Tod zweier K-Pop-Stars "Du hattest Besseres verdient"

Innerhalb weniger Wochen sind zwei K-Pop-Sängerinnen tot aufgefunden worden. Viele Koreanerinnen wühlt das auf - sie sehen die Stars als Opfer der frauenverachtenden Kultur in ihrem Land.

Ein Gedenkschrein für Goo Hara in Seoul: "Gute Nacht, Midnight Queen"
Chung Sung-Jun/ AP

Ein Gedenkschrein für Goo Hara in Seoul: "Gute Nacht, Midnight Queen"

Von , Seoul


Sie kommen allein oder in kleinen Gruppen und verbeugen sich vor ihrem Star. In einer Trauerhalle in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul verabschieden sich Fans von der Popsängerin Goo Hara. Ihr Bild steht auf einem Gedenkaltar, es wird von weißen Chrysanthemen eingerahmt. Ihre Anhänger haben darunter Briefe gelegt.

Fans über die verstorbene Sängerin Goo Hara: "Ich hoffe, dass Du jetzt Frieden findest"
Wong Maye-E/AP

Fans über die verstorbene Sängerin Goo Hara: "Ich hoffe, dass Du jetzt Frieden findest"

Am Sonntag wurde Goo tot in ihrer Wohnung in Seoul gefunden. Die Behörden schließen Suizid nicht aus. "Ich hoffe, dass du jetzt Frieden findest. Du hattest es nicht leicht", hat jemand in eines der Kondolenzbücher geschrieben, die in dem Raum neben der Trauerhalle ausliegen. Dort halten sich zwei junge Frauen schluchzend an den Händen. "Du siehst hoffentlich, wie sehr wir dich lieben. Du hattest Besseres verdient", schreibt ein Fan aus Indonesien. Ein anderer verabschiedet sich mit den Worten: "Gute Nacht, Midnight Queen".

"Ich werde für uns beide intensiv leben"

"Midnight Queen" lautete der Titel von Goo Haras letzter Single, die in Japan veröffentlicht wurde. Goo wurde als Teil der Girlgroup Kara bekannt, die seit 2008 große Erfolge in Südkorea, Japan und anderen asiatischen Ländern feierte. Später trat sie auch allein auf.

Im Oktober hatte Goo ein Live-Video bei Instagram gepostet, in dem sie sich unter Tränen von ihrer Freundin Sulli verabschiedete. Sulli war ebenfalls eine bekannte K-Pop-Sängerin, die Suizid begangen hatte. "Ich werde für uns beide intensiv leben und arbeiten", sagte sie, und: "Ich hoffe, dass du dort oben jetzt so leben kannst, wie du möchtest".

Schon Sullis Tod hatte den enormen Druck verdeutlicht, der auf den koreanischen Stars lastet. Sie müssen den hohen Ansprüchen ihrer Fans gerecht werden und sind zugleich einer Flut von Hasskommentaren ausgesetzt. Vor allem wenn sie es wagen, die strengen Regeln aufzuweichen, die den K-Pop-Stars auferlegt sind. Besonders Frauen sollen sexy sein, aber unschuldig wirken und nicht zu offen mit ihrer Weiblichkeit umgehen.

Die Sängerin und Schauspielerin Sulli bei einem Werbeauftritt im Oktober 2018
imaginechina/ imago images

Die Sängerin und Schauspielerin Sulli bei einem Werbeauftritt im Oktober 2018

Sulli war für eine koreanische Sängerin ungewöhnlich offen. Sie sprach über weibliches Selbstbewusstsein und ihre Beziehungen, aber auch über ihre psychischen Probleme und Internetmobbing. Wenn sie ohne BH vor die Tür ging, wurde sie im Netz mit Hasskommentaren überschüttet. Ihr größter Tabubruch war aber wohl, dass sie thematisierte, wie sie unter den negativen Kommentaren litt.

Grassierende Frauenverachtung

Auch Goo Haras Verzweiflung war der Öffentlichkeit bekannt. Im Mai musste sie nach einem Selbstmordversuch wiederbelebt werden.

