Städtepartnerschaft Eine Prinzessin für Helgoland

Vor 150 Jahren unterschrieb der Sultan von Sansibar mit den Hansestädten Hamburg, Bremen und Lübeck ein Handelsabkommen. Jetzt soll die ostafrikanische Trauminsel eine überraschende Städtepartnerschaft eingehen - mit dem spröden norddeutschen Pinneberg.

Sansibar. Schon das Wort weckt Sehnsucht nach der tropischen Insel vor der ostafrikanischen Küste. Weiße Strände, bunte Fischerboote, schöne Frauen und Männer, der Duft von Gewürzen und süßen Früchten.

Pinneberg. Die schleswig-holsteinische Gemeinde am Westrand der Hansestadt Hamburg weckt andere Assoziationen. Schlechteste Autofahrer im Norden, Kennzeichen PI, öde Gewerbebauten, gesichtslose Innenstadt, spießiger Muff.

Strand von Sansibar (li.), Helgolands Nordwesten: "Big Present" für die Sansibari?

Strand von Sansibar (li.), Helgolands Nordwesten: "Big Present" für die Sansibari?

Foto: DPA; REUTERS

Trotzdem sollen die beiden ungleichen Partner in einer Städtepartnerschaft zusammenfinden. Der Grund ist – typisch Pinneberg - eine verwaltungsmäßige Besonderheit. Denn der Kreis Pinneberg ist auch zuständig für die gut 160 Kilometer entfernte Nordseeinsel Helgoland, die als "amtsfreie Gemeinde" Schleswig-Holstein zugeordnet ist.

Und da trifft große Weltpolitik auf bodenständiges Schleswig-Holsteintum. Es war kein Geringerer als der Eiserne Kanzler Bismarck, der zum Ende seiner Amtszeit die Chance erkannte und mit der britischen Kolonialmacht einen Deal vorbereitete, den sein Nachfolger Leo Caprivi umsetzte. Einerseits verzichtete das noch wenig kolonial ausgerichtete Deutsche Reich auf Gebietsansprüche in Uganda, Botswana und an der Somaliküste und überließ auch die Tropeninsel Sansibar den Briten.

Andererseits verpflichteten sich die Briten, das Kleinod Helgoland in der Elbemündung, das sie selbst zuvor den Dänen abgekämpft hatten, den Deutschen zu übergeben. Strategisch nicht unwichtig, da ein britischer Vorposten in der Deutschen Buch die geplante Schiffspassage des neuen Nord-Ostsee-Kanals hätte empfindlich stören können.

Der Sansibar-Helgoland-Vertrag von 1890 war ein Agreement unter kolonialen Gentlemen, denn von 1885 bis 1918 hieß das heutige Tansania offiziell Deutsch-Ostafrika. Auch der Hamburger Kaufmann Heinrich Ruete lernte in Sansibar im Sultanspalast seine Traumfrau kennen. Die schöne Prinzessin Sayyida Salme, bald von ihm im 4. Monat schwanger, floh auf dem britischen Kriegsschiff "Highflier" vor der drohenden Steinigung in Sansibar.

Als Emily Ruete lebte sie fortan in Hamburg - und kämpfte vergeblich um ihr Erbteil von Pflanzungen und Besitzungen auf Sansibar. Nach dem frühen Tod ihres deutschen Mannes verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt als Lehrerin für Arabisch und schrieb einige Bücher, so die Memoiren einer arabischen Prinzessin. Ihr Grab befindet sich heute auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf.

"Sansibar ist doch so weit weg"

Bei so engen geschichtlichen Verflechtungen wundert es, dass die Partnerschaft Sansibar-Helgoland nicht schon längst unterschriftsreif ist. Unermüdlich trommelte der Hamburger Honorarkonsul für Tansania, Jürgen Gotthardt, 71, seit Jahren für diese Verbindung. Zwar hat Helgoland nur 1600 Einwohner auszuweisen, während Sansibar die Million längst überschritten hat. Und auch der Kreistag von Pinneberg hat noch im Frühjahr einen Antrag zur Städtepartnerschaft gar nicht erst prüfen wollen, da man - typisch Pinneberg - nicht so genau wisse, was auf einen zukomme. Vor allem finanziell. Ein ehemaliger SPD-Kreistagsabgeordneter, der inzwischen für die Linken den roten Felsen vertritt, wollte etwas von einem "big present" gehört haben, das die Sansibari erwarteten.

Der Sprecher der Linken, Gerwin Bastrup, die auf der Nordseeinsel als bundesweit kleinster Kreisverband der Partei bei 17 Mitgliedern 16,1 Prozent der Stimmen bei der Kommunalwahl verzeichneten, ist ob des verlockenden Sansibar-Angebots hin und her gerissen. "Wir sind zwar Internationalisten, aber Sansibar ist doch so weit weg, dass wir gegen eine Partnerschaft sind." Stattdessen fordert Oskar Lafontaines Außenposten in der Nordsee "Fährverbindungen zum dänischen Insel Rœmo" als auch die Beibehaltung der "Ausbootung auf Helgoland".

In einem Schreiben teilte der Staatsminister des Präsidenten von Sansibar, Mwinyihai Makme, den zweifelnden norddeutschen Kommunalpolitikern mit, dass man keinerlei finanzielle Interessen verfolge, sondern auf eine Belebung von Tourismus, Kultur und Ausbildung setzt. "Wegen unsrer gemeinsamen Vergangenheit würden wir eine Partnerschaft auf gleicher Ebene sehr begrüßen", schreibt Makme. Und auch Kreistagspräsident Burhard Tiemann ist "optimistisch", die beiden Eilande zusammenzuführen, auch wenn es noch "ein langer Weg" sei.

Eine Prinzessin für Pinneberg - "Wäre das nicht ein Traum?"

Zur Überzeugungsarbeit wollen Nachfahren der schönen Prinzessin jetzt selbst anreisen. Mitte Februar will Gotthardt mit einer hochkarätigen Mission von Vizepräsidenten, Tourismusminister und Sansibar-Politikprominenz einen Helgoland-Flieger in Büsum besteigen. Noch vor der Eröffnung einer großen Sansibar-Woche ab Mitte Februar, mit Ausstellung im Hamburger Rathaus, absolviert die Delegation aus Sansibar einen Ortstermin auf der Nordseeinsel.

Helgolands Bürgermeister Frank Botter hält zwar seine "Türen für alle Besucher offen", hat aber schwere Zweifel, wie er eine Städtepartnerschaft mit dem rund 14.500 Kilometer entfernten tropischen Eiland "mit Leben erfüllen kann." Schon bei der jetzigen Partnergemeinde Millstatt im österreichischen Kärnten sei das "schwer genug".

Immerhin bestehen schon engere Beziehungen zwischen der evangelischen Kirchengemeinde St. Nikolai der Nordseeinsel und dem überwiegend islamisch geprägten Sansibar. Und auch einen gebrauchter Feuerwehrwagen haben die Helgoländern 1990 zum hundertjährigen Jubiläum der Zugehörigkeit zu Deutschland den weit entfernten Inselpartnern gestiftet. Pinneberg könnte sich jedenfalls freuen, eine echte arabische Prinzessin zu bekommen. Honorarkonsul Gotthardt: "Wäre das nicht ein Traum?"

Jedenfalls ist eine andere deutsch-afrikanische Städtepartnerschaft zwischen Tansanias Hauptstadt Daressalaam und Hamburg für 2010 fest verabredet. Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Christa Goetsch ist schon für den Juni zum offiziellen Besuch im tansanischen Sansibar verabredet.

Pinneberg hat jetzt seine Chance.

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