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Sterbehilfe in den USA: Debatte um Leben und Tod

Foto: Ron T. Ennis/ dpa

Sterbehilfe-Debatte in den USA Wo beginnt der Tod?

Hirntod. Eine Diagnose, zwei tragische Fälle, die in den USA die Debatte um Sterbehilfe anfachen. Ist Jahis Familie im Recht, wenn sie darauf beharrt, die 13-Jährige an Maschinen weiterleben zu lassen? Oder Erick, der seine Frau sterben lassen will, obwohl sie schwanger ist?

Jahi McMath starb vor fünf Wochen. Nach einer Mandeloperation traten bei der 13-Jährigen aus dem kalifornischen Oakland unerwartete Komplikationen auf, die Ärzte erklärten sie für hirntot. Auf Betreiben der Familie - und gegen den Willen der Mediziner - wird sie aber von Maschinen künstlich am Leben erhalten.

"Ich will, dass sie mehr Zeit bekommt", erklärte Jahis Mutter Nailah Winkfield. "So oft hört man, dass Menschen in ihrer Lage aufwachen."

Fast 3000 Kilometer entfernt in Texas hängt die ebenfalls hirntote Marlise Muñoz, 33, sogar schon seit Ende November an einem Beatmungsgerät. Hier verhält es sich genau andersherum: Da Muñoz im vierten Monat schwanger war, als sie zu Hause kollabierte, besteht das Krankenhaus auf lebensverlängernden Maßnahmen, um so zumindest das ungeborene Baby zu retten.

Muñoz' Angehörige dagegen wollen Mutter und Kind sterben lassen und das nun gerichtlich erzwingen. "Das war ihr Wunsch", sagte ihr Mann Erick Muñoz dem TV-Lokalsender WFAA. Er hat sich am Dienstag mit einen Dringlichkeitsantrag und einer Klage gegen die Klinik an ein Gericht gewandt.

Zwei Tragödien, zwei entgegengesetzte Appelle, eine schier unlösbare Debatte: Wo endet das Leben, wo beginnt der Tod - und wann darf der Mensch eingreifen? Nicht nur Deutschland debattiert gerade diese Fragen, demnächst sogar im Bundestag. Auch in den USA kocht das Reizthema wieder hoch.

Der Hirntod ist unwiderruflich

Die jüngsten Kontroversen in Kalifornien und Texas reißen alte Wunden auf. Sie offenbaren das Dauerdilemma hinter Problemen wie der exakten Definition des Todes: Jede Situation ist anders, jeder Patient auf seine Weise ein neuer Präzedenzfall - und jede Seite hat nachvollziehbare Argumente.

Dabei sind die Fakten brutal klar, jedenfalls in den jüngsten US-Fällen. Der Hirntod ist unwiderruflich. Alle Gehirnfunktionen sind erloschen, der Patient kann - anders als beim Wachkoma - aus eigener Kraft nicht länger weiterleben.

Der technologische Fortschritt verwischt diese Grenze jedoch. Künstliche Beatmung und Ernährung können noch über Monate hinweg den Eindruck von Leben erwecken: Die Haut ist warm, das Herz schlägt. Jahis Angehörige klammern sich daran - während Muñoz' Familie das als Illusion akzeptiert hat.

Alle Versuche, die Wissenschaft mit den Gefühlsqualen der Betroffenen in Einklang zu bringen, waren bisher unzureichend. In den USA markiert der Gehirntod zwar seit 1981 den rechtlichen Zeitpunkt des Ablebens. Das bestätigte zuletzt auch eine Ethikkommission des Weißen Hauses, nachdem sie auf 144 Seiten die "Kontroverse um die klinische und ethische Gültigkeit" dieses neurologischen Befundes erörtert hatte. Ihr Fazit: Man müsse neue "philosophische Grundsätze" finden.

Doch noch geben nur die US-Bundesstaaten New York und New Jersey den Angehörigen ein Mitspracherecht, wann die lebenserhaltenden Maschinen abgeschaltet werden. Anderswo dürfen die Ärzte eigenständig entscheiden.

Eben auch in Kalifornien. Dort war Jahis Mandeloperation anfangs nur ein Routineeingriff gewesen, um ihre Schlaf-Apnoe zu beheben. Allem Anschein nach verlief die Prozedur zunächst problemfrei. Als Jahi aus der Narkose erwachte, bat sie um ein Eis am Stiel.

Ein bizarrer Kompromiss

Drei Tage später war sie hirntot. Von inneren Blutungen und Herzstillstand war die Rede, über die tatsächlichen Ursachen schweigen sich die Ärzte aus. Doch obwohl drei Neurologen Jahis Hirntod feststellten und die Abschaltung der Geräte bestätigten, klagte die Familie dagegen.

Schließlich gab es einen Kompromiss: Am 5. Januar wurde Jahi vom Children's Hospital & Research Center in Oakland, das ihre weitere Pflege verweigerte, erst an den Gerichtsmediziner überführt, der ihren Totenschein ausstellte - und von dort in eine andere, bislang anonym gehaltene Klinik gebracht, wo sie seither künstlich ernährt und beatmet wird.

Dem Mädchen gehe es schon viel besser, freute sich Jahis Onkel Omari Sealey auf CNN: "Sie bewegt sich viel mehr, sie reagiert auf Töne und Berührung." Experten widersprechen dem: Jahis Körper werde "unvermeidlich" verfallen, erklärte die an dem Fall beteiligte Kinderärztin Heidi Flori vor Gericht. Keine ärztliche Kunst werde diesen Prozess aufhalten können: "Sie werden sie schlichtweg nicht ins Leben zurückrufen."

Das haben die Angehörigen von Marlise Muñoz in Texas längst eingesehen. Muñoz war nach einer Lungenembolie zusammengebrochen. Das Krankenhaus beruft sich nun auf ein texanisches Gesetz, wonach die künstliche Beatmung andauern muss, solange der Fötus eine Überlebenschance hat, auch wenn das Baby behindert zur Welt kommen könnte.

Der Vater hat kein Mitspracherecht über das Schicksal seines Kindes - obwohl die Mutter vor ihrem Tod lebenserhaltende Maßnahmen abgelehnt hatte. "Sie ist nur noch eine Wirtin für den Fötus", sagte Muñoz' Vater Ernest Machado der "New York Times". "Ich bin wütend auf den Staat."

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