Sterbehilfe-Debatte in der evangelischen Kirche »Auch im willentlichen Sterben kommt das Leben vor«

Soll die evangelische Kirche Sterbehilfe in ihren Einrichtungen zulassen? In Ausnahmefällen ja, sagt die Theologin Isolde Karle. Die rechtsunsichere Situation sei belastend für Ärzte und Palliativpatienten.
Ein Interview von Annette Langer
Foto: Stígur Már Karlsson / Heimsmyndir / Getty Images

Mit einem Zeitungsartikel haben drei evangelische Theologen die Sterbehilfe-Debatte angeheizt: Kirchliche Einrichtungen sollten Suizidwilligen Beratung und Unterstützung anbieten, forderten der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, der Ethiker Reiner Anselm und die Theologin Isolde Karle.

An Kritik mangelte es nicht: Der EKD-Ratsvorsitzende und dezidierte Sterbehilfe-Gegner, Heinrich Bedford-Strohm, warnte vor den Folgen einer Aufweichung christlicher Ethik und den Folgen für die Ökumene.

Das Bundesverfassungsgericht hatte vor knapp einem Jahr das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Sterbehilfe gekippt. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) war in die Kritik geraten, weil er dennoch an seiner Anweisung an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte festhielt, Anträge von Suizidwilligen auf Aushändigung einer tödlichen Dosis des Betäubungsmittels Natrium-Pentobarbital abzulehnen.

Jetzt hat eine fraktionsübergreifende Abgeordnetengruppe im Bundestag einen Gesetzentwurf vorgestellt, wonach Sterbewillige Zugang zu dem Medikament bekommen sollen, flankiert von Schutzkonzepten. Der freie Wille des Einzelnen stehe im Zentrum.

Die Theologieprofessorin und Mitunterzeichnerin des evangelischen Vorstoßes, Isolde Karle, ist froh, die innerkirchliche Debatte angestoßen zu haben – und hofft, dass die für alle Betroffenen schädliche Rechtsunsicherheit beim assistierten Suizid bald beseitigt werden kann.

Zur Person: Isolde Karle
Foto: privat

Isolde Karle ist seit 2001 Professorin für Praktische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum, wo sie dem Institut für Religion und Gesellschaft vorsteht. Sie wurde 1995 in Kiel promoviert und habilitierte sich 2000 in Bonn. Karle engagiert sich in verschiedenen Konferenzen und Arbeitsgemeinschaften der EKD und ist im Präsidium des Ökumenischen Kirchentags 2021 in Frankfurt.

SPIEGEL: Sie provozieren mit der Aussage, dass Sterbende auch in kirchlichen Einrichtungen über ihren Tod selbst bestimmen sollten. Hat Sie die harsche Reaktion von Protestanten und Katholiken überrascht?

Karle: Ja, durchaus. Aber Sterbehilfe ist ein emotionales und schwieriges Thema, da fallen Reaktionen zuweilen polemisch aus. Es geht zunächst darum, die Menschen, die sterben wollen, sehr genau wahrzunehmen: Warum wollen sie sterben? Ist ihre Entscheidung selbstbestimmt, oder erfolgt sie auf Druck vom sozialen Umfeld? Haben sie Angst vor dem Sterben und warum? Es geht darum, intensiv zuzuhören und mit den Betroffenen zu reden. In aller Regel – das ist die Erfahrung von vielen Palliativmedizinern – können ihre Ängste bearbeitet werden.

SPIEGEL: Dennoch gilt vielen in der Kirche Suizid als Sünde.

Karle: Gerade in der Seelsorge gilt es, sterbewilligen Menschen vorbehaltlos, wertschätzend und respektvoll zu begegnen – ohne ihren Suizidwunsch moralisch zu verurteilen oder als sündig zu bewerten. Nur wenn eine suizidwillige Person sich ernst- und wahrgenommen fühlt, ist sie gegebenenfalls bereit, ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken.

SPIEGEL: Haben Sie persönlich Erfahrung mit Sterbebegleitung?

