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Berühmte Stotterer: Moses und Marilyn

Foto: Hulton Archive/ Getty Images

Stigma Stottern Wenn eine Wand im Mund steht

In Deutschland stolpern und stocken rund 800.000 Menschen in ihren Sätzen - Stottern ist eine der häufigsten Sprachstörungen überhaupt. Wer auch als Erwachsener noch darunter leidet, hat meist keine Chance mehr auf Heilung - aber jede Chance, sich nicht dafür schämen zu müssen.

Wenn Werner spricht, tut er das auf hohem Niveau. Die Worte fließen, anspruchsvolles Vokabular, akademisch gefärbt. Und dann, mittendrin, stockt er.

Sein Wortfluss hakt, eine Pause steht im Raum, bis sich ein "...PEH!" laut entlädt und der Rest des Wortes hinausschießt, als gelte es, die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Prompt folgt ein "ich-ich-ich", als spränge die Nadel auf einer Schallplatte, geht über in einen langgezogenen S-Laut: "Ich sssssssag aber, dass…"

Dann ist wieder alles normal - abgesehen vielleicht von dem Eindruck, den man von Werner bekommen hat. Werner, Mittfünfziger, stottert. Für manche Zuhörer entwerten die Momente, in denen er mit Lauten kämpft, die Inhalte, die er vermitteln will. Kämen sie flüssig rüber, klängen sie anspruchsvoll und eloquent. Kommen sie gestottert, klingt das bemüht - wenn nicht sogar gequält.

Natürlich ist das dumm, und eigentlich wissen wir das ja: Es ist so wie bei Rollstuhlfahrern, mit denen manche Menschen lauter oder gar langsamer sprechen, weil sie davon ausgehen, dass der, der niedriger sitzt, auch geistig nicht auf der Höhe sein kann. Auch Stottern ist so ein Stigma, das viele scheinbar automatisch mit mentalen Einschränkungen verbinden, für ein Symptom von Hemmungen oder Traumata oder anderen psychischen Problemen halten.

In aller Regel ist das falsch. "Vereinfacht gesagt", erklärt der Neurophysiologe Martin Sommer, Professor an der Uni Göttingen und im Ehrenamt Vorsitzender der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V. (BVSS) , "funktioniert das Zusammenspiel von rechter und linker Gehirnhälfte bei stotternden Menschen anders als bei flüssig sprechenden." Stottern gilt also, auch wenn die Ursachen nicht völlig geklärt sind, vornehmlich als physiologisches Problem, nicht als psychisches. Es kann nur dazu werden.

FAQ - Was man über Stottern wissen sollte

Denn die meisten Menschen erwischt das Stottern in einer Lebensphase, in der sie für Spott und Häme besonders empfänglich sind: im Kindesalter. Schnell wird der "Block" im Sprechfluss, wie es verkürzend für "Blockade" heißt, zu einer Angst, die wiederum den Block verstärkt - auch durch die Reaktionen der Gesprächspartner.

Martin Sommer: "Wer stottert, wird schnell für weniger intelligent gehalten oder als psychisch besonders labil eingestuft. Bei Bewerbungen ist Stottern oft ein Knock-out-Kriterium, weil man dem stotternden Bewerber nicht die gleiche Leistungsfähigkeit zutraut wie allen anderen, oder weil Arbeitgeber Probleme bei der Integration ins bestehende Team fürchten."

Besonders problematisch sei Stottern oft in der Schule, vor allem wenn die Lehrer über die Balbuties - so der lateinische Fachbegriff - des Schülers nicht hinreichend informiert seien. Paradoxerweise gilt das gerade auch dann, wenn das Sprechproblem gar nicht so sehr auffällt: "Schulkindern mit weniger stark ausgeprägter Symptomatik gelingt es nicht selten, ihr Stottern zu verheimlichen", erklärt Sommer. "Sie schweigen, weichen aus oder vertauschen bei Antworten blitzschnell schwierige Worte gegen Begriffe, die sie flüssig aussprechen können - auch, wenn diese ihre Antwort verfälschen. So kommt es oft zu Fehleinschätzungen seitens der Lehrkräfte in Bezug auf die tatsächliche Leistungsfähigkeit oder -bereitschaft dieser Kinder."

Behinderung im Sinne des Wortes

"Ich habe das Stottern wie einen Dämon empfunden, der mich hinterrücks anfällt", sagt Gerd Riese, pensionierter Lehrer und Autor, in einer anrührenden Szene eines soeben veröffentlichten Dokumentarfilms des Medienprojekts Wuppertal. Riese ist einer von vier Stotterern verschiedenen Alters, die in "Wenn das Wort im Mund zerbricht"  porträtiert werden (siehe Filmausschnitte). Wenn die eindringliche Dokumentation eines vermittelt, dann dies: Stottern behindert und kann erheblich belasten. Man muss damit leben lernen, sich damit arrangieren, es nach Möglichkeit kontrollieren, denn heilen lässt es sich nicht. "Es gehört einfach zu einem", sagt Riese in einer Szene, "so wie zu einem Brillenträger die Brille." Oder wie ein Hinkefuß.

Doch dass Stottern als etwas Gegebenes angenommen wird, das ist neu. Riese, Jahrgang 1950, erzählt auch von den Verletzungen seiner Kindheit, von den "entnervten Blicken" der Mutter, die er heute erst "verzeihen" könne. Sie hätten ihm damals signalisiert: Eigentlich ist das Kind doch gar nicht dumm; aber irgendwie kann der nicht richtig sprechen. In ihren Augen habe er immer wieder die Ungeduld mit ihm, dem eigenen Kind, gesehen. Es ist wahr, Stottern kostet und fordert Zeit.

Foto: Medienprojekt Wuppertal e.V.

Bei vielen gibt es sich wieder, ganz von allein. Mit dem Ende der Pubertät verschwindet das Stottern bei 80 Prozent der betroffenen Kinder, sagt Experte Martin Sommer. Mädchen haben eine bessere Chance als Jungen, weshalb es unter dem Strich fünfmal so viele männliche Stotterer gibt wie weibliche. Wer es nach der Pubertät noch hat, behält es meist für immer.

Die meisten Stotterer durchlaufen heute Therapien, die ihnen helfen, das Stottern unter Kontrolle zu bekommen. Martin Sommer sagt dazu, Stottern ließe sich nicht heilen, aber "verändern": Der Veränderungsprozess bedeute für Erwachsene aber "einen längeren, mühsameren Weg, den sie mit Selbsthilfe und Therapie beschreiten". Kinder lernten leichter.

Vielen der 800.000 Stotterer in Deutschland hört man ihr Stottern nicht immer an. Für die meisten aber gibt es Situationen, in denen es dann plötzlich doch wieder da ist: wie eine Wand im Satz. Rund ein Prozent der Bevölkerung ist betroffen, eine Minderheit, aber eine riesige.

"Unbedingt", sagt Sommer, brauche man darum so etwas wie den Welttag des Stotterns (22. Oktober): "Stottern ist für viele auch heute noch ein Tabu. Doch gerade offen darüber zu reden ist für eine erfolgreiche Bewältigung enorm wichtig. Die Angst vor dem Stottern ist für viele Betroffene das Schlimmste daran."

Weiterführende Informationen: Siehe Linkverzeichnis in der linken Spalte.