SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. Juli 2019, 09:53 Uhr

Lädierte Streitkultur

Wir schweigen die Demokratie zugrunde

Ein Kommentar von

Ziehen Sie sich immer häufiger aus Debatten in Ihrer Familie, im Freundeskreis oder im Sportverein zurück? Das ist durchaus nachvollziehbar - aber gefährlich. Zum Glück gibt es einen Ausweg.

Wir haben ein Problem. Ein großes Problem.

Nehmen wir die Debatte über eine Gruppenvergewaltigung im Ruhrgebiet, die zuletzt viele Menschen beschäftigte. Wer sich online in Foren und sozialen Netzwerken umschaut, wird nicht nur auf Empörung über die brutale Tat stoßen, auf Mitgefühl für das 18-jährige Opfer oder auf die Frage, wie Jungen im Alter von zwölf oder 14 Jahren zu so etwas imstande sein können.

Sondern auch auf viel Hass gegen vermeintlich Fremde - denn die Verdächtigen haben bulgarische Pässe.

Oder nehmen wir die Debatte über Seenotretter im Mittelmeer. Wer im Netz stöbert, wird nicht nur auf Spendenaufrufe stoßen, auf sachliche Auseinandersetzungen mit der Situation in den Herkunftsländern der Migranten oder auf die Frage, wie die von uns gewählten Politiker dieses Sterben immer noch zulassen können.

Sondern auch auf viel Hass gegen vermeintliche Rechtsbrecher - denn die Seenotretter weigern sich, Gerettete zurück ins Bürgerkriegsland Libyen zu bringen.

Diese Beispiele stehen nicht am Anfang dieses Textes, um Rassismus, Jugendkriminalität oder das internationale Seerecht zu debattieren. Es geht darum, übers Debattieren zu debattieren, denn der Verlauf der beiden Diskussionen zeigt, dass die Gesprächskultur unserer Gesellschaft lädiert ist. Und das Problem hat mehrere Ebenen:

Natürlich muss niemand mit gewaltbereiten Rassisten plaudern oder vermummte Steinewerfer auf Podien einladen. Aber ist es zu viel verlangt, einem halbwegs zivilisierten Gegenüber erst mal zuzuhören und gegebenenfalls sachlich zu widersprechen?

Doch stattdessen, seien wir ehrlich, bestätigen die meisten sich lieber unter ihresgleichen gegenseitig in ihren Ansichten - sei es im Freundeskreis, im Sportverein oder in der WhatsApp-Gruppe. Dieser Mechanismus ist nicht ganz neu, soziale Medien und das Internet als Medium haben ihn aber augenscheinlich verstärkt.

Wie ramponiert das Konzept der zivilisierten Debatte inzwischen ist, zeigt sich auch daran, dass es selbst an Universitäten in Gefahr ist - an jenem Ort also, der Taktgeber des wissensbasierten Meinungsaustausches sein sollte, und zwar auf höchstem Niveau. Im April warnte der Deutsche Hochschulverband vor "Einschränkungen der Meinungsfreiheit an Universitäten", und der Verbandspräsident Bernhard Kempen sagte: "Die Toleranz gegenüber anderen Meinungen sinkt." An Hochschulen!

Demokratie lässt sich nicht komplett delegieren

Medien, Politiker, wir alle müssen einen Ausweg aus dieser Hysteriespirale finden - und da kommen diejenigen ins Spiel, die offenbar keine Extrempositionen vertreten. Viele Millionen Menschen, die überwältigende Mehrheit. Die schweigende Mehrheit.

Dabei kostet eine demokratische Haltung oft nur wenig Zeit: ein Facebook-Post, der Diskussionen anregt statt Ressentiments zu bedienen, ein kontroverses Gespräch an der Supermarktkasse, ein Gang zur Demo. Wer hingegen den Einsatz für eine freiheitliche Gesellschaft komplett an Berufsdemokraten und Vollzeit-Ehrenamtliche delegieren möchte, verkennt grundlegendste Ideen der Demokratie. Politiker erledigen ihren Job zwar in unserem Namen, aber sie erledigen damit nicht unseren Job: mitreden, mitstreiten, mitmischen.

