Tafeln in Deutschland "Wir müssen unabhängig bleiben"

Der Bundesverband der Tafeln fordert finanzielle Unterstützung von der Bundesregierung. Doch nicht alle Ehrenamtlichen halten das für eine gute Idee. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Eine Helferin verteilt Gemüse bei der Hanauer Tafel
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Eine Helferin verteilt Gemüse bei der Hanauer Tafel


Mehr als 1,6 Millionen Menschen besuchen regelmäßig Tafel-Läden, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Die Zahl steigt seit Jahren - und ebenso steigt die Masse an Essbarem, das hierzulande im Müll landet, obwohl es noch genießbar wäre. Der logistische Aufwand, um Lebensmitteln einzusammeln und zu verteilen, ist enorm.

Jochen Brühl, Vorsitzender des Dachvereins der Tafeln in Deutschland, hat deshalb staatliche Unterstützung gefordert. Zum Teil müsse man Großspenden - zum Beispiel aus der Lebensmittelindustrie - ablehnen, weil die Infrastruktur des Vereins dem nicht gewachsen sei.

Was fordert Brühl konkret - und warum? Und was sagen andere Tafel-Ehrenamtliche dazu? Die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Thema im Überblick:

Warum fordern die Tafeln in Deutschland staatliche Unterstützung?

Jochen Brühl sagte dem SPIEGEL: "In Deutschland wird zu viel Essen weggeschmissen, und die Politik erhofft sich von uns, dass wir diesem Missstand noch stärker entgegenwirken. So steigen aber auch die Anforderungen an unsere Logistik, damit kann uns der Staat nicht allein lassen."

Ihm ist eine Unterscheidung wichtig: Er fordere auf keinen Fall, dass der Staat eine größere Rolle bei der sozialen Arbeit vor Ort spielt, also etwa bei der Essensausgabe. Aber die Logistik im Hintergrund, die oft jetzt schon Arbeit rund um die Uhr erfordere, brauche mehr finanzielle Unterstützung, zum Beispiel für Fahrzeuge, Lagerplätze oder Kühlanlagen. "Das soll alles nicht dazu führen, dass die Tafeln plötzlich verstaatlicht werden. Wir leben vom Ehrenamt, wir bleiben eine NGO."

Viele Supermärkte und deren Kunden unterstützen die lokalen Tafeln - wie hier in Bad Segeberg in Schleswig-Holstein.
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Viele Supermärkte und deren Kunden unterstützen die lokalen Tafeln - wie hier in Bad Segeberg in Schleswig-Holstein.

Wie reagieren Tafel-Helfer auf den Vorstoß?

Die Reaktionen sind geteilt - so wie auch die Situation einzelner Tafel-Vertretungen sehr verschieden ist.

Jörg Sartor, Leiter der Tafel in Essen, sieht den Vorstoß beispielsweise kritisch. "Damit machen wir uns abhängig." Mehr Geld für Hauptamtliche hält er nicht für notwendig, auch er selbst leite seine Tafel im Ehrenamt: "Ich lehne das Prinzip, mit Hauptamtlichen zu arbeiten, prinzipiell ab. Das widerspricht dem Tafel-Gedanken."

Auch Antje Troelsch, Geschäftsführerin der Berliner Tafel, ist skeptisch: "Mehr Geld für Logistik und Digitalisierung ist zentral", sagt Troelsch. "Aber wir müssen unabhängig bleiben. Das ist uns sehr wichtig. Wir sind eine große ehrenamtliche Bewegung - und die Geldgeber dürfen nicht entscheiden, welche Lebensmittel wir wo abholen."

Andere Engagierte wiederum, wie Ulrich Fels, Leiter der Tafel im schleswig-holsteinischen Kropp, begrüßen den Vorstoß von Brühl - und gehen noch weiter. "Festangestellte Mitarbeiter könnten als Leiter der Tafeln die Organisation und Verteilung der Spenden organisieren und sich um bürokratische Aufgaben kümmern." Damit könne sichergestellt werden, dass die Lebensmittel in einer Region gleichmäßig verteilt werden. "Wir haben an manchen Tagen so viel Ware, die wir selbst nicht brauchen", sagt Fels. Erst vergangene Woche ließ er eine Spende ins 50 Kilometer entfernte Tönning bringen.

Dort kümmert sich Ina Hinrichsen seit neun Jahren um die Tafel des Bade- und Luftkurorts. Auch sie sieht Brühls Forderung positiv. Die Wege für Hinrichsen und ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter sind weit. Der Ort liegt auf der Halbinsel Eiderstedt. "Für Spenden müssen wir immer durch die Gegend fahren", sagt sie. An manchen Tagen sei es schwer, ehrenamtliche Fahrer für die Transporte zu finden. Dann wünscht sie sich einen Festangestellten, "der fahren muss, weil es sein Job ist."

