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Slums in Südafrika: Die da unten von ganz weit oben

Foto: Johnny Miller/ Millefoto

Luftaufnahmen aus Südafrika "Das Elend beginnt am Zaun hinter dem Pool"

Links die Blechhütten, rechts die Villen: Der Fotograf Johnny Miller hat südafrikanische Städte aus der Luft abgelichtet - dort, wo Slums und Nobelviertel sich berühren. Sein Ziel: radikale Kritik.
Zur Person
Foto: Mlllefoto

Johnny Miller, Jahrgang 1981, ist ein US-Fotograf mit Sitz in Südafrika. Seit Januar 2012 lebt er in Kapstadt, dort studierte er Anthropologie. Ab August ist sein Drohnen-Fotoprojekt "Unequal Scenes" in Johannesburg zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Miller, warum fotografieren Sie Städte aus der Luft?

Miller: Ich habe mir im Februar eine Drohne zugelegt und im April die ersten Fotos damit gemacht. Zum ersten Mal ließ ich sie am Tafelberg im Westen von Kapstadt aufsteigen. Als ich die Aufnahmen einem Freund zeigte, sagte er: "Wow, das ist eine unglaubliche Perspektive." Das hat mich auf die Idee gebracht, mit Drohnen auch den Blickwinkel auf soziale Fragen zu verändern - und die zeigen sich nun mal am besten an Städten.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Fotos zeigen ausschließlich Viertel, in denen die Wellblechhütten der Townships direkt neben Villen oder Golfanlagen liegen.

Miller: Ja, weil ich die Spaltung der Gesellschaft mit Landschaftsfotos zeigen will.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt so, als stünde hinter ihren Fotos eine politische Mission.

Miller: Es gibt natürlich einen Grund dafür, dass ich Wohnviertel so aufnehme: Ich will Menschen dazu bewegen, sich friedlich und konstruktiv mit diesem Thema zu beschäftigen - und ich hoffe, dass sich das System der Ungleichheit dann verändern lässt.

SPIEGEL ONLINE: Und dafür braucht es Drohnen-Fotos aus 400 Metern Höhe?

Miller: Erst diese Luftaufnahmen machen die enorme Ungleichheit auf einen Blick sichtbar. Ich beschäftige mich seit Jahren mit sozialen Fragen, aber erst jetzt werden Menschen überall auf der Welt auf meine Bilder aufmerksam. Die ins Stadtbild gemauerte Spaltung der Gesellschaft lässt sich eben am besten aus der Luft dokumentieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Miller: Ich vermute, es liegt daran, dass Luftaufnahmen keine Einzelschicksale zeigen. Wir ertragen es einfach nicht mehr, arme Afrikaner zu sehen, weil wir diese Bilder schon zu oft gesehen haben. Die Geschichte dahinter ist für viele Menschen sehr berechenbar, sie haben sie schon Millionen Male gehört. Dieser alten Geschichte verleiht die Drohne eine neue Perspektive - und die Fotos sind ein äußerst sachlicher Beitrag zur Debatte: Luftaufnahmen geben dem Betrachter das Gefühl, die Welt objektiv aus der Distanz zu betrachten und nicht manipuliert zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Stadt hat Sie am meisten beeindruckt?

Miller: Die eindrucksvollsten Bilder habe ich in Kapstadt gemacht. Dort beginnt das Elend oft direkt am Zaun hinter dem Pool. In ganz Südafrika gibt es kaum eine Gegend, in der sich die Ungleichheit besser zeigen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es in anderen Städten aus?

Miller: In Johannesburg etwa sind die Armenviertel riesig, aber die Wohngegenden der Oberschicht sind etwas weiter entfernt; deshalb ist das Wohlstandsgefälle dort nicht auf den allerersten Blick zu sehen. In Durban ist das anders, aber die Ungleichheit dort lässt sich wegen der vielen Hügel nicht ideal auf Fotos einfangen.

SPIEGEL ONLINE: Weshalb eignet sich gerade Südafrika gut für dieses Projekt ?

Miller: Weil die südafrikanischen Städte nicht organisch gewachsen sind, sondern dahinter eine politische Idee steht. Das ist nicht vergleichbar mit deutschen Städten, in denen Urbanisierungstrends die Arbeiter in die Vororte vertreiben. Die Apartheidpolitik in Südafrika hat Menschen jahrzehntelang aufgrund ihrer Hautfarbe voneinander getrennt. Dabei sind Südafrikaner wahrscheinlich nicht rassistischer als Menschen anderswo auf der Welt, es geht hier um die ökonomischen Unterschiede zwischen Arm und Reich, um ein politisches System voller Fehler. Die Architektur der Städte ist das Gesicht dieser Systemfehler, und die lässt sich natürlich nicht in kurzer Zeit einfach verändern.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Luftaufnahmen zeigen dieses Problem, aber nicht die Leidtragenden.

Miller: Das stimmt, mir ging es dabei auch um die Ästhetik. Als Fotograf weiß ich, worauf Menschen schauen, welche Bilder sie anziehen. Deshalb habe ich mich für Luftaufnahmen entschieden: Damit die Leute an ihnen hängen bleiben, länger darauf schauen - und so auf das Problem der Ungleichheit aufmerksam werden.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie denn bei den Bewohnern in den Slums?

Miller: Natürlich, ich habe auch mit ihnen gesprochen. Für mein nächstes Projekt will ich auch Interviews führen - mit den Armen in den Townships ebenso wie mit ihren reichen Nachbarn. Und ich möchte auch in anderen Ländern aus der Vogelperspektive fotografieren. Ich habe in Südafrika fotografiert, aber das Problem ist natürlich global.

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