Der Tod der jungen Frauen könnte in Korea nun auch eine Diskussion anstoßen, über den Mangel an Unterstützung für Menschen mit Depressionen in einem Land mit einer der höchsten Suizidraten weltweit.

Viele Koreanerinnen sehen den Tod der Frauen - und besonders von Goo Hara - als Ausdruck der großen Frauenverachtung in ihrer Heimat. Als Ausdruck einer Gesellschaft, die Frauen allein lässt, sowohl wenn sie Opfer von Missbrauch werden als auch wenn sie diesen öffentlich anprangern.

Goo Hara warf im vergangenen Jahr ihrem Ex-Freund vor, er habe sie mit der Veröffentlichung eines Sexvideos erpressen wollen, das ohne ihre Zustimmung entstanden war. Ein Richter verurteilte den Ex-Freund zu einer anderthalbjährigen Haftstrafe, allerdings auf Bewährung.

Bei den Fans mischt sich Trauer mit Wut

Viele Frauen sympathisierten mit Goo in deren Kampf gegen den Ex-Freund. Seit dem vergangenen Jahr gab es zahlreiche Proteste von Koreanerinnen gegen sogenannte "Rachepornos" und das weit verbreitete illegale Filmen mit Spionagekameras. In Südkorea kann das illegale Filmen und Veröffentlichen des Materials auf pornografischen Seiten mit einer Gefängnisstrafe geahndet werden. Nur in 5,3 Prozent der Fälle wurde allerdings in den vergangenen Jahren eine solche Haftstrafe verhängt, kritisiert die Vereinigung koreanischer Anwältinnen.

Doch Goo erfuhr nach dem Urteil nicht nur Sympathie. Im Internet zogen Kommentatoren danach nur noch heftiger über sie her.

Nationale Stars: Die Gruppe Kara bei einem Konzert im Jahr 2012
KIM HEE- CHUL/ EPA-EFE/ REX

Nationale Stars: Die Gruppe Kara bei einem Konzert im Jahr 2012

So mischt sich in die Trauer der Fans nun auch Wut. Nach Goos Tod diskutierten 1200 Frauen etwa in einem Forum bei dem koreanischen Internetportal Daum über die Sängerin und den Prozess gegen ihren Ex-Freund. "Das macht mich so wütend", schrieb eine Frau. "Wie können wir so etwas Rechtssystem nennen, wenn es nicht funktioniert?", meinte eine andere.

"Eine klare Botschaft an alle Frauen in Korea"

Die "Bloomberg"-Reporterin Lee Jihye brachte es bei Twitter so auf den Punkt: "Für koreanische Frauen wird es immer schwieriger, als Opfer Verbrechen zu melden, weil sie sehen, dass Künstlerinnen später ein noch größeres Trauma erleben wegen der Art und Weise, wie Öffentlichkeit, Polizei und das Justizsystem auf sexuelle Übergriffe reagieren." Das sende "eine klare Botschaft an alle Frauen in Korea".

Auch Tamar Herman ist der Ansicht, bei den Todesfällen von Goo und Sulli könne die Erklärung, sie seien am harten Musikbusiness in Südkorea verzweifelt, nur eingeschränkt herhalten. Sie schreibt für das US-amerikanische Musikmagazin "Billboard" eine Kolumne über K-Pop. "Wenn die Leute jetzt über die dunkle Seite des K-Pop sprechen, stimmt das nur bedingt. Es ist ein Problem der Gesellschaft." Die koreanische Popindustrie reflektiere die koreanische Gesellschaft, die durch intensiven Wettbewerb, Frauenfeindlichkeit und einen Mangel an Fürsorge für Menschen mit Depressionen bestimmt sei.

Goo und Sulli seien Menschen gewesen, "die über ihre psychischen Probleme und über Hasskommentare sprachen und sagten, dass sie Hilfe brauchen. Aber sie wurden nicht gehört. Sie wurden dafür noch mehr herabgewürdigt", so Herman.

Am Sonntag schrieb Goo Hara unter ihren letzten Post bei Instagram: "Gute Nacht." Sie wurde nur 28 Jahre alt.



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