Umstrittenes Flüchtlingsheim in Hamburg "Ich bitte die Blankeneser einfach, fair zu bleiben"

Mit Sägen und Straßensperren streiten Gegner und Befürworter über ein Flüchtlingsheim in Hamburg-Blankenese. Der städtische Asylkoordinator zeigt sich frustriert - denn Leidtragende seien die Flüchtlinge.

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Zur Person
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    Anselm Sprandel, Jahrgang 1959, ist Leiter des Zentralen Koordinierungsstabs Flüchtlinge in Hamburg. Die Stelle wurde im Herbst 2015 geschaffen, um die Unterbringung der Tausenden Asylbewerber in dem Stadtstaat zentral zu organisieren. Zuvor arbeitete er als Amtsleiter in der Hamburger Sozialbehörde.
SPIEGEL ONLINE: Herr Sprandel, was ist am Björnsonweg in Blankenese los?

Anselm Sprandel: Einige wenige Anwohner wehren sich mit zum Teil fragwürdigen Methoden dagegen, dass wir dort eine sogenannte Folgeunterkunft für Flüchtlinge planen. Wir brauchen diese neun Pavillons dort aber sehr dringend - übrigens auch, weil es zur Verteilungsgerechtigkeit in Hamburg beiträgt.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Sprandel: Im vergangenen Jahr mussten wir auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszuzugs sehr schnell sehr viele Menschen in der Stadt verteilen. Jetzt streben wir an, auch Einrichtungen in Stadtteilen aufzubauen, in denen es noch keine gibt - jedenfalls wenn das möglich und vertretbar ist. Und weil in Blankenese bislang keine Unterkunft steht, ist und bleibt der Björnsonweg ein sehr wichtiges Projekt.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl ein Anwohner jetzt vor Gericht vorerst einen Baustopp erreicht hat?

Sprandel: Dieser Gerichtsbeschluss ist misslich, aber wir halten an unseren Plänen fest, das sage ich mit aller Deutlichkeit. Deshalb haben wir am Freitagmittag auch Beschwerde gegen den Baustopp beim Oberverwaltungsgericht eingelegt. Es geht ja auch nicht um eine große Unterkunft für Tausende Menschen, sondern um neun Häuser in Holzrahmenbauweise, die wir im Jahr 2023 ohnehin wieder abbauen - das war unter anderem eine Auflage der Baugenehmigung.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch Verständnis für die Sorgen der Anwohner in Blankenese?

Sprandel: Ich kann nachvollziehen, wenn Anwohner sich wegen einer Flüchtlingsunterkunft in ihrer Nachbarschaft Sorgen machen und aktiv werden - sofern sie die dafür vorgesehenen Wege wählen, etwa vor Gericht. Hier wurden aber andere Wege beschritten: Die Leute haben städtische Mitarbeiter tätlich in ihrer Arbeit behindert, und damit haben sie sich vom zulässigen Engagement entfernt. Sie wehren sich gegen Solidarität in ihrer Stadt - und dass sie das mit solchen Mitteln tun, finde ich nicht in Ordnung.

Im Video: Angst vor Flüchtlingen im Blankenese

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SPIEGEL ONLINE: Wie viele Flüchtlinge müsste Blankenese denn aufnehmen?

Sprandel: Eigentlich mehr als die 192 jetzt geplanten, denn bislang gibt es dort keinen einzigen. Dies ist aber keine arithmetisch-mathematische Frage, daher kann man nicht sagen, wie viele Menschen ein Stadtteil aufnehmen sollte. Wir sollten jetzt zumindest darauf achten, dass wir sie nicht in Stadtteilen unterbringen, in denen schon viele Geflüchtete leben. Wenn in einem Quartier fünf Einrichtungen relativ nah beieinander liegen, kann ich manche Bedenken der Anwohner schon nachvollziehen. Der Björnsonweg liegt jedoch von der nächsten Unterkunft im Stadtteil Rissen ein gutes Stück entfernt, und in den anderen angrenzenden Vierteln leben fast gar keine Flüchtlinge. Es kann nicht sein, dass sich ein Stadtteil der Solidarität entzieht.

SPIEGEL ONLINE: Also haben die Blankeneser überreagiert?

Sprandel: Ich spreche niemandem das Recht ab, sich in unserem Rechtsstaat gegen solche Entscheidungen zu wehren. Deshalb ist es auch rechtlich in Ordnung, dass ein Blankeneser jetzt einen Anwalt eingeschaltet hat und gegen den Bau vorgeht. Aber ich plädiere dafür, diese Rechte auch in sinniger Weise wahrzunehmen. Und wenn Leute in der derzeitigen Flüchtlingskrise, die uns vor gewaltige Aufgaben stellt, mit Straßenblockaden reagieren, dann ist das problematisch und unangemessen. Ich bitte die Blankeneser einfach, fair zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehts jetzt weiter?

Sprandel: Wir wollen generell bei solchen Konflikten mit der Gegenseite reden. Jetzt ist der Fall vor Gericht gelandet und beschäftigt unsere Juristen, da fällt einem der offene Dialog natürlich schwerer - aber wir bemühen uns trotzdem nach wie vor um eine Deeskalation.

SPIEGEL ONLINE: Gefährdet der Rechtsstreit das ganze Projekt?

Sprandel: Nein, das sehe ich nicht so. Wir müssen nun leider mit Verzögerungen rechnen, die vor allem zu Lasten der Flüchtlinge gehen. Im Moment warten in Hamburg mehr als 5000 Asylsuchende darauf, aus Baumärkten und Zelten auszuziehen. Für 192 von ihnen wird die Wartezeit jetzt noch länger.

Im Video: "Kettensägenmassaker" am Björnsonweg

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