EKD-Chef Bedford-Strohm zur Sterbehilfedebatte »In der Realität ist Suizid etwas Tragisches, etwas Trauriges«

Für den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche ist Suizid keine normale Option des Lebensendes. Heinrich Bedford-Strohm setzt auf bessere palliative Versorgung.
Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und EKD-Ratsvorsitzender

Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und EKD-Ratsvorsitzender

Foto: Daniel Karmann / DPA

Bei der nötigen Neuregelung der Sterbehilfe besteht die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) darauf, den Lebensschutz so weit wie möglich zu stärken.

Das Verfassungsgerichtsurteil aus dem vergangenen Jahr erfordere rechtliche Regelungen, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm. Aber: »Wir müssen alles vermeiden, was als Konsequenz dieses Urteils den Suizid zu einer normalen Option des Lebensendes macht. Das darf nicht passieren. Es hat seinen guten Sinn, dass der Schutz des Lebens intuitiv sehr stark verwurzelt ist in unserer Kultur, aber auch in uns selbst.«

Debatte im Bundestag

Der Bundestag wird an diesem Mittwoch zwei Stunden lang über das Thema Sterbehilfe diskutieren. Es gibt inzwischen drei verschiedene fraktionsübergreifende Abgeordneteninitiativen für neue Regeln.

Die Neuregelung ist notwendig, weil das Bundesverfassungsgericht vor gut einem Jahr ein seit 2015 geltendes Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe gekippt hat. Es verletze den Einzelnen im Recht auf selbstbestimmtes Sterben, urteilten die Karlsruher Richter damals nach Klagen von Schwerkranken, Sterbehelfern und Ärzten.

Dieses Recht schließe die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen. Das gilt ausdrücklich für jeden, nicht nur für unheilbar Kranke. Das Urteil stieß die Tür für organisierte Angebote auf – aber auch mit Regulierungsmöglichkeit wie Beratungspflichten oder Wartefristen. (Az. 2 BvR 2347/15 u.a.).

Suizid als Niederlage

»Das Autonomie-Ideal, das dort ins Zentrum gestellt wurde, so als ob der Suizid etwas wäre, wo man sich nach gründlicher Überlegung und als Akt der Freiheit entscheidet, aus dem Leben zu scheiden, das ist ziemlich weit weg von der Realität«, sagte Bedford-Strohm. »In der Realität ist Suizid etwas Tragisches, etwas Trauriges. Letztlich ist er für mich auch eine Niederlage.« Denn es sei dann offensichtlich nicht gelungen, diesen Menschen so zu begleiten, palliativ und auch sozial, »dass er einen Weg gesehen hat, sein Leben weiterzuführen und dann das Sterben in Gottes Hand zu legen«.

Tötungshemmung des Menschen ist gut

Es sei gut, dass die Menschen eine ausgeprägte Tötungshemmung hätten und auch eine Hemmung, sich selbst das Leben zu nehmen. »Das darf nicht eingeebnet werden. Das ist das Allerwichtigste«, sagte der bayerische Landesbischof.

Gleichzeitig dürfe man nicht »moralisch hinwegsegeln« über extreme Dilemma-Situationen, Leidenssituationen, wo Menschen keinen anderen Weg mehr sehen. Moralische Normen müssten kontext-sensibel sein: »Sie dürfen auch nicht dazu führen, dass man seine Empathie ausschaltet angesichts von flehentlichen Hilferufen.« Es sei wichtig, dass Gewissensspielräume für jene blieben, die wie Ärzte direkt mit Patienten zu tun hätten.

Bedford-Strohm forderte, die Prävention, die palliative Versorgung weiter zu stärken. »Im Pflegebereich muss die Ausstattung so sein, dass Menschen auch wirklich menschlich begleitet werden können. Das muss uns auch etwas wert sein.« Die Krankenkassen- und der Pflegeversicherungsbeitrag müssten entsprechend beschaffen sein.

ala/dpa
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