Kevin aus Bremen wurde von seinem Stiefvater getötet, die Leiche in Stücke gehackt. Immer wieder sorgen entsetzliche Fälle von Kindstötung oder -vernachlässigung in Deutschland für Schlagzeilen.

Die Namen der Toten und derer, die knapp überlebt haben, sind für viele Ausdruck der zunehmenden Verrohung und Verelendung in der Gesellschaft. Stets in der Kritik sind die Jugendämter, die sich vorwerfen lassen müssen, nicht adäquat oder zu spät gehandelt zu haben.

Im vergangenen Jahr haben Jugendämter bundesweit 107.000 Fälle möglicher Kindeswohlgefährdung überprüft. 17.000-mal schritten sie wegen akuter Gefahr ein, in 21.000 Fällen stellten sie eine latente Bedrohung der Kinder fest. In der öffentlichen Wahrnehmung scheinen immer mehr Eltern ihre Kinder zu vernachlässigen oder zu misshandeln. Und in der Praxis?

"Wir haben im vergangenen Jahr 360 Kinder in Obhut genommen, das ist eines pro Tag", sagt der Leiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes im Jugendamt Braunschweig, Martin Aldinus. Früher seien es weniger als hundert gewesen. "Die Überforderung der Eltern ist gestiegen, aber glücklicherweise auch die Aufmerksamkeit der Bevölkerung", so Aldinus. Laut Statistischem Bundesamt kommen in 14 Prozent der Fälle die Hinweise von Nachbarn oder Bekannten, in 13 Prozent aus Schulen oder Kindergärten.

Doch wann genau liegt eine akute Gefährdung vor? Wann ist der Moment gekommen einzugreifen, ein Kind möglichst schnell aus der Schusslinie zu nehmen?

SPIEGEL-TV-Reporterin Sanja Hardinghaus hat Jugendamtsmitarbeiter in Braunschweig bei ihrem schwierigen Job begleitet. Oft müssen sie Eltern wie Maik M. und Nicole B. an die elementarsten Pflichten bei der Kinderbetreuung erinnern: ausreichend und möglichst gesundes Essen zur Verfügung zu stellen, zum Beispiel.

"Manchmal hatten wir nur Brot und Margarine im Kühlschrank", sagt die Tochter, ein zartes brünettes Mädchen im roten T-Shirt. Die Wohnung ist kahl, es riecht streng, die Scheibe einer Tür ist zerbrochen. Die dreifache Mutter Nicole B. ist seit dem Besuch der Jugendamtsmitarbeiter verzweifelt: "Man kann mir alles nehmen, aber nicht meine Kinder", sagt sie und weint. "Ich habe total Angst, dass wieder einer kommt und uns in die Pfanne haut."

Deshalb haben sie und Maik M. jetzt die Wohnung aufgeräumt und Gemüse eingekauft. Sie geben sich Mühe. "Das Kindswohl ist hier noch nicht akut gefährdet", sagt Martina Liehr vom Jugendamt Braunschweig. "Für die Kinder ist es noch in Ordnung." Man werde weiter ein Auge auf die Familie haben.

Es gibt aber auch Fälle, in denen eine sogenannte Inobhutnahme unausweichlich wird. Wie bei der Mutter eines eineinhalbjährigen Jungen, die nachts mit Lärm und Gepolter bei den Nachbarn für Ärger sorgt. Die extrem gläubige Frau lebt allein mit ihrem Sohn, scheint überfordert, psychisch labil und leicht erregbar.

"Das Kind bekommt keine Aufmerksamkeit, weil die Mutter mit anderen Dingen beschäftigt ist", so formuliert es die Jugendamtsmitarbeiterin. Das bedeutet im Klartext: Sie ist nicht in der Lage zu erkennen, was das Kind braucht, was ihm gut tut und was ihm schadet, und ihm einen geregelten Tagesablauf zu bieten.

Als Liehr die Nigerianerin bittet, sie mit dem Sohn in eine Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung zu begleiten, wird die Frau wütend, wehrt sich und versucht zu fliehen. Die Polizei muss eingreifen. "Das Kindeswohl ist in diesem Fall akut gefährdet", sagt Liehr. "Wir werden innerhalb von 48 Stunden einen Gerichtsbeschluss erwirken, damit das Kind untergebracht werden kann."

Jugendämter sprechen von Kindeswohlgefährdung, wenn das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes bereits geschädigt wurde - aber ebenso, wenn dies zu erwarten ist und die Sorgeberechtigten nichts dagegen unternehmen.

Tatsächlich gibt es Fälle, in denen die Erziehungsberechtigten selbst ihre Defizite erkennen und die Kinder auch gegen deren Willen der Obhut des Staates anvertrauen. Die 43-jährige Corinna W. - hellblondes Haar, pinkfarbene Strähne, grüne Brille - ist so ein Fall. Sie verzweifelt an den heftigen Auseinandersetzungen mit ihrem pubertierenden Sohn, seiner Renitenz und der Aggression, mit der beide ihre Kämpfe austragen. Sie zweifelt an ihrer eigenen Erziehungsfähigkeit. "Ich habe Probleme", sagt sie. Als das Jugendamt eine Inobhutnahme des Kindes empfiehlt, ist sie untröstlich, aber auch ein bisschen erleichtert: "Es ist traurig, aber es geht nicht anders."

Sendetermin : SPIEGEL TV Magazin, Sonntag, 4. August 2013, 21.50 - 22.35 Uhr, RTL

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