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Reality-TV: "Kapitulation vor der Frömmelei"

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Streit über Muslime im Reality-TV "Bigott, beschämend, unamerikanisch"

Die US-Reality-Serie "All American Muslims" ist erfolgreich: Die Porträts muslimischer Familien gelten als umsichtig und wirklichkeitsnah. Doch jetzt forderten christliche Fundamentalisten einen Baumarkt-Riesen zum Werbeboykott auf. Mit Erfolg.

Geburt, Hochzeit, Tod. Einkaufen, zur Schule gehen, Kinder betreuen, einen Beruf finden, vielleicht einen Menschen, mit dem man leben möchte. Die Geschichten, die "All American Muslims" erzählt, sind alltäglich, mit einem kleinen Unterschied: Die Mehrheit der Protagonisten glaubt an den Propheten Mohammed und richtet ihr Leben danach aus.

Fünf Familien aus Dearborn im US-Bundesstaat Michigan porträtiert der Sender TLC zweimal wöchentlich. Die meisten von ihnen stammen aus dem Libanon. So wie Suehaila Amen, 32, die sich dafür starkmacht, dass die Menschen in den USA mehr über ihre muslimischen Mitbürger erfahren.

"Ich reise viel", erzählt die 32-jährige Seminarleiterin, die unverheiratet bei ihren Eltern lebt und stets das traditionelle Kopftuch trägt: "Auf den Flughäfen schauen mich die Leute von der Seite an und fragen mich, warum ich das Ding auf dem Kopf trage." Manchmal werde sie sehr wütend angesichts der Unwissenheit: "Lassen Sie mich in Ruhe", sagt sie dann, "ich bin auf dem Weg zu einem Meeting, um Leuten wie Ihnen etwas über den Islam beizubringen."

Das scheint bitter nötig: Angeblich haben 60 Prozent der US-Amerikaner überhaupt keinen Kontakt zu Muslimen. Erst Mitte November veröffentlichte das FBI Statistiken, wonach fremdenfeindliche Verbrechen gegen Muslime 2010 im Vergleich zum Vorjahr um 50 Prozent gestiegen sind. Auch viele Jahre nach 9/11 beherrscht das negative Bild gewaltbereiter, extremistischer Muslime die öffentliche Meinung. "Viele wissen nichts über den Islam, sie denken, Muslime sind alle gleich", sagt Suehailas Vater. "Egal was du tust, du wirst immer dritte Klasse sein."

Evangelikale werten Serie als "Propaganda"

Mit dem Format fährt TLC ordentlich Quote ein - seit dem Sendestart im November ist "All American Muslims" die zweitbeliebteste Sendung im Abendprogramm. Kritiker lobten die Dokumentation als fesselnd, informativ und ungewöhnlich umsichtig. Tatsächlich wird unaufgeregt auch über intime Dinge berichtet, wie das erste Gebet, das der Vater dem neugeborenen Sohn noch im Krankenhaus ins Ohr singt. Oder die Wehmut, mit der eine frischverheiratete Frau ihre "aufreizenden" Klamotten verschenkt, weil sie die nun nicht mehr braucht.

Doch jetzt hat die Realität die Reality-Serie eingeholt.

Die Baumarkt-Kette Lowe's hatte, angetan von den wachsenden Zuschauerzahlen, Werbung in dem Format geschaltet, das immer sonntags und donnerstags gesendet wird. Eine christlich-evangelikale Gruppierung namens Florida Family Association rief daraufhin zum Boykott von Lowe's auf. Begründung: Das Programm sei nichts weiter als "Propaganda", es verschleiere auf riskante Art und Weise, dass es islamische Gläubige gebe, die eine "Gefahr für die amerikanische Freiheit und traditionelle Werte" darstellten.

