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Steubenparade 2010: "Früher waren das meine Feinde"

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Steuben-Parade in New York "Bier und Sex"

Preußisches Militär rockt die Fifth Avenue, stramme bayerische Buam schuhplattlern am Central Park: Bei der Steuben-Parade staunen New Yorker darüber, was das deutsche Gemüt erfreut. Die Gäste aus Germany hingegen lernen, wie Amerikaner deutsche Kultur definieren.

Wie definiert der Amerikaner das Deutschsein? Sauerkraut? Lederhosen? Rammstein? Alles falsch. Seit Samstag ist die Frage, was den Kraut im innersten zusammenhält, ein für alle Mal gelöst.

"Bier und Sex", sagt die New Yorkerin Kareen Jonke. "Das ist deutsch. Würde man das eine oder das andere weglassen, würden die Deutschen aussterben."

Seit Samstag dürften viele New Yorker diese Meinung teilen. Grund dafür ist die Steuben-Parade, ein überdimensionierter Spielmannszug, der sich in der Mittagshitze durch Manhattan schlängelte, am Central Park vorbei, die Fifth Avenue hinauf.

Die Ehrenvorsitzenden dieses jährlich stattfindenden Schautanzes deutscher Kultur sind oft verdiente Persönlichkeiten der Politik. Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger war schon Ehrenmarschall und auch New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg. Dieses Jahr aber sitzen auf der Ehrentribüne keine Politiker, sondern Ruth Westheimer und Michael Möller.

Die Sexualtherapeutin Westheimer, Spitzname "Dr. Ruth", war im Amerika der achtziger Jahre eine Berühmtheit. Immer noch blinken auf der Webseite der mittlerweile 82-Jährigen messingfarbene Dildos. Michael Möller ist Chef vom Münchner Hofbräuhaus.

"Bei zu viel Bier ist schnell tote Hose"

"Bier und Sex, hmm", sagt Dr. Ruth. "Eine gefährliche Kombination. In Maßen genossen sehr stimulierend, aber bei zu viel Bier ist schnell tote Hose. Sagen Sie das aber nicht dem da."

Sie zeigt auf Michael Möller, der es sich gerade in Lederhosen und mit blauer Ehrenschärpe auf der Tribüne bequem macht. Für die Steuben-Parade hat er das Oktoberfest für ein Wochenende verlassen, was, wie er ungefragt betont, im traditionsbewussten Bayern so manches Naserümpfen provozierte. "Viele haben mich gefragt, bist du narrisch? Du kannst doch jetzt nicht wegfahren!" Doch dann habe er gesagt, er fahre zur Steuben-Parade, und da waren die meisten wieder still. "Die kennen mittlerweile auch viele in Deutschland."

Tradition zu exportieren ist offenbar auch während des Oktoberfests okay. Und tatsächlich bekommen die New Yorker im 53. Jahr der Steuben-Parade Tradition satt. Zwar verursacht der Umzug in der Stadt noch kein Verkehrschaos wie ein Uno-Millenniumsgipfel oder der berüchtigte Puerto Rican Day. Er ist aber immerhin groß genug, um ein gutes Stück der Fifth Avenue für zweieinhalb Stunden lahmzulegen.

Letztlich hat der Umzug denn auch mehr zu bieten als Bier und Sex. Die deutsche Folklorekultur, die sich hierzulande oft mit Regionalismen selbst torpediert, präsentiert sich in New York als buntes Mosaik. Kölner Karnevalsjecken kumpeln mit Düsseldorfern, Borussen mit Schalkern.

Preußen-Flair rockt die Fifth Avenue

Nun macht ja der Amerikaner bei "Helau", "Alaaf" und "O' zapft is" keinen so großen Unterschied. Und in New York, der Stadt, in der Menschen mit ihrer Schildkröte im Central Park Gassi gehen, wundert er sich eigentlich über nichts mehr. Höchstens noch über eine Horde Typen in Kaiser-Wilhelm-Montur, die die Fifth Avenue hinaufmarschiert und das Gewehr präsentiert. Da bleiben dann doch einige Amerikaner stehen und fotografieren.

Auch stramme Buam, die Manhattans Shoppingstraße hinaufschuhplattlern, schinden Eindruck, ebenso die Blaskapelle KC Nußloch ("Muss I denn zum Städtele hinaus"), manch Partytruck ("Hey, hey baby, uuh, aah"), der Brooklyn Schützencorps, ein Trabbi, die Freiwillige Feuerwehr Jork mit ihrem knallroten Löschwagen aus dem Jahr 1937 - und natürlich die schön gezapften Biere und schön kurz berockten Trachtenmädchen.

"Die Deutschen haben ein reiches kulturelles Erbe", sagt Stephanie Dahlguist, eine Amerikanerin mit deutschen Eltern. "Ich habe meine Kinder hier hergebracht, damit sie etwas darüber erfahren, wo sie herkommen."

Auch Dr. Ruth hat sich mittlerweile mit ihrer Kultur versöhnt. Als Tochter jüdisch-orthodoxer Eltern entging sie im Zweiten Weltkrieg den Vernichtungslagern, weil man sie mit einem Kindertransport in die Schweiz geschickt hatte. Später wanderte sie nach Palästina aus und wurde zur Scharfschützin ausgebildet.

"Früher waren das da meine Feinde", sagt sie und deutet auf die Parade, die zu ihren Füßen an ihr vorbeizieht. "Jetzt herrscht Frieden, und die Deutschen können wieder stolz auf ihre Kultur sein."

Könnte es manchem nicht doch missfallen, dass der Ehrenvorsitz einer Parade zum Gedenken an einen Helden des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges ausgerechnet einer Erotiktherapeutin übertragen wurde? "Im Gegenteil", sagt Dr. Ruth, "das macht die Parade sexy."

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