Suche nach Massengrab Im Dorf der namenlosen Toten

Jamlitz am Rande des Spreewalds - ein Provinzdorf wie viele andere. Mit einem Unterschied: Hier stand im Krieg ein KZ-Außenlager. Hunderte Tote sollen noch verscharrt sein. Doch auch die jüngste Suche nach dem Massengrab blieb erfolglos. Was bleibt, sind grauenvolle Geschichten über Morde und Tod.

"Schreiben Sie ruhig, wir Dorftrottel hier halten überhaupt nichts von den Grabungen", sagt Heinrich Keritz, der Mann mit dem Fernglas. Griesgrämig lehnt der Mittfünfziger aus Jamlitz am Maschendrahtzaun. "Das sind alles unsere Steuergelder. Und gefunden wird am Ende nichts." Keritz schleicht sich einmal um das Gelände und schaut argwöhnisch auf Erdhügel, meterhohes Unkraut, einen Bagger. Heinrich Keritz ist das Urbild des mürrischen Hinterwäldlers. Um ihn zu verstehen, muss man die Geschichte seines Dorfs kennen. Jamlitz ist ein 600-Seelen-Ort am Rande des Spreewalds, Aufmerksamkeit schätzen die Bewohner nicht. Nur selten kommen Touristen aus Berlin in das Lausitzdorf, es liegt versteckt zwischen Rapsfeldern und Fichtenwäldern und einem Löschteich. Das einzige, was Jamlitz von belangloser Provinznormalität unterscheidet, ist seine unmittelbare Nähe zum "Lager".

So nennen Jamlitzer das frühere KZ-Nebenlager "Lieberose-Jamlitz". Ende 1943 wurde ein Teil der Häftlinge aus Sachsenhausen in die Lausitz geschafft, wo sie für die SS-Division "Kurmark" einen Truppenübungsplatz bauen sollten. Die Sterblichkeit in den Baracken der brandenburgischen Provinz war weit höher als in anderen Außenlagern. Täglich wurden Dutzende Häftlinge ermordet oder starben aus Erschöpfung. Nur 400 der insgesamt über 8000 Häftlinge überlebten den Krieg (siehe Kasten).

Knochenmeer in der Kiesgrube

Seit den grauenvollen Verbrechen im Lager sind mehr als 60 Jahre vergangen. Doch die Geschichten über Leichenkeller im Wald, über ausgezehrte, um Wasser bettelnde Flüchtlinge auf dem Todesmarsch, über Saufgelage und nächtelange Schießereien von SS-Leuten gehören auch Jahrzehnte nach dem Krieg zu Jamlitz. 1971 stießen Bauarbeiter im benachbarten Staakow auf fast 600 Gebeine von Häftlingen aus Jamlitz-Lieberose - Opfer einer Massenerschießung in den letzten Tagen des Lagers. Monatelang führte die Stasi Befragungen in der Region durch, um Täter des Wachbataillons zu finden, doch die Untersuchungen wurden bald eingestellt.

Erst Mitte der neunziger Jahre erwachte das Interesse an dem Außenlager erneut. Die Vermutung: Weitere Opfer jener Massenerschießung liegen noch immer im Boden verscharrt, nach Auswertungen von Lagerskizzen mitten im heutigen Jamlitz. Die Gebeine von etwa 700 Menschen sollen es sein, eine Namensliste existiert nicht. "Wir haben nur Ziffern und Zahlen in der Hand", sagt Günter Morsch, Direktor der Gedenkstätte Sachsenhausen und Verfasser eines umfangreichen Jamlitz-Gutachtens. Bis 2004 wurden Dutzende Verdachtsflächen im Ort mit Probegrabungen abgesucht. Maschinen der Bundesluftwaffe überflogen das Dorf mit Boden-Radargeräten - ohne Ergebnis.

