Studie zum Glauben Individualisten sind religiöser

Wer ist religiöser: Menschen, die am Gemeinsinn orientiert sind, oder Individualisten? Eine neue Studie zeigt, dass in Ländern wie Deutschland vor allem die Eigensinnigen einen Bezug zum Glauben haben.

Eigensinniges Gebet: Der vermeintliche Fluch der Individualisierung
Corbis

Eigensinniges Gebet: Der vermeintliche Fluch der Individualisierung

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Hamburg - Die Individualisierung der Gesellschaft, da sind sich wohl alle Kirchenvertreter einig, führt zu einem Rückgang des Glaubens: Wenn der Mensch vor allem seine Unabhängigkeit leben will, ist ihm die Rückbindung an eine höhere Macht und die Verantwortung gegenüber einer kirchlichen Gemeinschaft eher fremd.

Empirische Studien unter amerikanischen Studenten schienen es zu belegen: Derjenige, dessen Eigensinn stärker ist als der Gemeinsinn, der neigt weniger zum Glauben. Oder anders: Wer religiös ist, hat meist weniger seinen eigenen Vorteil im Sinn als das Wohlergehen der Gemeinschaft.

Eine neue Studie jetzt jedoch in Frage, ob der Individualismus tatsächlich das Problem der Kirchen ist - zumindest in wenig religiös geprägten Kulturkreisen.

Nur religiöse Gesellschaften entsprechen der Erwartung

Das Ergebnis der Studie: In religiös geprägten Ländern wie der Türkei, Polen oder Russland sind Menschen, die ihr Handeln am Gemeinsinn ausrichten, religiöser als andere. Hier entspricht die Korrelation also der Erwartung. Anders in weniger bis gar nicht religiös geprägten Gesellschaften - dort ergibt sich das umgekehrte Bild: Menschen, die eher auf ihre Unabhängigkeit pochen, waren religiöser als die am Gemeinsinn orientierten.

Für die Studie nahm sich ein Forscherteam der Humboldt-Universität, der University of British Columbia (Vancouver) und der Partnervermittlung eDarling die Daten von 187.957 Personen aus elf Ländern vor. Sie stammten aus Befragungen der Partnervermittlung.

Zudem wurden Daten aus anderen Quellen hinzugezogen, etwa aus der weltweiten Gallup-Erhebung von 2008. Die Studie ist vom der Fachzeitschrift "Social Psychological and Personality Science" zur Veröffentlichung angenommen worden.

Die Mitglieder der Partnervermittlung mussten zum Anlegen ihres Profils Fragen beantworten. Sie gaben an, wie religiös sie sind und wie gut Beschreibungen auf sie zutreffen würden: Für wie abenteuerlustig, ehrgeizig, herrschsüchtig, fürsorglich, anteilnehmend, treuherzig und vernünftig sie sich halten. Die Ergebnisse übersetzten die Forscher in zwei fundamentale Dimensionen der Persönlichkeit: Agency und Communion, in etwa Eigensinn und Gemeinsinn.

Religiosität als Mittel der Abgrenzung

Die Forscher versuchen, das Ergebnis ihrer Studie zu erklären: Wer seine Unabhängigkeit betont, will sich eher von seiner Kultur unterscheiden. Das heißt, er will Ansichten vertreten, die nicht der Norm entsprechen. In Ländern wie Schweden, Frankreich oder auch Deutschland sind das bei vielen Themen Positionen der Kirche.

Während Religiosität in religiös geprägten Ländern mit sozialer Zugehörigkeit einhergeht, dient sie in säkular geprägten Gesellschaften demnach also der Abgrenzung.

Schon vor rund einem Jahr hatten die Forscher mit einer Studie zum Zusammenhang zwischen Religiosität und persönlichem Wohlbefinden für Aufsehen gesorgt. Nur in religiös geprägten Ländern, so das Ergebnis, waren gläubige Menschen zufriedener als nichtgläubige. In säkularen Gesellschaften gab es diesen Zusammenhang nicht, gläubige und nichtgläubige Menschen unterschieden sich kaum in ihrem Wohlbefinden und Selbstwertgefühl.

Bei beiden Studien wiesen die Forscher auf einen Mangel der bisherigen Untersuchungen hin. Sie fußten ausschließlich auf Datenerhebungen aus den USA, einem religiös geprägten Land. Doch auch die Daten der aktuellen Studie sind in einem Punkt begrenzt: Sie stammen mindestens zu großen Teilen von Alleinstehenden, die auf der Suche nach einem Partner sind. Deshalb regen die Forscher weitere Untersuchungen zu ihrer Beobachtung an.

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insgesamt 220 Beiträge
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rodelaax 25.10.2012
1. Naja
Ich bin ein absoluter Individualist – Religion und Glaube ist, für mich, etwas für Menschen, die die Welt nicht verstehen – kurz: ich bin ein Atheist. Was mache ich falsch?
fordp 25.10.2012
2. bei religion geht es um...
Zitat von sysopCorbisWer ist religiöser: Menschen, die am Gemeinsinn orientiert sind, oder Individualisten? Eine neue Studie zeigt, dass in Ländern wie Deutschland vor allem die Eigensinnigen einen Bezug zum Glauben haben. Studie zur Religiosität: Eigensinn stärkt den Glauben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/studie-zur-religiositaet-eigensinn-staerkt-den-glauben-a-862714.html)
...den "letzten strohhalm" für die armen ungebildeten und verzweifelten und um macht einfluss und geld für die gebildeten. es gibt so gut wie nichts schädlicheres als religionen, welcher art auch immer. dummheit und ignoranz stärkt den glauben, nicht der eigensinn.
spiekr 25.10.2012
3. Die psychologischen Gründe für Religiosität
werden stark unterschätzt, weil die religiös motivierten bzw. agierenden Machthaber die Religion nicht als Wunschdenken dargestellt haben wollen. "Der Mensch schuf Gott nach seinem Ebenbild." Jedoch ist dieser Zusammenhang so wahrscheinlich wie sein Gegenteil. Deshalb plädiere ich dafür, den Kindern vor aller religiösen Information ihr eigenes Wunschdenken klarzumachen.
fabian03 25.10.2012
4.
Zitat von sysopCorbisWer ist religiöser: Menschen, die am Gemeinsinn orientiert sind, oder Individualisten? Eine neue Studie zeigt, dass in Ländern wie Deutschland vor allem die Eigensinnigen einen Bezug zum Glauben haben. Studie zur Religiosität: Eigensinn stärkt den Glauben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/studie-zur-religiositaet-eigensinn-staerkt-den-glauben-a-862714.html)
Das mag für den christlichen Glauben zutreffen, der ist in Deutschland eh so gut wie erledit. Interessant wäre mal wie sich das bei Leuten verhält die mit Inbrunst Ersatzreligionen wie dem in Deutschland weit verbreitetem Ökokult huldigen und lieber die Heilige Windmühle als das Heilige Kreuz anbeten.
GSYBE 25.10.2012
5. ! Wow !
Zitat von fordp...den "letzten strohhalm" für die armen ungebildeten und verzweifelten und um macht einfluss und geld für die gebildeten. es gibt so gut wie nichts schädlicheres als religionen, welcher art auch immer. dummheit und ignoranz stärkt den glauben, nicht der eigensinn.
Dummheit und Ignoranz zeigen sich vor allen Dingen darin, üwenn man sich über Themen (herablassend) auslässt, ie man gar nicht verstanden hat. Das Thema ist der Glaube und nicht die Religion. "Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter als durch das, was sie lächerlich finden." Johann Wolfgang von Goethe
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