Arzt über Sterbehilfe "Ich will Patienten mit ihrem Suizid nicht alleinlassen"

Geschäftsmäßige Suizidhilfe ist in Deutschland verboten. Der Arzt Michael de Ridder hält das Gesetz für schlecht gemacht - und will es vor dem Bundesverfassungsgericht kippen. Hier erklärt er, warum.
Sterbehilfe durch Arzt: "Sterben und Tod sind Teil des Lebens."

Sterbehilfe durch Arzt: "Sterben und Tod sind Teil des Lebens."

Foto: Sepp Spiegl/ imago images

Es war eine umstrittene Entscheidung, gefällt nach einer langen und kontroversen Debatte: 2015 beschloss der Bundestag, die sogenannte geschäftsmäßige Suizidhilfe zu verbieten. Das Parlament hatte damit eine Antwort auf die Frage gegeben, ob und wie einem todkranken Menschen beim Sterben geholfen werden darf.

Grundsätzlich ist die Beihilfe zum Suizid auch nach der Neuregelung zwar weiterhin erlaubt. Aber es droht seither eine Strafe, wenn sie "geschäftsmäßig" betrieben wird. Dafür muss kein kommerzielles Interesse vorliegen - "geschäftsmäßig" bedeutet juristisch nicht, dass ein Handeln auf Profit ausgerichtet ist, sondern "auf Wiederholung angelegt". Die Strafnorm kann damit prinzipiell auch Ärzte treffen.

Bis heute gibt es Widerstand gegen das Gesetz. Nun verhandelt das Bundesverfassungsgericht über sechs Verfassungsbeschwerden, die sich unmittelbar gegen den Paragrafen 217 des Strafgesetzbuches richten. (Mehr zu den Beschwerden lesen Sie hier.) Der Mediziner Michael de Ridder gehört zu jenen, die das Gesetz kippen wollen. Im Interview erklärt er seine Beweggründe.

Zur Person
Foto: Rolf Kremming/ imago images

Der Arzt Michael de Ridder, 71, leitete viele Jahre lang die Rettungsstelle im Vivantes-Klinikum Berlin-Kreuzberg. Er schrieb Bücher über das Sterben und gründete für den Klinikkonzern ein Hospiz. Er ist einer der Mediziner, die Verfassungsbeschwerde gegen das Gesetz zum Verbot geschäftsmäßiger Suizidhilfe erhoben haben.

SPIEGEL ONLINE: Herr de Ridder, warum klagen Sie gegen ein Gesetz, das organisierte Sterbehilfe verhindern soll?

Michael de Ridder: Es ist ein schlecht gemachtes Gesetz. Man wollte die Sterbehilfevereine treffen, die für Tausende Euro Menschen zum Ableben verhelfen. Aber getroffen hat man alle Ärzte, die offen dafür sind, Schwerstkranken und Leidenden beim Suizid zu helfen. Nach Umfragen sind das gut 30 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Zu denen Sie sich auch zählen?

De Ridder: Ja. Es geht mir nicht darum, Suizidbeihilfe zu propagieren und zu sagen, das ist eine gute Möglichkeit, das Leben zu beenden. Nur die Wenigsten wollen das. Ich klage gegen Paragraf 217, weil ich der Meinung bin, dass jedem Menschen das Recht zugestanden werden sollte, sein Leben eigenverantwortlich so zu beenden, wie es seiner Vorstellung von sich selbst entspricht.

SPIEGEL ONLINE: Das Recht ist doch grundgesetzlich unbestritten.

De Ridder: Stimmt, das Gesetz verbietet niemandem, sich das Leben zu nehmen. Es verhindert aber, dass Schwerstleidende das mit ärztlicher Hilfe auf eine humane Weise tun können. Genau da sehe ich mich als Arzt in meiner Gewissensfreiheit und in meiner grundgesetzlich garantierten Freiheit der Berufsausübung behindert. Ich will Patienten mit ihrem Entschluss zum Suizid nicht alleinlassen.

SPIEGEL ONLINE: Die Bundesärztekammer sagt, Suizidhilfe sei keine ärztliche Aufgabe.

De Ridder: Wessen Aufgabe soll es denn sonst sein? Ich bin überzeugt davon, dass es Situationen gibt, in denen es nicht nur ethisch gerechtfertigt ist, sondern in denen ich als Arzt sogar dazu verpflichtet bin, das Leid eines körperlich Schwerstkranken in aussichtsloser Lage zu lindern. Und zwar so, wie er selbst es sich wünscht.

SPON: Warum muss das unbedingt ein Arzt tun?

De Ridder: Wir Ärzte sind nun mal die Fachmenschen, die über die geeignetsten Mittel verfügen, ein friedliches Sterben selbstgewählt herbeizuführen. Und die Entscheidung, wie lange ein Kranker sein Leiden zu ertragen hat, steht doch keinem anderen zu außer ihm selbst.

SPIEGEL ONLINE: Stellen Sie die Autonomie über alles?