Als potentieller Fundort kam irgendwann nur noch ein einziges Grundstück in Frage, doch der Eigentümer verhinderte über zehn Jahre lang erfolgreich eine mögliche Grabung. Erst im vergangenen Herbst konnte vor dem Brandenburger Oberverwaltungsgericht eine Einigung erzielt werden. Und so wurde die Vergangenheit von Jamlitz im wahrsten Sinn des Wortes wieder aufgewühlt. Ein Archäologenteam des Landesamts für Denkmalschutz legte den Boden des 5000 Quadratmeter großen, verwilderten Geländes mit dem verlassenen Wohnhaus an der Neuen Siedlung 11 Schicht für Schicht frei.

"Dem Grab noch nie so nahe"

Doch Heinrich Keritz hat Recht behalten - zumindest vorerst. Gefunden wurde nichts, noch immer nicht. Die Grabungen wurden am Dienstagabend beendet. Menschliche Überreste brachten die Arbeiten nicht hervor. Allerdings soll die Spurensuche weitergehen. "Nach den Erkenntnissen der jüngsten Grabungen kann es für uns noch kein Ende der Suche geben", teilte Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm am Donnerstag mit.

Im Boden habe man Überreste der KZ-Baracken gefunden: Kochgeschirr, Trinkgläser, Kantinenporzellan, Baumaterial. Die Funde ließen "die Möglichkeit offen, dass die Opfer nicht weit entfernt liegen", so Schönbohm. "Wir waren dem gesuchten Grab der Opfer möglicherweise noch nie so nahe."

Die Bilanz der Suche ist sehr wichtig für die jüdische Gemeinde, für Historiker und für das Land Brandenburg. Sie ändert aber wenig an der dunklen Geschichte des Dorfs, an dem Geschehen, das sich zu Kriegszeiten vor den Augen der Bewohner abspielte. Noch bevor die ersten Baracken entstanden, wurden jüdische Häftlinge im örtlichen Gasthof untergebracht. Einige Familien hatten Angehörige von SS-Leuten einquartiert, andere versteckten Lagerflüchtlinge in ihren Häusern.

"Wer hier lebt, weiß über das Lager Bescheid", sagt Christa Wiernowolski, die direkt neben dem Grabungsgrundstück wohnt. Als sie und ihr Mann ihr Haus in Jamlitz bauten, in unmittelbarer Nähe der früheren Baracken, hatten beide ein ungutes Gefühl. "Mit war klar, auf welchem Boden unser Haus entstand." Als ihr Mann Erde für ein Zaunfundament aushob, stieß er auf zwei alte Stahlhelme der SS. Die Nachbarn fanden beim Umgraben im Garten ein paar Zähne.

Fakten mit Fiktion vermischt

Als junge Frau hörte Christa Wiernowolski zum ersten Mal von den ausgemergelten Gestalten, die durch die Dörfer getrieben und auf offener Straße geschlagen wurden. Die 56-jährige Lehrerin spricht offen über die Baracken, in ihrer Familie kursierten viele Erzählungen über das Lager. Frau und Baby eines SS-Soldaten lebten während des Kriegs auf dem Dachboden ihrer Eltern.

Heute steht in Jamlitz eine Dokumentationsstätte mit Infotafeln. Doch längst haben sich im Ort Augenzeugenberichte und historische Fakten mit Fiktion vermischt. In der Dorfkneipe erzählt man sich, die Leichen seien metertief unter dem Fundament des Hauses an der Neuen Siedlung 11 einzementiert worden. Andere vermuten den wahren Tat- und Fundort auf dem Gelände des Nachbargrundstücks. Auch das Land Brandenburg zieht diese Möglichkeit nun in Betracht: Laut Schönbohm erwägt die Regierung neue Grabungen auf zwei angrenzenden Parzellen.

"Doch die meisten wollen am liebsten gar nicht über das Lager reden", sagt Christa Wiernowolski, "sondern einfach ihre Ruhe haben". Zur Gemeinderatssitzung, auf der über die Grabungen informiert werden sollte, erschien kein einziger Anwohner.

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