"Wir geraten an Kapazitätsgrenzen" Immer mehr Senioren gehen zur Tafel

Immer mehr Menschen decken sich bei Tafeln mit Lebensmitteln ein. Die Zahl der Kunden stieg in einem Jahr um zehn Prozent, besonders Ältere kommen vermehrt. Der Verband warnt vor steigenden Lebensmittelpreisen.
Obst bei der Münchner Tafel (Archiv): Streit über Einfluss der Politik

Obst bei der Münchner Tafel (Archiv): Streit über Einfluss der Politik

Foto: Sven Hoppe/dpa

Die Zahl der Menschen in Deutschland, die sich bei Tafeln mit Lebensmitteln versorgen, steigt immer weiter an. Die etwa 940 Tafeln verzeichneten zuletzt 1,65 Millionen Kunden, dies seien zehn Prozent mehr als im vergangenen Jahr, sagte der Vorsitzende des Bundesverbands, Jochen Brühl, der "Neuen Osnabrücker Zeitung ". Besonders groß sei die Nachfrage von älteren Menschen. "Die Zahl der Rentner unter den Tafelkunden ist innerhalb eines Jahres um 20 Prozent auf 430.000 gestiegen."

Brühl forderte deshalb Unterstützung der Politik. "Bislang sind unsere Lager und Kühlfahrzeuge ausschließlich spendenfinanziert. Wir geraten an Kapazitätsgrenzen." Um noch mehr zu leisten, müsse aufgestockt werden. "Das Geld will uns aber niemand geben. Stattdessen werden wir von der Politik mit Schulterklopfern abgespeist. Das reicht nicht", sagte er. Unter den Tafeln gibt es aber auch Streit über diese Forderung. der Chef der Essener Tafel, Jörg Sartor, sieht dadurch etwa die Unabhängigkeit gefährdet - und verlangt stattdessen eine Ehrenamtspauschale.

Heizung aus Angst vor der Rechnung nicht angestellt

Dieser Konflikt könnte sich noch weiter zuspitzen. Denn Verbandsvorsitzender Brühl geht nicht davon aus, dass die derzeit diskutierten Reformen wie die Grundrente Probleme grundsätzlich lösen werden. "Grundrente klingt so, als werde damit die Altersarmut in Deutschland abgeschafft. Das ist natürlich Quatsch." Eine effektive Bekämpfung der Altersarmut beginne im Erwerbsleben oder noch früher. "Unter unseren Kunden sind auch 500.000 Kinder und Jugendliche. Deren Zahl übersteigt also noch die der Rentner, die unsere Angebote nutzen."

Die gemeinnützigen Tafeln sammeln Lebensmittelspenden von Händlern und Herstellern und verteilen diese regelmäßig an bundesweit mehr als 1,6 Millionen bedürftige Menschen.

Verbandsvorsitzender Brühl beklagte, die Gesellschaft verdränge, unter welchen Bedingungen viele Menschen lebten. "Ich glaube zwar nicht, dass Menschen hierzulande hungern." Aber gerade ältere Menschen berichteten, dass sie die Heizung im Winter nicht anstellten aus Sorge, die Heizkostenabrechnung im Frühjahr nicht mehr bezahlen zu können.

Angesichts dieser Lage bewertet der Bundesverband der Tafeln das Anliegen von Landwirten und Teilen der Politik nach höheren Lebensmittelpreisen kritisch. "Einfach nur höhere Lebensmittelpreise zu fordern, ist zu einfach. Das würde die Kundenzahl bei den Tafeln in die Höhe treiben", sagte Brühl. "Auch Menschen, die wenig haben, müssen sich gesund ernähren können."

apr/dpa/AFP