Strukturkrise in Ostdeutschland Herr Brohm hat keine Chance. Und nutzt sie

Die Stadtkasse leer, ein Drittel der Wohnungen auch: Tangerhütte in Sachsen-Anhalt bedient so manches Klischee vom angeblich abgehängten Osten - und ist doch eine Stadt, die Hoffnung macht. Was ist hier passiert?

Peter Maxwill/ SPIEGEL ONLINE

Aus Tangerhütte berichtet


Kaum hat sich Andreas Brohm ans Steuer seines Kleinwagens gesetzt und den Zündschlüssel umgedreht, da beginnt er schon zu erzählen. "Das da zum Beispiel", sagt er und zeigt auf die von Bäumen umgebenen Sitzbänke auf dem Bahnhofsvorplatz, "das gab es vor fünf Jahren noch nicht."

Vor fünf Jahren war Brohm auch noch nicht Bürgermeister von Tangerhütte - einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt, die beispielhaft für so vieles steht, was die Provinz in den sogenannten neuen Ländern seit dem Mauerfall durchgemacht hat: wirtschaftlicher Niedergang, Strukturwandel, Überalterung.

Und Neuaufbruch.

Die Veränderungen der vergangenen 30 Jahre haben sich in die Hausfassaden und Straßen von Tangerhütte regelrecht eingebrannt: Betriebe mussten schließen, Rechtsextreme trieben ihr Unwesen, vor allem junge Menschen zogen fort. Ein abgehängtes Städtchen, so könnte man meinen, voller Frust und Not. Aber so ist es nicht. (Mehr über die Nachwirkungen der Wende in Ost und West erfahren Sie in der Dokumentation "Deutschland-Bilanz" von ZDF und SPIEGEL TV.)

Videotrailer: Die Deutschland-Bilanz

ZDF;SPIEGEL TV

Bürgermeister Brohm, ein glattrasierter 40-Jähriger, der selbst in Tangerhütte aufgewachsen ist, hat zu einer Stadtrundfahrt eingeladen. Es wird auch eine Besichtigungstour durch Tief- und Höhepunkte seiner Amtszeit, durch die Geschichte der Stadt, durch Brohms eigene Kindheit. Er gibt langsam Gas, lässt seinen Citröen C4 durch die Bismarckstraße rollen, im ersten Gang, aber nur so kann er alles zeigen, was ihm wichtig erscheint.

Zum Beispiel die Sitzbänke, Bäume und Blumen. Die stehen seit seinem Amtsantritt nicht nur am Bahnhof, sondern überall im Ortskern, zuletzt gab die Stadt laut Brohm noch einmal 8000 Euro dafür aus. So soll sich die Lebensqualität verbessern? Allerdings, sagt der Politiker: Die Leute bräuchten Treffpunkte, an denen sie sich wohlfühlen und miteinander ins Gespräch kommen können.

Brohm sieht in seinem hellblauen Hemd und dem Sakko ein bisschen aus wie ein Anlageberater - und auch sein Lebenslauf entspricht nicht gerade dem eines typischen Provinzbürgermeisters. Brohm war elf, als seine Heimat Teil der Bundesrepublik wurde, er bezeichnet sich als "Wossi". Nach dem Abitur studierte er BWL, arbeitete in der Musicalbranche und als Kabarettist, lebte in Zürich, Köln und Berlin.

Als er 2014 in seine Heimatstadt zurückkehrte und prompt zum Bürgermeister gewählt wurde, hatte der damals 35-Jährige keinerlei politische Erfahrung. Bis heute gehört er keiner Partei an.

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In der Bismarckstraße, Ecke Karl-Marx-Straße, deutet der Bürgermeister auf ein paar schmutzige Schaufenster mit der Aufschrift "Zu vermieten", die Läden stehen offenkundig schon länger leer. "Dafür müssen wir uns was einfallen lassen", sagt Brohm, "hier kriegt man ja schlechte Laune, wenn man durchfährt." Dann biegt er rechts ab, es wird nicht besser.

In der Industriestraße stehen verfallende Bürohäuser neben maroden Fabrikhallen, einige Gebäude haben weder Dächer noch heile Fensterscheiben. Selbst das Gymnasium, an dem Brohm 1997 sein Abitur abgelegt hat, verfällt und wuchert zu. "Im ländlichen Raum versagt der Markt", sagt er, "der regelt hier gar nichts mehr - sondern zieht sich nur noch zurück." Das klingt deprimierend, gerade aus dem Mund eines Betriebswirts.

Aber Brohm ist nicht deprimiert. Brohm ist ehrlich: Natürlich habe er als Bürgermeister Fehler gemacht, sagt er. Manchmal sei er zu idealistisch gewesen, manchmal zu pragmatisch. Seine Idee etwa, mehrere der 23 Dorfgemeinschaftshäuser in den Ortsteilen aus Kostengründen zu schließen, habe die Bedürfnisse der Leute vor Ort nicht berücksichtigt: Die bräuchten einen zentralen Ort, sei es für Versammlungen oder Geburtstagsfeiern.

