Peter Maxwill

Streit über Essener Tafel Schnell, wir brauchen einen Schuldigen!

Wer ist verantwortlich dafür, dass die Essener Tafel derzeit nur Deutsche neu aufnimmt? Die Debatte darüber wird so aufgeregt geführt, dass ein zentraler Aspekt zu kurz kommt.
Ausgabe an der Essener Tafel

Ausgabe an der Essener Tafel

Foto: Roland Weihrauch/ dpa

Schlimm ist das, wirklich. Da entscheidet sich die Essener Tafel, vorerst nur noch Inhaber eines deutschen Passes neu aufzunehmen, weil ruppig auftretende Migranten deutsche Mütter und Senioren vergrault haben sollen.

Schlimm ist das, ja - aber was genau eigentlich? Das Verhalten der Migranten, die sich womöglich nicht zu benehmen wissen? Das Verhalten der Tafel-Leitung, die das Problem mit einer fragwürdigen Strategie zu beheben versucht? Das Verhalten der Politiker, die aus klimatisierten Abgeordnetenbüros das Geschehen kommentieren?

Man könnte den Eindruck bekommen, die halbe Republik habe in der vergangenen Woche den alten Wasserturm am Steeler Berg besucht, um sich am Sitz der Essener Tafel ein Urteil zu bilden. Das Angebot an möglichen Schuldigen für die Misere ist jedenfalls üppig: die Ausländer, denn die können sich nicht benehmen; die Helfer der Essener Tafel, denn da arbeiten Rassisten; die Politiker, denn die tun zu wenig gegen Armut.

Natürlich ist es empörend, dass manche Bedürftige sich offenbar daneben verhalten, dass die Tafel-Leitung nun Ausländer strukturell benachteiligt, dass die Politik in einem der reichsten Länder der Welt solche Verteilungskämpfe zulässt. Aber es gibt da noch eine andere Frage, eine ebenso simple wie wichtige: Menschen haben Hunger - wie helfen wir?

Neue Gräben im kollektiven Verteilungskampf

Die ehrenamtlichen Helfer der Essener Tafel beschäftigen sich mit dieser Frage seit Jahrzehnten, und ihnen gebührt dafür großer Dank. Der Aufnahmestopp für Ausländer ist Symptom einer Überforderung - und in vielerlei Hinsicht eine problematische Entscheidung. Wer in den vergangenen Tagen die Essener Tafel besuchte, konnte dort etwa eine dunkelhäutige 39-Jährige treffen, die einen kleinen Modeversand betreibt. Oder einen blinden Greis, der sich schlurfend vorwärts tastete.

Der Greis hatte einen Aufenthaltstitel, die Frau einen deutschen Pass. Hat sie die Unterstützung eher verdient als er?

Es sind solche Fälle, die das wahre Elend dieser Debatte zeigen: Wer glaubt, Bedürftigkeit nach Nationalität oder Ethnie festlegen zu können, begibt sich auf einen Irrweg - einen sehr gefährlichen: In Essen gibt es schon jetzt deutsche Kunden, die Mitleid haben und sich schämen, bevorzugt zu werden. Und es gibt nicht deutsche Kunden, die diese Form von Rassismus nicht fassen können.

So werden Arme gegeneinander ausgespielt, neue Gräben im kollektiven Verteilungskampf gezogen, das Prinzip der Ellbogengesellschaft auch auf die unterste Etage der Wohlstandspyramide ausgedehnt.

Natürlich ist es wichtig, Schwierigkeiten bei der Integration von Zugezogenen ebenso zu benennen wie das gravierende Armutsproblem. Warum aber haben nicht längst etliche Unternehmen angeboten, noch mehr Lebensmittel zu spenden? Warum schlagen die Regierenden keine Sofortmaßnahmen zur Armutsbekämpfung vor? Warum melden sich jetzt nicht Tausende Deutsche, um in der Tafel in ihrer Stadt mitzuhelfen?

Wir diskutieren über alles mögliche, suchen nach Schuldigen und schieben das Problem auf diese Weise weit weg von uns. Etwas anderes wäre hilfreicher, in einer Arbeiterstadt wie Essen kennen sie sich damit aus: anpacken und machen.

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