Sterbehilfedebatte Der Freitod dauerte 38 Minuten

Nach erfolgloser Behandlung bat eine Krebspatientin die Sterbehilfeorganisation Dignitas um Hilfe - und Verkürzung ihres Leidens. Doch der als reibungslos angekündigte Tod dauerte laut Zeugen qualvolle 38 Minuten. Dignitas-Gründer Minelli weist Schuldvorwürfe zurück.
Von Julia Kloft

Hamburg - Die Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas sieht sich Vorwürfen ausgesetzt: Wie die Schweizer "SonntagsZeitung" berichtet, soll eine deutsche Krebspatientin starke Schmerzen erlitten haben, bevor sie 38 Minuten nach Einnahme eines von Dignitas besorgten Giftes gestorben sei. Die 43-Jährige soll nach Aussage zweier Augenzeugen immer wieder "Ich verbrenne" geschrien haben. Der Freitod habe sich am 13. November 2006 ereignet. Vor vier Jahren habe die Frau die Diagnose Gehirntumor erhalten und sich nach erfolgloser Operation und mehreren Chemotherapien bei Dignitas gemeldet.

Die "SonntagsZeitung" berichtet auch von einem weiteren Fall im August 2004: Der Schlaganfallpatient Peter A. führte sich angeblich das Gift über eine Magensonde ein und rang daraufhin 72 Stunden mit dem Tod. Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli weist die Anschuldigungen zurück: "Niemand hat gelitten. Das ist eine völlig falsche Darstellung der Situation", sagte er zu SPIEGEL ONLINE. Seit seiner Gründung im Mai 1998 hat der Sterbehilfeverein 675 Menschen in den Tod begleitet. Sämtliche Patienten seien innerhalb von zwei bis fünf Minuten bewusstlos gewesen und hätten somit nichts mehr gespürt.

Der Suizid der krebskranken Frau fand im Beisein von vier Freunden statt, von denen sich zwei an die Presse gewandt hatten. Laut Minelli habe eine Zeugin geäußert, die Patientin habe nicht "Ich verbrenne" geschrien, sondern lediglich gesagt, das Medikament schmecke bitter. Der Autor des Artikels der "SonntagsZeitung" unterschlage Informationen. Auch handele es sich nicht um ein "Gift", wie die "SonntagsZeitung" berichtet: "Es wurden 15 Gramm Natrium-Pentobarbital verabreicht, welches früher je nach Dosis als Beruhigungs-, Schlafmittel oder Kurzzeitnarkotikum eingesetzt wurde", sagt Minelli. Diese Menge sei drei- bis viermal stärker als die nötige Dosis, um eine tödliche Wirkung zu erzielen. Nach Einnahme des Medikaments schlafe der Patient innerhalb weniger Minuten ein, der Schlaf gehe absolut schmerzlos in den Tod durch Atemlähmung über.

Fünf Mal Atemstillstand

Nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung sagten die Zeugen aus, ihre Freundin habe schreiend nach Luft gerungen, sei violett angelaufen und erst nach mehreren Erstickungsanfällen ins Koma gefallen. "Bei der 34-jährigen Deutschen wurde fünf Mal Atemstillstand festgestellt", erklärt Minelli, "das ist bei einer jungen Person mit gesundem Herzen nicht erstaunlich. Der Körper wehrt sich natürlich zunächst." Aber, betont der Dignitas-Gründer, die Frau sei während der Atemstillstände bereits bewusstlos gewesen. "Für Außenstehende kann es natürlich wie ein Todeskampf ausgesehen haben. Einen sofortigen Tod erreicht man leider nur durch Methoden wie die Erhängung."

Die Aussage der Zeugen, der Boden des Sterbezimmers sei "dick mit Staub belegt" und das Bett offenbar nicht frisch bezogen worden, hält Minelli für "frei erfunden": Die Wohnung, die ausschließlich für die Freitodbegleitung genutzt wird, werde regelmäßig gereinigt, das Bettzeug stets gewechselt.

Für Dignitas habe der Vorfall keine besonderen Konsequenzen, sagt Minelli. "Die Menschen, die den Weg der Sterbehilfe brauchen und wollen, werden nicht darauf verzichten." Allerdings gebe es einige Institutionen, denen die Auflösung der Organisation nützen würde. "Die Oberstaatsanwaltschaft und die Polizei haben viel Arbeit mit uns, da jedem Suizidfall zunächst nachgegangen werden muss, um sicher zu stellen, dass es sich wirklich um Selbstmord handelt." Voraussetzung für die Freitodbegleitung ist, dass der todkranke Mensch den "letzten Akt" selber ausführt. Vollständig Gelähmten könne Dignitas somit nicht helfen.

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