Wie viele Tafeln gibt es in Deutschland?

Die erste deutsche Tafel wurde 1993 in Berlin organisiert. Laut dem Bundesverband gibt es mittlerweile deutschlandweit mehr als 940 gemeinnützige Tafeln mit mehr als 2000 Läden und Ausgabestellen. Die Verteilung der jährlich 264.000 Tonnen an Lebensmittel-Spenden ist regional unterschiedlich organisiert. Insgesamt helfen mehr als 60.000 Ehrenamtliche bei der Vergabe von Essen, aber auch Kleidung oder Haushaltswaren. Viele Tafeln betreiben zudem eine Suppenküche.

Ehrenamtliche Helfer bei der Tafel in München: Vor allem die Verteilung der Lebensmittel ist eine Herausforderung
Münchner Tafel/ dpa

Ehrenamtliche Helfer bei der Tafel in München: Vor allem die Verteilung der Lebensmittel ist eine Herausforderung

Warum nutzen immer mehr Menschen die Tafeln, trotz der guten Konjunktur?

Laut einer Hochrechnung des Vereins ist die Zahl der Menschen, die sich bei der Tafel Essen holen, innerhalb eines Jahres um zehn Prozent auf 1,65 Millionen gestiegen. Darunter sind besonders viele Senioren - deren niedrige Renten oder Grundsicherung nicht von der positiven Konjunktur profitieren. Diese Gruppe wuchs besonders stark. Laut der Osnabrücker Tafel sind häufig Rentner betroffen, die im Niedriglohnsektor beschäftigt waren oder Alleinerziehende, die nicht in Vollzeit gearbeitet haben.

Das Problem der Altersarmut wird laut einer Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung weiter zunehmen: Demnach könnte mehr als jeder fünfte Rentner in Deutschland in 20 Jahren von Armut bedroht sein. Besonders groß sei das Problem in Städten, auch wegen der steigenden Mieten.

Auch immer mehr Kinder und Jugendliche nutzen die Tafeln - sie machen rund 30 Prozent der Besucher aus. Gesunken sei dagegen der Anteil der Asylbewerber, die sich dort versorgen: von 26 auf 20 Prozent.

Wie finanzieren sich die Tafeln in Deutschland?

Die Tafeln werden nach eigenen Angaben fast ausschließlich durch Spenden finanziert: Einerseits durch die Lebensmittelspenden von Supermarkt- und Restaurantketten, von regionalen Bäckern oder Fleischereien. Andererseits durch Geldzuwendungen oder auch durch Sachspenden, etwa Transportfahrzeuge oder Kleidung.

Rund 60 Prozent der Tafeln sind Projekte, die von anderen gemeinnützigen Organisationen getragen werden, etwa der Caritas oder der Arbeiterwohlfahrt. Diese haben wiederum ihren eigenen Finanzierungsmix, der sich auch in ihren Tafel-Projekten niederschlägt. Außerdem gibt es viele Kommunen, die ihre lokale Tafel unterstützen, etwa mit Fahrzeugen, Lagermöglichkeiten oder Räumen für die Essensausgabe.

Aussortierte Lebensmittel (Archivbild)
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Aussortierte Lebensmittel (Archivbild)

Welche Rolle spielt das Thema Lebensmittelverschwendung?

Mit der Versorgung Bedürftiger geht ein weiteres Ziel der Tafeln einher: Die Verwendung von Lebensmitteln, die Einzelhandel und Gastronomie wegschmeißen würden, obwohl sie noch genießbar sind.

Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, die Menge verschwendeter Lebensmittel in Deutschland bis zum Jahr 2030 zu halbieren. Wie viele Lebensmittel in Deutschland jährlich im Müll landen, ist schwer zu erfassen - Experten gehen von mehr als zehn Millionen Tonnen aus. Zur Einordnung: Die Tafeln verteilen jährlich etwa 264.000 Tonnen.

Um das Halbierungsziel zu erreichen, plädiert Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) im Wesentlichen für freiwillige Selbstverpflichtungen der Wirtschaft. In Ländern wie Frankreich und Dänemark dagegen gibt es klare Regeln, die mancher auch für Deutschland fordert. Dort müssen beispielsweise Lebensmittelhändler mit mehr als 400 Quadratmetern Fläche überzählige Lebensmittel spenden.