Als besonders besorgniserregend stuft der Verband ausgerechnet eine Szene ein, in der ein muslimischer Polizeibeamter sich fest zu Staat und Verfassung bekennt: "Ich bin wirklich Amerikaner. Da gibt es kein Wenn und Aber." Dies sei angesichts von Festnahmen christlicher Prediger in Dearborn in den vergangenen Jahren ein Hohn, kritisierten die Evangelikalen. Auch sei es in unmittelbarer Nähe zum Drehort zu einem Ehrenmord gekommen, heißt es auf der Web-Seite der Florida Family Association.

Die Folge: Das Unternehmen knickte ein und stoppte die Werbung.

Reality-Darstellerin Suehaila Amen zeigte sich enttäuscht von der Reaktion der Baumarktkette. "Ich bin traurig, dass ein Unternehmen sich religiösen Eiferern geschlagen gibt, Leuten, die versuchen, ihre negativen Meinungen über eine Glaubensgemeinschaft durchzudrücken", sagte die 32-Jährige am Sonntag den "Detroit News".

Ein kalifornischer Senator greift ein

"Das darf doch in den USA nicht passieren", wetterte HipHop-Mogul Russell Simmons am Samstag. "Hier stehen amerikanische Prinzipien auf dem Spiel", sagte er "Entertainment Weekly". US-Schauspielerin Mia Farrow ("Rosemaries Baby") empfahl via Twitter: "Lasst uns Lowe's treffen, wo es wehtut. Lasst uns alle Lowe's boykottieren."

Ein Mitglied des kalifornischen Senats überlegte öffentlich, ob es nun seinerseits zu einem Boykott von Lowe's aufrufen solle. Die Entscheidung des Unternehmens sei "bigott, beschämend und unamerikanisch", so der Demokrat Ted Lieu. Er forderte Lowe's auf, sich bei den Muslimen im Land zu entschuldigen. Andernfalls werde er über rechtliche Schritte nachdenken.

"Die Show beschreibt, wie es ist, als Muslim in den USA zu leben, und es zeigt auch die Diskriminierung, der einige unterworfen sind. Und genau diese Diskriminierung hat es im Fall Lowe's gegeben", sagte Lieu. Die Firmenzentrale in North Carolina gab eine Stellungnahme heraus, in der sie sich dafür entschuldigte, "einige Menschen sehr unglücklich gemacht zu haben". Die Sendung sei zum Blitzableiter für die festen Meinungen verschiedener politischer und gesellschaftlicher Gruppen geworden. Man wolle diesen den Vortritt lassen bei der Diskussion.

Dawud Walid, Leiter des Rats für amerikanisch-islamische Beziehungen im US-Bundesstaat Michigan, verurteilte diese "Kapitulation vor der Frömmelei". Muslimische Gläubige seien verärgert und hätten einen Boykott von Lowe's gefordert. Die Lösung des Problems hänge allerdings von der Reaktion der Nicht-Muslime ab. Er werde versuchen, zu vermitteln.

Schon wenige Tage nach Sendestart hatte das islamophobe "Front Page Magazine" unter Leitung von David Horowitz gegen "All American Muslims" agitiert. Jetzt bezeichnen die Macher der Website die Überlegung von Senator Lieu, rechtliche Schritte einzuleiten, als "Erpressung" und "orwellsche Formulierung". Außerdem, behauptet das "Front Page Magazine", habe Lowe's vermutlich gar nicht wegen der Inhalte, sondern aus finanziellen Erwägungen die Werbung zurückgezogen.

Auch US-Muslime hatten die Sendung in der Vergangenheit kritisiert: Das Format zeige lediglich eine Minderheit, aus dem Libanon stammende Schiiten. Andere bemängelten die fehlende Sittsamkeit der moderneren weiblichen Protagonistinnen, die auch mal auf Partys gingen und Beziehungen zu Nicht-Muslimen pflegten.

So oder so - der Konflikt ist nicht beigelegt. Senator Lieu ist noch immer in Verhandlungen mit Lowe's. Das Unternehmen kündigte am späten Sonntagabend an, mit dem Politiker sprechen und sich zu dem Vorfall detailliert äußern zu wollen. Das Büro von Lieu erklärte, der Senator werde in wenigen Tagen mitteilen, wie man in der Sache weiter verfahren werde.

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