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26. Juni 2009, 20:14 Uhr

Südafrika

"Fußball ist das beste Hilfsmittel für Integration"

Von Ronny Blaschke aus Johannesburg

Der Fußballer Lucky Stylianou ist ein Symbol für die Hoffnung - auf die Überwindung der Apartheid in Südafrika. 1978 war er der erste Weiße in dem Verein des Townships Soweto, manchmal war er der einzige Weiße im Stadion. Heute fördert er den Kicker-Nachwuchs und gibt ihm Geschichtsstunden.

Johannesburg - 1978 traf Lucky Stylianou eine wegweisende Entscheidung. Der Fußballer wechselte zu den Kaizer Chiefs, dem Team von Soweto, dem größten Township Südafrikas. Stylianou war der erste Weiße im Verein, manchmal war er der einzige Weiße im Stadion. Sein Arbeitplatz lag in einem Gebiet, das er offiziell nicht betreten durfte. "Völlig verrückt, aber ich hatte wohl Glück", erinnert sich der 57-Jährige.

Das Regime der Apartheid trennte eine Gesellschaft nach Hautfarben. "Alle haben mich beobachtet, der Druck war enorm", sagt Stylianou. "Trotzdem habe ich das Beste daraus gemacht."

Inzwischen hat Stylianou einen kleinen Bauchansatz bekommen, seine Haare haben graue Strähnen. Doch auf seinem dunkelblauen Trainingsanzug prangt noch immer das gelbschwarze Wappen der Chiefs - der 57-Jährige ist inzwischen der Jugendkoordinator des Teams.

Die Spieler von Lucky Stylianou sind nicht älter als siebzehn. An diesem Nachmittag bestreiten sie ein Testspiel gegen die Reserve des brasilianischen Nationalteams, das für den Confederation Cup nach Südafrika gekommen ist. Für die jungen Fußballer ist es der Tag ihres Lebens. Hier im Orlando-Stadion, mitten in Soweto, wo mehr als zwei Millionen Menschen leben, viele in Armut, brüchigen Häusern und Wellblechhütten. Für einige geht es jedoch allmählich aufwärts - oftmals mit Hilfe des Fußballs.

"Unser Fußball war von der Welt isoliert"

Stylianou applaudiert, motiviert, schimpft, im Hintergrund klicken Kameras. "So eine Partie hätte ich früher gern bestritten", sagt der Ex-Kicker. "Unser Fußball war von der Welt isoliert, die Jungen haben jetzt einiges nachzuholen."

Der einstige Mittelfeldregisseur durfte an keiner WM teilnehmen. Jammern möchte er darüber nicht. Er konnte in seiner Heimat spielen, immerhin, und Tore schießen - seine Prominenz war sein Schutzschild.

Die Regierung bestimmte, wo sich Weiße und Schwarze bewegen durften. Lucky Stylianou war während des Trainings und der Spiele immer am falschen Ort, doch bedrohlich wurde es für ihn selten. Die schwarzen Fans liebten ihn für seine Leistung, die Polizisten missachteten Anordnungen von oben, schauten über seine Grenzgänge hinweg.

Acht Jahre konnte er für die Kaizer Chiefs spielen, hin und wieder landete er im Gefängnis, für einige Stunden, höchstens einen Tag. "Anderen erging es schlimmer", sagt er.

Trainer, Betreuer, Organisator - und Geschichtslehrer

Die Talente, die Stylianou nun fördert, wissen wenig von der Apartheid, die 1994 offiziell zu Ende ging. Und so ist Stylianou nicht nur Trainer, Betreuer, Organisator, er ist auch Geschichtslehrer. Er erzählt den Jugendlichen traurige Anekdoten aus seiner Vergangenheit, damit sie die Zukunft besser verstehen können.

Der südafrikanische Fußballverband (Fasa) wurde 1892 ausschließlich für Weiße gegründet. Schwarze, Farbige und Asiaten kickten abgeschieden unter sich, mit platten Bällen, auf staubigen Straßen. 1957 wollte das Land entweder eine rein schwarze oder weiße Auswahl zur Afrika-Meisterschaft schicken, die anderen Nationen des Kontinents wehrten sich, Südafrika wurde disqualifiziert.

1961 verbannte der Weltfußballverband Fifa den Kapstaat aus seinen Wettbewerben. Immer weniger Weiße interessierten sich für Fußball, wenn überhaupt, verfolgten sie im Fernsehen die englische Meisterschaft. Sie wandten sich den Kolonialsportarten Rugby und Kricket zu. Talente wie der Torwart Gary Bailey wechselten nach Europa.

Anders sah es in der schwarzen Bevölkerung aus. In den Armenvierteln wuchs die Begeisterung für Fußball weiter. "Die Leute haben alles um sich herum vergessen", erzählt Stylianou. "In keinem anderen Land habe ich so viel Begeisterung erlebt." Gelegentlich durchbrachen Weiße die staatlich angeordneten Hürden. Die Konsequenzen? Drohanrufe, Passentzug, Gefängnis.

Lucky Stylianou wuchs in dieser Zeit zu einem Idol. Mitte der achtziger Jahre folgten ihm mehr Weiße in die Stadien, das Regime der Apartheid bröckelte. Die Wiedervereinung der einst gesplitterten Verbände erfolgte im Dezember 1991, seither ist die South African Football Association (Safa) das Fundament für südafrikanischen Fußball ohne Grenzen.

Die Nationalmannschaft Bafana stieg zu einem Schaufenster der Regenbogennation auf, in der elf Sprachen gesprochen werden. 1996 wurde sie im eigenen Land Afrika-Meister, mit fünf weißen Spielern. Die Regierung trug sportliche Großereignisse aus, um das Zusammenwachsen der Gesellschaft zu stärken. Nation Building nennen das die Organisatoren der WM 2010 etwas pathetisch, den Bau einer neuen Nation.

Mit Stammspieler Matthew Booth und Ersatztorwart Rowen Fernandez stehen zwei Weiße in der Auswahl für den Confederations Cup, das entspricht dem Bevölkerungsanteil in Südafrika, der bei zwölf Prozent liegt. "Fußball ist das beste Hilfsmittel für Integration", sagt Lucky Stylianou.

Anders sieht es auf den Tribünen in der Liga aus. Noch immer kommen kaum Weiße, sie haben Angst vor gewaltsamen Übergriffen. "Das ist unbegründet", sagt Stylianou. "Jeder wird herzlich empfangen."

Die WM soll als Beschleuniger helfen, auch die großen Vereine, die Pirates und die Chiefs, wollen ihre Zielgruppen mit Kampagnen erweitern. "Bei den Kaizer Chiefs sollen die Besten spielen", sagt Lucky Stylianou. In seinem Jugendteam steht kein Weißer. "Bei mir entscheidet die Leistung." Die Zeit, in der Hautfarbe wichtiger als Talent war, ist vorüber.

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