Ein konkretes Projekt, um Lebensmittelspenden zu vereinfachen, hat Ministerin Klöckner inzwischen auf den Weg gebracht: Eine App soll es Händlern ermöglichen, nicht verkaufte Lebensmittel unkomplizierter an die Tafeln weitergeben zu können. Dadurch, so heißt es in einer Mitteilung des Bundesministeriums, "soll die Menge der vor der Entsorgung geretteten Lebensmittel in Deutschland um bis zu 40 Prozent erhöht werden."

caw/le/mamk/one/sen

insgesamt 16 Beiträge
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prologo 06.11.2019
1. Die neuen vielen Tafeln zeigen das Versagen der Bundesregierung an!!
Deshalb muss die Bundesregierung dafür sorgen, dass wir die Tafeln gar nicht brauchen. Dafür Politik machen, dass die Bürger von ihrem Einkommen leben können. Und dass dann die Rente dafür auch noch für die Lebends lange Arbeit zum leben reicht. Die Tafeln dürfen nicht mit Untersützung der Regierung zu einer Rechtfertigung für diese Menschen Verachtende Politik für die Arbeitnehmer werden. Oder gar eine von der Regierung dafür gemachte feste Einrichtung werden.
Sensør 06.11.2019
2. Verhöhnung der Sozialschwachen seitens des Staates
Eine finanzielle Unterstützung der Bundesregierung wäre die offene Verhöhnung der Sozialschwachen seitens des Staates. beispielsweise werden in Holland, Dänemark und der Schweiz jedem Rentner mit ~1200 Euro genug Geld zum Leben ausgezahlt, ohne dass sich ernsthaft darüber beschwert, dass auch ein paar berufliche Versager (warum auch immer) dazwischen sind. Hierzulande verhöhnt die GroKo wieder die Ärmsten der Armen mit ihrem armseligen Gezerre um schlechte oder ganz schlechte Renten für die "deutschen Untermenschen". Besten Dank an alle, die die Tafeln direkt oder indirekt dabei unterstützen, diesen armen Schluckern das Leben wenigstens ein klein wenig erträglicher zu machen.
anna.kronismus 06.11.2019
3. Es MUSS etwas geschehen
..egal von wem. Und wenns " der Staat " ist --seis drum. Ich containere seit 4 jahren in der Provinz . Die Mengen sind unbeschreiblich. Einmal über 40 kg allein nur das Rindfleisch bei einem von 4 Vollsortimentern. Ich hab 2 Jahre lang den Afrikanern in ihren Eisenkisten Auberginen/Salat/Zucchini und Co ausm Aldi seinen Abfallkübeln gebracht .. ca ein halber Tag Zeit perdu. Ich hab auch andere Interessen und ein Eigenleben. Das mit dem Aldi hab ich aufgehört -- es ist einfach zuviel. Kommt ne neue Lieferung fliegts Alte raus ! Das sind Mengen ! Es muß endlich gesetzlich was geschehen und es braucht Unterstützung bei der Logistik. Wir haben jetzt hier über Foodsharing zusätzlich zur Tafel einen Kühlschrank im Jugendhaus stehen .. aber bei der zu erwartenden Menge : zu wenig . Die Kommunen MÜSSEN einen der fast überall leerstehenden Läden anmieten -- zusätzlich zur Tafel ( -- es sei denn, die packen das auch noch --) und wir übernehmen die Holerei -- wenn sie denn wenigstens überall legal wäre !!
prologo 06.11.2019
4. Die Notwendigkeit der Tafeln ist eine Schande für diese Regierung
Zitat von SensørEine finanzielle Unterstützung der Bundesregierung wäre die offene Verhöhnung der Sozialschwachen seitens des Staates. beispielsweise werden in Holland, Dänemark und der Schweiz jedem Rentner mit ~1200 Euro genug Geld zum Leben ausgezahlt, ohne dass sich ernsthaft darüber beschwert, dass auch ein paar berufliche Versager (warum auch immer) dazwischen sind. Hierzulande verhöhnt die GroKo wieder die Ärmsten der Armen mit ihrem armseligen Gezerre um schlechte oder ganz schlechte Renten für die "deutschen Untermenschen". Besten Dank an alle, die die Tafeln direkt oder indirekt dabei unterstützen, diesen armen Schluckern das Leben wenigstens ein klein wenig erträglicher zu machen.
In dem angeblich reichsten Land Deutschland sind Armuts Rentner und Geringverdiener, welche von ihrem Lohn keine Rente mehr erhalten können, sondern nur noch die Grundversorgung vom Sozial Amt ein Verbrechen an den Bürgern dieses reichen Landes. Ich habe höchsten Respekt für die Helfer der Tafeln. Aber indirekt schwächt das den Aufstand gegen diese Menschen verachtende Politik seit 2003 von SPD, Grüne und CDU. Die geplante neu Grundrente soll nur diesen Betrug an den Arbeitnehmern vertuschen. Aber auch das wird nur die Tafeln weiter vermehren.
BoMo_UAE 06.11.2019
5. Unabhaengigkeit
Die Forderung an die Bundesregierung sollte lauten, die Tafeln ueberfluessig zu machen und den von ihnen abhaengigen Menschen die Unabhaengigkeit zu ermoeglichen. Es ist eine Schande, das in einem der reichsten Laender der Welt so viele nicht ohne Lebensmittelspenden leben koennen.
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