Sterbehilfe für Häftling in Belgien Die freiwillige Todesstrafe

Der verurteilte Mörder Frank Van den Bleeken sitzt in Belgien in Sicherungsverwahrung. Weil er das nicht länger erträgt, hat er sich das Recht auf Sterbehilfe erstritten. Entzieht er sich seiner Strafe - oder ist er Opfer eines kaputten Strafvollzugs?
Häftling Frank Van den Bleeken (im November 2013): Sieg vor Gericht

Häftling Frank Van den Bleeken (im November 2013): Sieg vor Gericht

Foto: VIRGINIE LEFOUR/ AFP

Frank Van den Bleeken gilt als redegewandt, intelligent, mit der Gabe zur Reflexion. Aber dieser Mann vergewaltigte mehrere Frauen, eines seiner Opfer ermordete er in der Neujahrsnacht 1989. Die Leiche der jungen Frau wurde später von einem Jäger im Wald gefunden. Van den Bleeken sagt, er könne seine Sexualität nicht kontrollieren.

Der Richter schickte ihn in Sicherungsverwahrung. Seit mehr als 20 Jahren sitzt er in einem Gefängnis in Belgien. Nun erregt sein Fall großes Aufsehen: Weil er die Umstände nicht länger ertrage, hat sich Frank Van den Bleeken das Recht erstritten, sterben zu dürfen. Entzieht er sich damit seiner Strafe - oder ist er Opfer eines heruntergekommenen Strafvollzugs?

Frank Van den Bleeken wurde für unzurechnungsfähig erklärt und sollte eigentlich behandelt werden. Aus Platzmangel sitzt er aber in einem normalen Gefängnis. Er betrachtet sich selbst als Gefahr für die Gesellschaft. In fast drei Jahrzehnten sei Frank Van den Bleeken nur einmal behandelt worden, sagt sein Anwalt, Jos Vander Velpen. Durch die fehlende Therapie "leide er unerträglich".

In Belgien ist dieser Befund einer schwersten psychischen Belastung Voraussetzung für Sterbehilfe. Seit 2002 dürfen Ärzte aktiv Sterbehilfe leisten, wenn ein Patient "unerträglich leidet". Jeder Fall wird individuell beurteilt. Geht es um psychisches Leiden, müssen drei Psychiater zu Rate gezogen werden. Frank Van den Bleeken hat die Bedingungen erfüllt. 2010 stellte er einen Antrag, sterben zu dürfen. Weil er abgelehnt wurde, hat er einen Gerichtsprozess begonnen. Am Montag fiel das Urteil zu seinen Gunsten.

"Er soll in seiner Zelle sterben"

Die Hinterbliebenen des Mordopfers haben kein Verständnis für die Entscheidung. "Er soll in seiner Zelle sterben", zitiert das Boulevardblatt "Het Laatste Nieuws" die Schwestern des Opfers . Für sie bedeutet Sterbehilfe in diesem Fall, dass Frank Van den Bleeken sich seiner Strafe entzieht.

Diese größte Wut in Belgien richtet sich allerdings nicht gegen den Mörder und Vergewaltiger, sondern gegen die Regierung. Von vielen Seiten bekommt Van den Bleeken - zumindest indirekt - Unterstützung. In der öffentlichen Diskussion wird er vor allem als Opfer gesehen.

Wim Distelmans, der behandelnde Arzt, lehnte es 2010 ab, Van den Bleeken sterben zu lassen. Gemeinsam mit dem Arzt stellte der Häftling einen Antrag, in eine niederländische Spezialklinik verlegt zu werden, dort hätte es einen Therapieplatz gegeben. Das Justizministerium lehnte ab.

Der Fall gilt vielen als exemplarisch für das Scheitern des Justizsystems. Viele Häftlinge sitzen in normalen Gefängnissen, obwohl sie eigentlich therapiert werden müssten. Seit Jahrzehnten verstößt Belgien damit gegen europäische Normen. Mehrmals wurde das Land vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen der Zustände verurteilt.

Weitere Häftlinge sollen Interesse haben

"Ich will das Scheitern der Gesellschaft nicht mit Sterbehilfe lösen", sagte Arzt Distelmans im belgischen Fernsehen . Man hätte Van den Bleeken ein menschenwürdiges Leben ermöglichen müssen und sollte ihm das heute noch anbieten. "Aber weil wir das nicht können, lassen wir ihn als Alternative sterben?", fragt Distelmans, der auch Professor für palliative Medizin ist. "Das geht nicht."

Seit das Urteil am Montag bekannt wurde, sollen bereits 15 weitere Häftlinge Interesse an Sterbehilfe gezeigt haben. Manche Medien nannten die Situation bereits eine "freiwillige Todesstrafe". Der Ex-Politiker und Rektor der Katholischen Universität Leuven, Rik Torf, fragte auf Twitter : "Sicherungsverwahrung als indirekte Todesstrafe?"

In der öffentlichen Debatte geht es nicht nur um Frank Van den Bleeken. Der Fall wird auch zur Abrechnung mit einem gescheiterten, heruntergekommen Gefängniswesen genutzt. Der Journalist Yves Desmet schreibt im Leitartikel der liberalen Zeitung "De Morgen" , die Zustände im belgischen Strafvollzug seien eines modernen Rechtsstaats unwürdig. "Sterbehilfe ist dafür da, einen würdevollen Tod zu ermöglichen - und nicht, um die Zahl der unbehandelt dahinsiechenden Häftlinge zu senken." Tatsächlich sei es aber genau das, was im Fall von Frank Van den Bleeken passiere.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.