In einer freiheitlichen Gesellschaft ist selbstverständlich niemand zum Mitmachen gezwungen. Ohne Mitmacher allerdings verschwindet die freiheitliche Gesellschaft irgendwann.

Ja, für seine Überzeugungen einzustehen, das kann durchaus unappetitlich werden. Wer reflektierte Argumente hat und sich offen für andere Ansichten zeigt, sieht sich häufig Beschimpfungen von Leuten mit Extrempositionen ausgesetzt. Aber wer sich aus Angst davor lieber zurückhält, dürfte statt von echten Diskussionen irgendwann nur noch von Extrempositionen umgeben sein. Oder von Lügen.

Offenbar haben viele verlernt, was eine Debatte ist und wie sie funktioniert: Menschen oder Gruppen mit verschiedenen Meinungen tauschen sich aus, um eine gemeinsame Lösung zu finden, meist in Form eines Kompromisses. Das Schweigen der moderaten Massen erschwert dies allerdings.

Auch Gleichgültigkeit gefährdet die Demokratie.

Es mag viele Gründe für diese weitverbreitete Apathie geben: Angst vor Konflikten, Bequemlichkeit - oder ein Lagerdenken, das auf gefährlichen Fehlannahmen fußt: Wer sich gegen Rassismus engagiert, ist keineswegs automatisch Komplize gewaltbereiter Linksextremisten. Und Kritik an streikenden Schülern oder privaten Seenotrettern belegt noch lange kein rechtsextremes Weltbild.

Das Ende der Normalität

Was derzeit verloren zu gehen droht, ist die Lust an der Meinungsbildung. Dabei ist es völlig okay, nicht zu allen Themen eine perfekt abgestimmte Position zu haben (denn Positionen kann man verfeinern). Wissenslücken sind ebenfalls okay (denn Lücken kann man füllen). Und es ist auch in Ordnung, sich zu irren oder umzuentscheiden (denn Meinungen darf man ändern).

Die banale Wahrheit ist: Debatten brauchen Abstufungen, Grautöne, Nuancen. Unsere Nachbarschaften, Gemeinden und Vereine bestehen nicht nur aus Linksradikalen und Neonazis, Feministinnen und "Lebensschützern", religiösen Fanatikern und liberalen Humanisten. Gesellschaften sind vielfältig, diese Vielfalt aber taucht in Debatten oft nicht auf.

Um das zu ändern, darf es nicht darum gehen, lauten Verführern grundsätzlich einen Maulkorb zu verpassen. Eine freiheitliche Demokratie kann (und muss) solche Kräfte aushalten. Das gelingt, wenn sich auch moderate Bürger häufiger zu Wort melden - und so in der öffentlichen Wahrnehmung nicht die Extreme dominieren.

Warum das so wichtig ist? Weil es ansonsten sehr einfach ist, den öffentlichen Diskurs zu manipulieren. Und wer Debatten steuern kann, kann irgendwann ganze Gesellschaften steuern - denn in Demokratien ist prinzipiell alles sagbar und verhandelbar.

Wo aber alles verhandelbar ist, ist auch alles durchsetzbar: Selbst das unerträglichste Tabu kann Normalität werden, wenn keine Mehrheit mehr dagegen aufbegehrt.

Umso wichtiger ist es, sich ebenso bestimmt wie sachlich für die Werte unserer Verfassung einzusetzen: dass zum Beispiel für unsere Gesellschaft auch nur der Gedanke untragbar und unerträglich sein sollte, Menschen aus politisch-strategischen Erwägungen im Mittelmeer sterben zu lassen. Und dass in Deutschland nie wieder einzelne Bevölkerungsgruppen aus ethnischen oder religiösen Gründen pauschal diffamiert werden dürfen.

Um aber Mehrheiten für diese Positionen zu gewinnen, müssen Menschen immer wieder von anderen Menschen überzeugt werden - im offenen, fairen Meinungsaustausch.


Lesen Sie auch: Wie ein Seenotretter-Streitgespräch trotz völlig unterschiedlicher Meinungen friedlich ablaufen kann.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung