Streit über Holocaust-Leugner Oberster Piusbruder fordert Williamson zur Umkehr auf

Bischof Fellay, Generaloberer der Piusbruderschaft, geht auf Distanz zu Holocaust-Leugner Williamson. Gegenüber dem SPIEGEL kritisiert er die Thesen seines Glaubensbruders, dem er Auftritte untersagt hat - aber auch das "Gutmenschentum" deutscher Bischöfe.

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Hamburg - Bernard Fellay, geboren in der Schweiz, seit 32 Jahren Mitglied der Piusbruderschaft und seit 1994 ihr Generaloberer, hat in einem offenen Brief für die Aussagen Richard Williamsons um Entschuldigung gebeten.

Bischof Bernard Fellay: "Uns waren die Aussagen so nicht bekannt"
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Bischof Bernard Fellay: "Uns waren die Aussagen so nicht bekannt"

Für Journalisten war es in den vergangenen Wochen kein leichtes Unterfangen und oft auch kein erfolgreiches, Kontakt zu den Mitgliedern der Bruderschaft aufzunehmen. Bischof Fellay war nun bereit, auf telefonisch gestellte Fragen des SPIEGEL schriftliche Antworten zu geben.

"Ich habe ihm öffentliche Auftritte untersagt"

Die ultrakonservative Bruderschaft scheint bemüht, sich von Williamson zu distanzieren und seine antisemitischen Thesen als Verfehlungen eines Einzelnen darzustellen. In einem Interview mit dem schwedischen Fernsehsender SVT hatte der Brite gesagt, es seien nur 200.000 bis 300.000 Juden in nationalsozialistischen Konzentrationslagern umgekommen - "aber keiner von ihnen in Gaskammern".

Gefragt nach der Einstellung der Bruderschaft zu Williamsons Äußerungen entgegnete Fellay: "Ich habe ihn sofort, nachdem ich dieses Interview sah, aufgefordert, diesen Unsinn zu korrigieren."

Aus dem Interview geht hervor, dass Fellay Williamson bereits zum 31. Januar - also zehn Tage nach dem die Sendung "Uppdrag granskning" ("Auftrag Überprüfung") im schwedischen Fernsehen gezeigt wurde - von seinem Amt als Leiter eines Priesterseminars entbunden haben will. "Zum 31. Januar habe ich ihn zudem als Regens des Priesterseminars La Reja abgesetzt und ihm öffentliche Auftritte ohne meine Erlaubnis untersagt."

Die argentinische Nachrichtenagentur Diarios y Noticias (DyN) hatte am Montag gemeldet, Williamson sei von seinem Amt entbunden worden. Die Piusbruderschaft hatte diesen Schritt zuvor nicht öffentlich kommuniziert. In seinen Statements an den SPIEGEL fordert Fellay Williamson auf, "schnell die historischen Fakten" zu studieren und "seine falschen Aussagen" zu korrigieren. "Je schneller, umso besser."

Papst Benedikt XVI. hatte Williamson am 4. Februar offiziell aufgefordert, die Leugnung des Holocaust zu revidieren. In einem Interview mit dem SPIEGEL hatte Williamson dies zunächst abgelehnt.

"Uns waren die Aussagen so nicht bekannt"

Fellay beschreibt Williamson als "gebildet und kultiviert" und ist bemüht, sein Unverständnis hinsichtlich der Äußerungen zu kommunizieren: "Wir verstehen nicht, wie er sich so verrennen konnte. Wenn man einen Menschen schätzt, ist das sehr traurig. Uns waren die Aussagen so nicht bekannt."

Fellay betont, die Piusbruderschaft konzentriere sich auf die "Glaubens- und Sittenlehre": "Unseren Priestern schärfen wir ein, sich darauf zu beschränken. Ich muss nun eingestehen, dass wir hier nicht streng genug gewesen sind."

Der Generalobere führt aus, Williamson sei Weihbischof und habe "keine Führungsaufgaben in der Priesterbruderschaft" gehabt. Die Piusbruderschaft will offenbar die Rolle des 68-Jährigen möglichst klein reden.