De Ridder: Wir leben in einer säkularen Gesellschaft. In ihr gibt es keine einheitliche Ethik, auch unter Ärzten nicht. Weder der Staat noch die Ärzteschaft noch Weltanschauungsgemeinschaften können sich eine Richtlinienkompetenz über das richtige oder gute Sterben anmaßen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Ärzte nicht dazu da, Leben zu erhalten?

De Ridder: Sterben und Tod sind Teil des Lebens. Als Arzt bin ich seit fast 40 Jahren auf ganz unterschiedliche Weise damit konfrontiert, ob in der Rettungsstelle, auf der Intensivstation, im Notarztwagen oder auch in dem Hospiz, das ich gegründet habe. Medizin ist nicht nur ein Mittel der Lebenserhaltung und der Krankheitsbewältigung. Wenn wir Hilfe verweigern, zwingen wir aussichtslos Leidende zu brutalen Suizidmethoden. Sie legen sich auf die Schienen, springen aus dem Fenster oder erschießen sich.

SPIEGEL ONLINE: Viele sagen: Hospiz, Palliativmedizin und assistierter Suizid, das gehe nicht zusammen.

De Ridder: Ich sehe darin eine Ergänzung. Ich tue alles dafür, suizidwillige Schwerstkranke von den enormen Möglichkeiten palliativer Symptom- und Schmerzlinderung zu überzeugen. Aber es gibt Leidenssituationen, in denen wir nicht helfen können. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Patienten, der einen Tumor im Hals hatte. Der Tumor begann zu bluten. Es ging um die letzten Wochen. Man hätte den Patienten so tief betäuben können, dass er nichts mehr davon mitbekommt, wie ihm noch tagelang das Blut aus dem Mund rinnt. Aber der Mann sagte, ich will mich in diesem Zustand meiner Familie nicht zumuten und auch nicht mir selbst. Ein plausibles Anliegen. Wir können auch niemanden nötigen, eine palliative Behandlung zu akzeptieren.

SPIEGEL ONLINE: Aus welchen Gründen lehnen Schwerstkranke das ab?

De Ridder: Sie wollen nicht bewusstlos ihrem Tod entgegendämmern, sondern die Kontrolle über die Art und Weise ihres Endes und auch den Zeitpunkt selbst bestimmen.

SPIEGEL ONLINE: In welchen Fällen sind Sie bereit zu helfen?

De Ridder: Wenn jemand im Endstadium einer aussichtslosen Erkrankung oder in schwerster Versehrtheit dauerhaft diesen Wunsch äußert. Und wenn diese Entscheidung ohne äußeren Zwang zustande gekommen ist und nachweislich keine psychiatrische Erkrankung vorliegt.

SPIEGEL ONLINE: An welche Leiden denken Sie?

De Ridder: Zum Beispiel an Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose. Diese Nervenkrankheit führt schrittweise zur vollständigen Lähmung, am Ende auch der Atmung. Wenn so ein Kranker sagt, ich will das nicht erleben, ist das aus meiner Sicht ein plausibler Wunsch. Die Patienten damit alleinzulassen, wird meinem Ethikverständnis und meinem Gewissen nicht gerecht.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben schon Patienten zum Sterben verholfen. Was waren das für Menschen?

De Ridder: Alle waren Schwerstkranke, die ich gut kannte und lange begleitet habe. Manche über Monate, andere über Jahre hinweg. Wichtig ist mir: Sie waren bereit, über alles zu sprechen. Auch wenn ich Arzt bin und die Mittel bereitstelle, bin ich ja nicht ein bloßer Dienstleister, sondern ich bin ein Mitmensch. Ich muss im Gespräch mit dem Kranken herausfinden, ob meine Überzeugtheit, ihm mit der Suizidbeihilfe beizustehen, wirklich angemessen ist.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch Suizidbegleitungen abgelehnt?

De Ridder: Ja, natürlich. Fast alle sogar.

SPIEGEL ONLINE: Weshalb?

De Ridder: Wenn zum Beispiel eine Suizidbeihilfe im familiären Rahmen stattfinden soll, aber die Familie trägt es nicht mit oder ist sogar dagegen. Das kann ich nicht lösen. Ganz abgesehen davon, dass ich mich in solch einem Fall bei der derzeitigen Rechtslage möglichen juristischen Schritten ausgesetzt sähe. Manche Kranke haben auch die Vorstellung, sie könnten Suizidhilfe bestellen wie aus dem Versandkatalog. Eine Frau rief mich an, weil sie seit Jahren unter einer schrecklichen Schuppenflechte litt. Sie weinte am Telefon und sagte: 'Herr Doktor, bitte schicken Sie mir etwas, damit ich mich umbringen kann.' Ich will das gar nicht bewerten. Aber ich würde niemals aus der Ferne Hilfe leisten.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

De Ridder: Wenn ich mich nach langen Gesprächen entschließe, jemandem zum Suizid zu helfen, bin ich auch dabei, wenn es geschieht. Das ist für mich eine ethische Pflicht. Ich kann jemanden doch nicht alleinlassen in einer solchen Situation. Auch aus ganz pragmatischen Gründen: Ein Suizid kann auch schiefgehen. Es kann Komplikationen geben, man kann erbrechen. Dann muss jemand da sein, der hilft, dass das Vorhaben auch gelingt.

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