Gegen den Willen der Eltern Ärzte wollen Geräte bei Wachkomapatient abschalten

Seit elf Jahren liegt der Franzose Vincent Lambert in einer Art Wachkoma. Seine Frau will, dass er sterben darf. Seine Eltern sind dagegen - aber scheiterten nun endgültig vor Gericht.

Vincent Lambert im Jahr 2015
COURTESY OF THE FAMILY/ AFP

Vincent Lambert im Jahr 2015


Hätte Vincent so leben wollen? Diese Frage stellen sich Familie und Freunde des 42-jährigen Franzosen seit Jahren jeden Tag. Vincent Lambert erlitt bei einem Motorradunfall im Jahr 2008 schwere Hirnverletzungen. Er dämmert seitdem in einem Zustand, den Ärzte minimales Bewusstsein nennen und ist querschnittsgelähmt.

Lamberts Augen bewegen sich zwar und reagieren reflexartig auf Lärm, bleiben aber meist ausdruckslos. Er ist auch in der Lage zu weinen, sein Körper empfindet Schmerzen. Sprechen kann er nicht. Ein Schlauch versorgt den heute 42-Jährigen mit Nahrung und hält ihn so am Leben.

Seine Frau und sechs seiner acht Geschwister fordern seit Jahren, die künstliche Ernährung einzustellen. Lambert würde dann sterben. Seine katholischen Eltern und seine anderen beiden Geschwister wollen die Behandlung dagegen fortsetzen. Lamberts Zustand ist für sie keine "unheilbare Hirnkrankheit", sie sehen ihren Sohn und Bruder als "behindert". Im Jahr 2015 sorgte ein Video von Lambert für Aufsehen, das ihn zeigt, wie er seinem Bruder zublinzelt und den Mund bewegt. Seine Eltern wollten damit zeigen, dass ihr Sohn sehr wohl auf äußere Reize reagiert.

Die behandelnden Ärzte bezeichneten die Reaktionen dagegen als Reflexe, die auch in einem nahezu vegetativen Zustand auftreten können. Eine deutliche Verbesserung schließen die Mediziner aus. Wie die Ehefrau sprechen sie sich dafür aus, die Geräte abzuschalten.

Was Lambert selbst gewollt hätte, ist unklar. Eine Patientenverfügung hatte er nie ausgefüllt. Er hatte auch nie klar geäußert, was er sich wünscht, sollte er jemals einen schweren Unfall haben. Seine Familie hat diese Frage zerrissen, sie zogen bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR).

"Meiner letzter Beweis der Liebe"

Die Richter entschieden bereits 2015, dass die künstliche Ernährung beendet werden dürfe. Ein Einspruch der Eltern war vor wenigen Wochen abgelehnt worden. Auch der französische Staatsrat als oberstes Verwaltungsgericht hält ein Abschalten für zulässig.

Nun teilten die Ärzte mit, die lebenserhaltenden Maßnahmen Ende Mai beenden zu wollen. Die Familie sei bereits Anfang April über die Entscheidung informiert worden. Wird die Ernährung über die Sonde eingestellt, stirbt ein Wachkomapatient meist innerhalb weniger Tage. "Vincent gehen zu lassen", sagte seine Frau Rachel im Jahr 2013, "ist mein letzter Beweis der Liebe."

In Deutschland gilt das Einstellen künstlicher Ernährung als passive Sterbehilfe, die nicht strafbar ist. Voraussetzung dafür ist jedoch der ausdrückliche Wille des Patienten. Seit 2009 können Bürger in einer Patientenverfügung im Vorhinein schriftlich festlegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen medizinisch behandelt werden möchten.

koe/AFP



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