Rentnerstadt in den USA Bis zum Schluss lustig

In Sun City im US-Bundesstaat Arizona leben fast ausschließlich Rentner. Mehr als 130 Klubs sorgen dafür, dass es den Einwohnern nie langweilig wird. Fotografin Kendrick Brinson zeigt den kuriosen Alltag.

Kendrick Brinson

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Die Frauen des Cheerleaderteams "Sun City Poms" tragen kurze rote Kleider, die mit schwarzen Pailletten bestickt sind, und strecken ihre bunten Pompons weit in die Luft, eine von ihnen macht einen Spagat. Fast wirken sie wie ein gewöhnliches Sportteam, wären da nicht die Falten in ihren Gesichtern, die auffällig vielen Dauerwellen und die etwas ungelenken Haltungen. Jede von ihnen ist über 55 Jahre alt.

Die Fotografin Kendrick Brinson hat die Damen in Sun City porträtiert, der ersten Siedlung nur für Rentner. Hier im Bundesstaat Arizona, wo das Klima das ganze Jahr über angenehm ist, leben knapp 40.000 ältere Herrschaften, die ihren Ruhestand genießen und gleichzeitig körperlich und geistig aktiv bleiben wollen.

Mehr als 130 Klubs sorgen dafür, dass es den Einwohnern nie langweilig wird. Sie können neue Fähigkeiten erlernen oder sich mit Gleichgesinnten austauschen. Das Angebot reicht vom Fotografiekurs, dem Hundeklub, dem Tennistraining, über Bingoabende bis hin zu einer Synchronschwimmgruppe.

2009 schaute sich Fotografin Brinson einen Film an, in dem eine Szene in Sun City spielte. Sie war beeindruckt und fand heraus, dass die Rentnersiedlung ein paar Monate später ihren 50. Jahrestag feierte. Im Dezember desselben Jahres fuhr sie deshalb hin - und kehrte in den vergangenen zehn Jahren mehrmals dorthin zurück.

Sun City wurde 1959 von dem Geschäftsmann Del Webb erbaut und im darauffolgenden Jahr eröffnet. Damals war es die erste Kommune nur für Rentner in den USA. Die Idee: Auch ältere Menschen sollten mehr erwarten dürfen als nur den Tod.

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Zu alt ist man nie: Leben in einer Rentnerstadt

Fast 60 Jahre später pulsiert in Sun City das Leben: Brinsons Fotos zeigen Paare, die tanzen und sich wie frisch Verliebte küssen; Einwohner, die ihre Hunde stolz verkleidet bei einer Parade ausführen oder einen Mann, der sein Sofa zu einem fahrbaren Untersatz umgebaut hat. Altern bedeutet für die Porträtierten nicht, das Haus nicht zu verlassen - sie sind stattdessen aktiver als manch junger Mensch.

Doch nicht nur die zahlreichen Aktivitäten locken die Rentner hierher. Früher war hier Wüstenboden, daher gibt es kaum Hügel, wenig Treppen oder Rampen. Selbst die Bordsteine wurden abgeflacht, Verkehrsschilder vergrößert. Die Wege zum Einkaufen sind kurz, es gibt eine hohe Dichte an medizinischem Personal. Die Einwohner werden nicht von Babygeschrei geweckt, es gibt keine Kinder, die zur Schule rennen, kaum Kriminalität.

Als Brinson mit ihrem Projekt anfing, war sie 26 Jahre alt, mittlerweile ist sie 36, sticht aber trotzdem in dem Ort hervor. "Die Leute wissen sofort, dass ich nicht dort wohne", sagt sie. "Das hat den Vorteil, dass sie neugierig werden und wissen wollen, was ich mache." Und so kommen sie miteinander ins Gespräch. Brinson hat mittlerweile mit vielen Menschen in Sun City Freundschaft geschlossen.

Auch wenn aufgrund des hohen Durchschnittalters der Einwohner der Tod ein alltäglicher Begleiter ist, will ihn Brinson nicht in den Mittelpunkt rücken. "Wenn es um das Altern geht, wird das immer mit Leiden und Sterben in Verbindung gebracht. Ich habe aber so viel Energie und Geselligkeit in Sun City erlebt und möchte zeigen, wie viele Menschen sich bis zum Ende voll ausleben."

Die Fotografin hat durch die Männer und Frauen aus Sun City gelernt, dass es bei allen Aktivitäten nicht um das Ergebnis geht - sondern um die Erfahrung, das Erlebnis und den Spaß dabei. Vor zwei Jahren fing sie daher selbst an, Aquarelle zu malen und dabei nicht mehr so perfektionistisch zu sein wie früher. Und sie fürchtet das Alter nicht mehr - weil man es auch genießen kann.

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GueMue 10.05.2019
1. Wems gefaellt
Es ist und bleibt Aussonderung sobaldArbeitsleben vorbei. Immer noch besser als unsere Altenheime.
lynx999 10.05.2019
2. Gute Alternative
Sicherlich eine sehr gute Alternative zu Vereinsamung und Altersheimen. In den Niederlanden gibt es ähnliche Projekte in denen betagte Personen in kleine ebenerdige Häuser ziehen die allen notwendigen Komfort und insbesondere optionale Hilfsangebote bieten - aber alles in einer kleinen Dorfgemeinschaft. Im hohen Alter einsam in einer Mietskaserne in der Innenstadt ist sicherlich nicht würdiger...
cucaracho_enojado 10.05.2019
3. Sieht aus wie eine ...
US-Kaserne (inkl. der Tarnfarben). So kann man eine Idee natürlich auch kaputt machen. :-D
AttaTroll 10.05.2019
4.
Unser modernes Leben definiert sich über die Arbeit. Das Problem am Älterwerden ist und bleibt die Tatsache, dass man/frau ab einem bestimmten Alter nicht mehr in der Arbeitswelt gebraucht wir, auch wenn er/sie noch gerne dabei wäre und zudem einen hohen Kenntnisstand besitzt. Den Kontakt mit den ehemaligen Kollegen aufrechtzuerhalten gelingt in der Regel nicht, da beide Zeiten ein sehr unterschiedliches Zeitbudget zur Verfügung haben, und so schlafen die Kontakte schnell ein. Wohl dem Rentner, der dann wenigstens keine Geldsorgen hat und sich in der Welt umsehen kann.
Hexavalentes Chrom 10.05.2019
5. Altersgarten
Endlich nicht mehr sein müssen. Vollkommen aufgelöst in anderen. Es ist der Altersgarten, das späte Gegenstück zum Kindergarten. Langsam entkleiden wir uns von der Person, die wir waren, um wir zu werden. Es ist der Tod vor dem Tod. Angenehm, freundlich, warm. Der zweite Tod ist nicht kommunizierbar, was auch nichts macht. Denn die aufgelöste Person ist ja längst gegangen.
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