Studie 100.000 Israelis haben deutschen Pass

Viele Israelis haben wegen des Holocausts jahrzehntelang alles Deutsche abgelehnt. In der jungen Generation zeichnet sich jedoch ein Wandel ab: Gut 100.000 Israelis haben einer Studie zufolge einen deutschen Pass.

Junge Israelis am Strand von Tel Aviv (Archivbild): "Deutschland - keine Schande mehr"
AP

Junge Israelis am Strand von Tel Aviv (Archivbild): "Deutschland - keine Schande mehr"


Tel Aviv - Die israelischen Nachkommen verfolgter jüdischer Einwanderer aus Deutschland entdecken ihre Wurzeln wieder: 100.000 Israelis haben deutsche Pässe, wie die israelische Zeitung "Jediot Achronot" am Dienstag unter der Überschrift "Deutschland - das ist keine Schande mehr" berichtete. Allein seit 2000 seien von der deutschen Botschaft in Tel Aviv mehr als 70.000 Pässe an deutschstämmige Israelis vergeben worden.

Die Zeitung zitierte eine Studie der israelischen Soziologin Sima Zalcberg von der Bar-Ilan-Universität bei Tel Aviv, die die Zahlen gesammelt habe. Anlass seien die im Juni geplanten Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Einwanderungswelle der Jeckes, der deutschsprachigen jüdischen Einwanderer, ins damalige Palästina.

"Lange Jahre haben die Jeckes deutsche Produkte boykottiert, wollten keine deutsche Erde betreten und zogen es vor, jede Verbindung mit dem Land zu kappen, in dem sie geboren wurden", schrieb die Zeitung. "Jetzt kämpfen ausgerechnet ihre Kinder und Enkel um das Recht, deutsche Staatsbürger zu werden." Es handele sich dabei vor allem um die Nachfahren deutscher Juden, die im Dritten Reich von den Nationalsozialisten rechtswidrig ausgebürgert wurden. Die Zahl der Anträge auf eine deutsche Staatsbürgerschaft sei heute in Israel etwa zehnmal so hoch wie jene für andere europäische Staaten wie etwa Polen oder Rumänien, schrieb das Blatt.

Aus dem Auswärtigen Amt in Berlin hieß es dazu am Dienstag, man könne keine verbindliche Zahl von Israelis mit deutscher Staatsangehörigkeit nennen, da es im Ausland kein Melderegister gebe.

Die Studie nennt als Grund für den Trend den Wunsch der Anwärter, eine Staatsbürgerschaft zurückzuerhalten, die ihnen persönlich oder ihren Vorfahren von den Nazis gestohlen wurde. Besonders bei der jüngeren Generation spielten aber auch praktische Erwägungen eine Rolle: Man brauche etwa kein Visum in die USA, könne leichter Stipendien erhalten und habe größere Reisefreiheit als mit dem israelischen Pass.

siu/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.