Karle: Ich habe mehrere Menschen beim Sterben begleitet. Eine Suizidbegleitung kenne ich aus der unmittelbaren Beschreibung einer Angehörigen. Mangels adäquater Suizidhilfe entschied sich die betroffene Person dafür, auf Essen und Trinken zu verzichten. Das war ein extrem qualvoller Weg, wie mir die Angehörige berichtete.

SPIEGEL: Was wäre ein besserer Weg gewesen?

Karle: Das ist schwer zu sagen. Mir geht es darum, anzuerkennen, dass Menschen in eine Lage kommen können, in der sie sagen: Es ist genug. Ich schaue dankbar auf mein Leben zurück, aber jetzt bin ich an einem Punkt, da kann ich nicht mehr, da wird mir das Leiden zu viel oder da möchte ich die letzte Wegstrecke nicht mehr gehen. In solchen Situationen kann es ein Akt christlicher Barmherzigkeit sein, den Sterbewunsch anzuerkennen. Der Wunsch, das Leben zu beenden, kann auch Ausdruck der Lebensbejahung sein. Auch im willentlichen Sterben kommt das Leben vor und wird es in seiner ganzen Breite akzeptiert.

SPIEGEL: Vor knapp einem Jahr hat das Bundesverfassungsgericht das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung gekippt und erklärt, es werde unzulässig eingegriffen in die Grundrechte von Menschen und Vereinigungen, die Suizidhilfe leisten wollen. Warum heizen Sie gerade jetzt die Debatte an?

Karle: Wir reagieren mit unserem Beitrag auf eine rechtsunsichere Situation. Der Bundestag hat noch kein neues Gesetz entwickelt, wie vom Bundesverfassungsgericht gefordert. Deshalb herrscht auch in kirchlichen Betreuungseinrichtungen wie der Diakonie weiter Unsicherheit. Wir haben einen Vorschlag gemacht, der helfen soll, die Voraussetzungen zu klären, unter denen eine Suizidassistenz in diakonischen Einrichtungen denkbar sein könnte. Es geht um ein Schutzkonzept, das sicherstellen soll, dass kein Druck auf Sterbende ausgeübt wird und Nützlichkeitserwägungen keine Rolle spielen.

SPIEGEL: Und wenn die Kirche sich dafür entscheidet, eine Suizidassistenz weiter kategorisch abzulehnen?

Karle: Dann muss sie klären, was alternativ geschehen soll, wenn etwa ein Mensch in einem diakonischen Pflegeheim einen Suizidwunsch äußert. Wird er dann entlassen? Wird er an eine Sterbehilfeorganisation überwiesen? Beides halte ich für wenig hilfreich, weil der Suizidwillige, ohnehin in großer Not, damit alleingelassen würde und gewachsene Beziehungen abbrechen würden.

SPIEGEL: Wie könnte ein assistierter Suizid im kirchlichen Kontext überhaupt aussehen? Müsste es eine verpflichtende Beratung geben wie etwa bei Abtreibungen?

Karle: Ja, es könnte eine verpflichtende Beratung und eine seelsorgliche Begleitung geben. Mindestens zwei Ärzte oder Ärztinnen sollten das Begehren prüfen, um Fremdbestimmung oder mangelnde Urteilsfähigkeit bei psychischen Erkrankungen und Demenz auszuschließen. Es wurden gerade in diesen Tagen mehrere interfraktionelle Gesetzesentwürfe publik, die in diese Richtung gehen und damit zugleich geschäftsmäßige Sterbeorganisationen zu verhindern suchen.

SPIEGEL: Aber ist nicht gerade der Sterbeprozess geprägt von Schmerzen, großen emotionalen Schwankungen und Bewusstseinstrübungen, die jede rationale Entscheidung erschweren?

Karle: Ja, deshalb muss der Sterbewunsch persistent sein, also durchgehend, das heißt, mehrfach geäußert und unmissverständlich. Ein assistierter Suizid ist in der Praxis ein absoluter Grenz- und Ausnahmefall. Niemand will, dass ein solches Verfahren zum Standard wird. Aber für den Ausnahmefall muss es klare Regeln geben. Davon würde auch das Arzt-Patienten-Verhältnis profitieren. Dann könnten beide offen und vertrauensvoll über Sorgen, Ängste und Sterbewünsche reden und diese überwinden. Bislang haben Ärztinnen und Ärzte oft Angst davor, weil keine Rechtssicherheit gegeben ist.

SPIEGEL: In der Schweiz haben die evangelischen Kirchen eine seelsorgliche Praxis im Umgang mit Suizidwilligen entwickelt. Was können die Protestanten in Deutschland von den Nachbarn lernen?

Karle: Wir können viel von den Schweizern lernen. Die dortigen Kirchen ermutigen ihre Seelsorgerinnen und Seelsorger, Suizidwillige solidarisch zu begleiten und für sie da zu sein. Manche feiern noch das Abendmahl mit ihnen. Wie bei uns sehen die Seelsorgenden ihre Aufgabe aber vor allem darin, zur Suizidprävention beizutragen. Sie versuchen, Suizidwillige aus der Isolation zu holen und das Gespräch mit den Angehörigen, das oft kompliziert geworden ist, wieder in Gang zu bringen. Für Familie und Freunde ist es oft schwer, mit einem Suizidwunsch klarzukommen. Manche haben Schuldgefühle, sind verletzt oder zornig. Gesprächsangebote können helfen. Das bringt den einen oder die andere sogar dazu, den Sterbewunsch zu revidieren.

SPIEGEL: Das Beziehungsargument führen auch die Kritiker der Suizidassistenz immer wieder an – dass letztlich Einsamkeit und das Gefühl, nur noch eine Last zu sein, den Sterbewunsch weckten. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Georg Bätzing und der Ratsvorsitzende der EKD Heinrich Bedford-Strohm wollen deshalb den Ausbau der palliativen und hospizlichen Begleitung und eine »Kultur des Lebens« fördern. Alles also nur ein strukturelles Problem?

Karle: Es ist gut, die palliative Versorgung zu verbessern und noch mehr hospizliche Begleitung zu ermöglichen. Aber selbst bei der besten palliativen Versorgung wird es Menschen geben, die sterben wollen. Dann ist auch das zu respektieren.

SPIEGEL: Ist die Ökumene durch ihren Vorstoß gefährdet? Oder kann Ihnen die katholische Kirche gestohlen bleiben?

Karle: Nein, natürlich nicht. Ich habe sowohl Zustimmung von Katholiken als auch kritische Reaktionen von Protestanten bekommen – in beiden Kirchen herrscht Meinungspluralität. Diakonie und Caritas müssen beide eine Lösung finden, wie sie mit dem Urteil des Verfassungsgerichts umgehen. In dieser Debatte gibt es kein klares Ja oder Nein, Richtig oder Falsch. Die Frage der Suizidhilfe gehört zu den Grauzonen, in denen wir tastend nach akzeptablen Wegen suchen.

SPIEGEL: Die Komplizenschaft der evangelischen Diakonie mit Hitler und dessen Sterilisations- und Euthanasieprogrammen ist ein beklemmendes historisches Erbe, das die Debatte überschattet.

Karle: Absolut. Aber wir haben auch eine Geschichte der Ausgrenzung von Menschen, die Suizid begangen haben, hinter uns. Menschen, die sich selbst töteten, durften nicht bestattet werden, ihren Angehörigen wurde mit größtem Misstrauen begegnet. Im Evangelium finden wir einen Gott der Barmherzigkeit, der seine Geschöpfe liebt. Es ist deshalb nicht unsere Aufgabe, uns als Richter in prekären Lebenssituationen und -entscheidungen aufzuspielen.

SPIEGEL: Würden Sie selbst die Möglichkeit des assistierten Suizids für sich in Anspruch nehmen wollen?

Karle: Von Wollen kann keine Rede sein. Ich hoffe, dass mir ein friedlicheres Ende vergönnt sein wird. Aber wer weiß, was auf mich zukommt? Ich kann nicht ausschließen, es in Betracht ziehen.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes wurde dem ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber sowie dem Ex-Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, ein Zitat zugewiesen, das nicht von ihnen stammte. Wir haben die Stelle im Text daher entfernt.