Dabei ist Williamson einer von lediglich vier Bischöfen der Gemeinschaft, dabei heißt es in der Selbstdarstellung der Bruderschaft auf ihrer Homepage im Internet: "Sie [die Bruderschaft, Anm. der Redaktion] will eine Antwort geben auf die Krise, die augenblicklich die katholische Kirche erschüttert und ihren Ursprung im Zweiten Vatikanischen Konzil hat. [...] Als ihre wichtigste Aufgabe zur Erneuerung der Kirche sieht die Priesterbruderschaft St. Pius X. die Heranbildung und Heiligung von Priestern in einer Zeit von großem Priestermangel, wo andernorts gezielt Laientheologen an deren Seite gesetzt werden."

Demnach fiel Williamson als Weihbischof und Leiter eines Priesterseminars eine zentrale Rolle in den Reihen der Bruderschaft zu.

"Ein Zusammenbruch des religiösen Lebens"

Fellay begründet in den Ausführungen ferner die Ablehnung des Zweiten Vaticanums, das er für die Missstände innerhalb der katholischen Kirche verantwortlich macht. Die Bruderschaft lehnt die Beschlüsse vor allem im Hinblick auf drei Punkte ab: die ökumenischen Initiativen, die Erklärung zur Religionsfreiheit und die Einführung der Muttersprache anstelle des Lateins in der Liturgie.

"Wir erleben seit den Veränderungen in der Kirche einen in der gesamten Kirchengeschichte einmaligen Zusammenbruch des religiösen Lebens."

Deutliche Worte richtet der 50-Jährige an die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz. Viele deutsche Kleriker hatten sich in den vergangenen Wochen von der Entscheidung des Papstes distanziert und durch die Aufhebung der Exkommunikation Williamsons einen Vertrauensverlust für die katholische Kirche befürchtet. "Die deutschen Bischöfe fordern von uns, ihre Konzepte anzuerkennen. Gleichzeitig laufen ihnen die Gläubigen weg, und sie haben keinen Nachwuchs. Wir haben unsere Konzepte und viele junge Familien. Bäume erkennt man an Früchten."

"Kein Verein politisch korrekten Gutmenschentums"

Der oberste Piusbruder attestiert den deutschen Bischöfen eine falsch verstandene politische Korrektheit: "Wir predigen über Sünde und Vergebung, Himmel und Hölle. Wir sind eine Religionsgemeinschaft, kein Verein politisch korrekten Gutmenschentums. Die Bischöfe bedauern, dass die jüdischen Organisationen mit ihnen keinen Dialog mehr machen wollen. Wenn der Niedergang so weitergeht, hat sich der Dialog von selbst erledigt, weil es keine Kirche mehr geben wird", sagt Fellay.

Fellay äußert seine Hoffnung, der Papst lasse sich nicht beirren. "In der Kirche geht es um die Wahrheit, nicht um die Zustimmung der Welt." Unter anderem hatte Kanzlerin Angela Merkel Benedikt XVI. aufgefordert, im Fall Williamson eindeutig Stellung zu beziehen.

Fellay betont die Überlegenheit des Christentums und führt aus: "Es geht um die Frage, wie man verhindern kann, dass die eine Lehrerin in Burka unterrichtet, ohne der anderen zu verbieten, sich ein Kreuz umzuhängen. Das geht nur, wenn der Staat sich das Recht herausnimmt, zwischen Religionen zu unterscheiden und die eine zu bevorzugen und die andere nicht. Das wünschen wir uns."

Die Religion sei keine Privatsache, "ob eine Einwanderergruppe sich gut integriert oder nicht, liegt eben ganz maßgeblich an der Religion": "Niemand wird Probleme haben, wenn die irakischen Christen in Deutschland eine neue Heimat erhalten. Aber die irakischen Schiiten will niemand haben, weil der Ärger vorprogrammiert ist."

Bezogen auf den Dialog mit dem Judentum bekräftigte Fellay, was er bereits 2004 sagte. Vor drei Jahren führte er aus: "Der einzig gangbare Weg der Ökumene besteht darin, dass sich die anderen Konfessionen zur Wahrheit der katholischen Kirche bekehren."

Nun schreibt er: "Christus war Jude, Maria war Jüdin, Petrus, der erste Papst und alle Apostel waren Juden. Wer als Christ da Antisemit ist, der stellt sich selbst in Frage. […] Den Juden wurde doch der erste Teil der göttlichen Offenbarung, das alte Testament, gegeben. Wir haben also dem Buchstaben nach etwas gemeinsam. Aber um erlöst zu werden, bedürfen sie Christus."

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