Tabuthema Menstruation Das rote Tuch

Die US-Zeitschrift "Cosmopolitan" nennt 2015 "das Jahr, in dem die Periode öffentlich wurde". In Deutschland bleibt es trotzdem still um das Thema. Das muss sich ändern.
Der Standard in Sachen Frauenhygiene: Tampons

Der Standard in Sachen Frauenhygiene: Tampons

Foto: Corbis

"Wenn Männer menstruieren könnten", so hieß der Essay, in dem die Feministin Gloria Steinem Ende der Siebzigerjahre in der US-Zeitschrift "Ms." die Welt auf den Kopf stellte. In dem Artikel zeichnete sie das Bild einer Gesellschaft, in der ganze Horden von Wissenschaftlern sich der Erforschung von Unterleibskrämpfen widmen. Wo in TV-Shows und Filmen offen über Monatszyklen gesprochen wird. Und wo die erste Periode im Leben eines Jungen mit einer großen Party gefeiert wird. Geschenke und Familienessen inklusive.

Männer, die menstruieren - ein absurder Gedanke? Noch viel absurder scheint selbst heute noch die Idee einer Gesellschaft, in der die Periode ein Thema ist, über das offen gesprochen und diskutiert wird. Denn auch 40 Jahre nach Steinems Gedankenspiel tut sich die Gesellschaft noch immer schwer damit.

In der Werbung wird Frauen und Mädchen suggeriert, die Periode sei etwas, das unsichtbar, in aller Stille, ja, fast schon steril vonstatten gehen müsse. In Bindenwerbung wird der Blutfluss durch eine frische blaue Ersatzflüssigkeit symbolisiert. Keine Krämpfe, keine Kopfschmerzen, keine fleckigen Bettlaken - stattdessen wird in weißer Unterwäsche auf dem weiß bezogenen Bett getanzt. Menstruierende Frauen? Kein Problem. Nur anmerken sollte man es ihnen nicht.

Tabubruch in den USA

Doch nun meinen US-Medien, einen Sinneswandel auszumachen. Die Zeitschrift "Cosmopolitan" titelte kürzlich: "2015: Das Jahr, in dem die Periode öffentlich wurde". Der britische "Guardian" und diverse Nachrichtenseiten sprechen von einer "Menstruationsrevolution" in den USA.

Schon im März gab Rupi Kaur der Debatte kräftig Schwung: Auf Instagram veröffentlichte sie ein Foto von einer schlafenden Frau. Sie liegt im Bett, mit Blutflecken auf dem Laken und im Schritt ihrer Hose. Instagram löschte das Bild - und brachte damit das Netz gegen sich auf. Kaur postete das Foto erneut , diesmal mit dem Zusatz: "Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass ich nicht das Ego und den Stolz einer frauenfeindlichen Gesellschaft füttere, die Frauen in Unterwäsche okay findet, aber nicht mit einem Blutfleck." Tausende Menschen teilten den Post und zeigten eigene Periodenbilder. Instagram entschuldigte sich schließlich.

Kaurs Beispiel ist nur eines von vielen aus dem Jahr 2015, die davon zeugen, wie das Thema Menstruation sich den Weg in die öffentliche Diskussion bahnt. Die kanadische Regierung schaffte im Juli nach Demonstrationen die Steuer auf Tampons und Binden ab. Als US-Präsidentschaftsanwärter Donald Trump einer Journalistin implizit vorwarf, man würde ihr ihre Periode anmerken, liefen Frauen und Männer im Netz Sturm.

Keine Lust auf Scham

Viele Frauen haben es satt, sich für etwas völlig Normales zu schämen und sogar beleidigen zu lassen. Drummerin und Harvard-Absolventin Kiran Gandhi fand ein extremes Bild für ihren Protest: Sie lief den London-Marathon während ihrer Periode - ohne Tampon oder Binde. Die Fotos des Blutflecks zwischen den Beinen gingen um die Welt. Die Botschaft ist deutlich: Eine Frau muss sich für das Bluten nicht schämen und kann selbst entscheiden, wie sie damit umgeht.

Das Umdenken in den USA macht sich auch im Konsum bemerkbar: Die Nachfrage nach Biotampons steigt, App-Stores bieten etliche Tracking-Anwendungen, die den Zyklus festhalten. Crowdfinanzierte Alternativen zu Binden und Tampons drängen auf den Markt.

Und in Deutschland? Während Sex, Homosexualität und Geschlechtsumwandlungen hierzulande weitgehend offen diskutiert werden, findet das Thema Periode in der öffentlichen Diskussion nach wie vor kaum statt.

Alternativen zu Tampons und Binden sind Nischenprodukte. Biotampons werden nicht offensiv vermarktet. Für reguläre Monatshygiene muss der Hersteller die Inhaltsstoffe nicht einmal angeben. Eine Petition mit dem Anliegen, die Steuern auf weibliche Hygieneprodukte zu senken, fand nur rund 10.000 Unterstützer - und das, obwohl Tampons und Binden genauso hoch besteuert werden wie ferngesteuerte Autos. Als sei die Periode ein Hobby, dem zufällig jede Frau auf dem Planeten frönt. Für Toilettenpapier gilt übrigens auch kein verminderter Steuersatz.

Signalwirkung

Natürlich geht es nicht um Steuersenkungen oder Menstruationstalk am Kopierer. Es geht darum, ein Signal zu senden, dass es Zeit wird, offen über dieses Thema zu sprechen. Weltweit. Dass Deutschland als Vorbild für gesellschaftliche und politische Trendwenden fungieren kann, zeigt sich etwa in der Energiewende. Das kann auch in Sachen Menstruation funktionieren.

Denn während fehlende Tamponalternativen für Frauen in der westlichen Welt allenfalls ein Ärgernis sind, zerstören fehlendes Verständnis und mangelnde Offenheit auf diesem Gebiet in anderen Regionen der Welt Leben.

In ländlichen Teilen Indiens hat ein Großteil der Frauen keinen Zugang zu Hygieneprodukten. Jedes fünfte Mädchen bricht die Schullaufbahn ab, weil sie während ihrer Blutungen zu Hause bleibt und zu viel Unterricht verpasst. In zahlreichen Gesellschaften gelten blutende Frauen als schmutzig, nicht einmal Essen dürfen sie zubereiten. Laut einer UN-Studie glauben Tausende Mädchen im Iran und in Indien, Monatsblutungen seien Krankheitssymptome.

Deshalb brauchen wir ein gesellschaftliches Umdenken: Wer aufhört, die Periode als beschämend, einen Blutfleck auf dem Kleid als peinlich und die Diskussion des Themas als überflüssig zu sehen, nimmt der Menstruation ihr Stigma. Und das könnte wirklich eine Revolution auslösen.

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