Gang-Tattoos "Ich bin durch die Hölle gegangen"

Wie lässt man ein Leben hinter sich, das einem ins Gesicht geschrieben ist? Fotograf Steven Burton hilft Gang-Aussteigern wie Francisco Flores mit einem Fotoprojekt.

Steven Burton

Von Tanja Karrasch


Das alte Leben hinter sich zu lassen, fällt vielen ehemaligen Gangstern aus Los Angeles schwer. Denn ihnen ist die Vergangenheit ins Gesicht geschrieben: Tätowierungen sind ein wichtiges Erkennungszeichen unter kriminellen Banden - und sie lassen sich nicht so leicht ablegen.

Passanten würden die Straßenseite wechseln, im Bus wolle niemand neben ihnen sitzen, sagen Bandenaussteiger, die am Fotoprojekt "Skin deep" teilgenommen haben.

Für das Projekt hat der Fotograf Steven Burton die Tattoos früherer Gangmitglieder mit digitaler Bildbearbeitung entfernt. Auf die Idee kam er durch eine Dokumentation über "Homeboy Industries" - eine Anlaufstelle für Gang-Aussteiger in Los Angeles, die besonderen Wert auf die Entfernung von Tattoos legt. Mit den vielen Tätowierungen, so heißt es bei "Homeboy Industries", falle es den Ex-Gangstern schwer, sichere Jobs zu bekommen.

"Mir ist bewusst geworden, dass die Tattoo-Entfernung eine wichtige Rolle bei Aussteigern spielt", sagt Burton. Seine Bilder sollen die Menschen hinter den Tattoos zeigen, um Vorurteile abzubauen. Für die Protagonisten wie Francisco Flores war es ein emotionaler Moment, sich zum ersten Mal ganz ohne Tattoos zu sehen.

Flores war viele Jahre Mitglied einer der größten hispanischen Gangs in L.A. Für den 32-Jährigen sind es Tätowierungen eines Lebensabschnitts, den der 32-Jährige als "Hölle" bezeichnet.

Francisco Flores mit und ohne Tattoos
Steven Burton

Francisco Flores mit und ohne Tattoos

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie bei Steven Burtons Fotoprojekt mitgemacht?

Francisco Flores: Weil ich sehen wollte, wie ich ohne meine Tattoos aussehen würde. Als er mir die bearbeiteten Fotos zum ersten Mal gezeigt hat, war ich überwältigt. So hatte ich mich seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich war sehr glücklich, sehr emotional. Ich dachte mir: "Oh mein Gott, so sehe ich also aus."

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen haben Sie schon deutlich weniger Tattoos als auf Burtons "Vorher-Foto" - Sie haben sich die Bilder entfernen lassen. Mögen Sie keine Tätowierungen mehr?

Flores: Ich liebe Tattoos. Aber ich will alle entfernen lassen, die mich mit meiner alten Gang verbinden: Nummern oder Schriftzüge, den Namen der Gang. Zeichen, die mich in Schwierigkeiten bringen könnten. Ich mache das jetzt seit fünf Jahren und es läuft wirklich gut. Ich habe viele Tattoos in meinem Gesicht, an meinem Hals und meinen Händen entfernen lassen. Es braucht seine Zeit, aber ich habe jeden Monat einen Termin.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gab eine Zeit, in der Sie genau diese Tattoos wollten. Wann war das?

Flores: Ich habe mein erstes Tattoo mit elf Jahren stechen lassen. Und dann wurden es immer mehr und mehr. Damals hat es sich richtig angefühlt, aber jetzt ist viel Zeit vergangen. Irgendwann habe ich realisiert, dass es nicht die beste Entscheidung war.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Tattoos verbinden Sie mit Ihrer Zeit in einer Straßengang. Wie wurden Sie ein Teil der Bande?

Flores: Ich bin im Süden von Los Angeles aufgewachsen, meine Eltern sind Ex-Gangmitglieder. Damals waren sie noch sehr involviert. Ich bin also damit groß geworden. Als ich elf war, hat mein Vater angefangen, Drogen zu nehmen. Er wurde gewalttätig und hat mich aus dem Haus geworfen. Die Leute, die für mich da waren, waren die Gangmitglieder. Sie kannten mich, sie wussten, welchen Ärger ich zu Hause hatte. Die Gang wurde meine Familie. Und dann ging alles bergab. Ich bin durch die Hölle gegangen.

Fotostrecke

9  Bilder
Aussteiger-Projekt: Die Straßengang unter der Haut

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich diese Hölle vorstellen?

Flores: Ich habe Drogen genommen und bin immer in Ärger reingerutscht, mir war alles egal. In dieser Zeit war ich sauer auf die Welt und sauer auf mich. Gewalt hat eine große Rolle in meinem Leben gespielt. Immer wenn ich etwas Schlechtes gemacht habe, habe ich Anerkennung bekommen. Und ich wollte der Gang auch etwas zurückgeben, schließlich hat sie mir das Gefühl vermittelt, geliebt zu werden und wichtig zu sein. Sie hat sich um mich gekümmert, mir etwas zu essen gegeben. Ich war ein sehr, sehr, sehr brutaler Mensch, habe Streit gesucht ohne Grund. Es war wirklich sehr schlimm.

SPIEGEL ONLINE: Wie fanden Sie da wieder heraus?

Flores: Ich bin zehn Jahre ins Gefängnis gekommen - für Bandenkriminalität und Gewaltstraftaten. Sonst wäre ich heute wahrscheinlich tot. Als ich rauskam, das war im September 2011, bin ich zurück in meine alte Nachbarschaft gegangen. Meine Mutter lebte noch da. Ich habe meinen Leuten von früher gesagt, dass ich die Gangs leid bin, dass ich nicht zurück will. Und sie haben zu mir gesagt: Mach dir keine Sorgen, schlag den alten Weg nicht noch mal ein. Zieh dein Ding durch, wir wünschen dir das Beste. Und genau das habe ich auch getan.

SPIEGEL ONLINE: Seitdem leben Sie ohne Gewalt und Drogen?

Flores: Es ist eine wundersame Verwandlung. Ich finde mich nicht mehr in den Situationen wieder, in die ich früher hineingeraten bin. Ich habe das "Homeboy Industries"-Programm entdeckt und dadurch eine neue Perspektive im Leben gewonnen. Sie haben mir gezeigt, wie man ohne Gewalt leben kann. Sie haben mir beigebracht: Du brauchst die Gang-Mentalität nicht, um deinem Leben Sinn zu geben.

Im Video: Francisco Flores sieht sich ohne Tattoos

SPIEGEL ONLINE: Haben die Tattoos es manchmal schwer gemacht, dieses neue Leben zu führen?

Flores: Ich habe häufig die Blicke der Leute gespürt. Und ich mag es nicht, wenn andere mich anstarren, es hat mich wirklich gestört. Weil ich ein Mensch bin, genau wie sie. Ich denke mir, wenn du eine Frage hast, dann frag doch einfach. Ich werde sie beantworten.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht Ihr Leben jetzt aus?

Flores: Ich habe eine Zeit lang bei "Homeboy Industries" gearbeitet. Heute arbeite ich auf Baustellen. Ich habe eine Therapie gemacht und gelernt, wo die ganze Wut herkam. Darüber zu reden hat mir sehr geholfen. Wenn ich jetzt sauer bin, kenne ich andere Ventile, um damit umzugehen. Ich kann jetzt mit Leuten über Dinge sprechen. Und ich habe eine Frau, vier Kinder. Ein Kind ist auf dem Weg. Ich bin jetzt ein Familienmensch.



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