Es gebe aber ja nicht nur Probleme, sagt Brohm - und zählt jeden größeren Betrieb einzeln auf, der Tangerhütte Steuern einbringt. Die Feuerwehr verfüge über ein modernes Gerätehaus, die Stadt bald über einen eigenen Anschluss an die A14. Also doch alles gut, irgendwie? "Wir müssen die Leute ernst nehmen", sagt Brohm, "aber wir dürfen ihnen auch nichts vormachen: Nichts bleibt, wie es ist."

Was er damit meint, zeigt sich bei der Fahrt durch eine Plattenbausiedlung am Stadtrand. Brohm erzählt, dass 30 Prozent der Wohnungen leer stünden - in einer Stadt mit 32 Ortschaften, die flächenmäßig größer ist als Frankfurt am Main, aber weniger als 11.000 Einwohner hat.

Tangerhütte ist ein Schrumpfriese: Da sind einerseits die pittoresken Bauten als Relikte des Booms, den das Eisenwerk vor 175 Jahren ausgelöst hatte. Aber das einstige Werk, die beiden Schlösser und das alte Bahnhofsgebäude verfallen seit Langem - wie so vieles in diesem Ort, der seit der Wiedervereinigung etwa 28 Prozent seiner Bevölkerung verloren hat und laut Berechnungen des Statistischen Landesamts weiter schrumpfen wird, um mehr als hundert Einwohner. Pro Jahr.

Brohm sieht trotz allem Chancen, verweist auf die niedrigen Immobilienpreise und Mieten ("locker unter vier Euro nettokalt"). Er nennt das "Luxus der Leere". Natürlich könne man auch von Ruinen und Brachflächen sprechen, aber Selbstmarketing sei wichtig. "Was uns fehlt, ist eine gesunde Überheblichkeit", sagt er: "Entweder macht jemand was mit uns - oder wir machen was aus uns."

Brohm will der Bürgermeister sein, der den Bürgern ihr Selbstwertgefühl zurückgibt.

Bisweilen geht die Taktik auf. Im Osten der Stadt parkt Brohm sein Auto zwischen hohen Bäumen und führt über einen Kiesweg zum Neuen Schloss. Der wuchtige Bau, renovierungsbedürftig und leer stehend, bekommt derzeit ein neues Dach, ansonsten hätte irgendwann der Abriss gedroht. Kosten: mehr als eine Viertelmillion Euro. Kosten für die Stadt Tangerhütte: null Euro.

Renovierungsbedürftig, aber gerettet: das Neue Schloss in Tangerhütte
Peter Maxwill/ SPIEGEL ONLINE

Renovierungsbedürftig, aber gerettet: das Neue Schloss in Tangerhütte

Brohm sagt, er selbst habe anfangs nicht gewusst, wie das klappen soll - denn die finanziell klamme Stadt hätte nichts beisteuern können. Also machte der Bürgermeister das, was er vielleicht am besten kann: motivieren. Brohm initiierte die Spendenaktion "Dachschaden", mit großem Erfolg: Etwa 190.000 Euro kamen als Fördermittel von der EU, die restlichen gut 62.000 Euro trugen Vereine, Sponsoren und Helfer zusammen - mit einer Puppenspielaufführung etwa, oder einem Plätzchenstand auf dem Weihnachtsmarkt.

Brohm steht auf dem Platz vor dem Schloss und blickt zufrieden auf die eingerüstete Fassade. Dann sagt er einen Satz, der philosophisch daherkommt: "Was ich hier nicht zeigen kann, ist das, was wirklich passiert ist." Er meine die innere Einstellung vieler Tangerhütter, die sich in ihrer Freizeit für das Schloss engagiert und am Erfolg regelrecht berauscht hätten. Genau das sei seine eigentliche Aufgabe: "Den Glauben der Menschen an sich selbst zu wecken".

Preisabfragezeitpunkt:
07.08.2019, 09:11 Uhr
Ohne Gewähr

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Das ist eine enorme Herausforderung, wie eine aktuelle Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen fürs ZDF zeigt: So ärgern sich auch 30 Jahre nach dem Mauerfall mehr als 70 Prozent der Ostdeutschen darüber, dass die Lebensleistung ehemaliger DDR-Bürger nicht ausreichend gewürdigt wird. Nur 16 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr damaliger gesellschaftlicher Einsatz angemessen anerkannt werde. Wie soll dieser offenbar tief sitzende Frust in Optimismus verwandelt werden?

Brohm will gerade ins Schloss gehen, da kommt von der Seite eine ältere Dame auf ihn zu.

"Sind Sie von der Stadt?"

"Ja, ich bin der Bürgermeister."

"Ah ja. Ich bin extra zwei Stunden aus Neuruppin für einen Tag hergereist."

"Nur um das Schloss zu sehen?"

"Ja, natürlich. Das ist wunderbar, herrlich."

Die beiden unterhalten sich angeregt über die Rettung des Gebäudes und die Geschichte der Stadt. Als sie sich voneinander verabschieden, lächelt Brohm, glücklich sieht der Bürgermeister jetzt aus. Vielleicht weil er hofft, dass diese begeisterte Touristin kein Einzelfall bleibt. Vielleicht weil er hofft, dass die Bürger dieser Stadt noch viel mehr schaffen können.

Es sind Hoffnungen, für die es durchaus eine Grundlage gibt: Die offizielle Einwohnerstatistik etwa, Stand Mai 2019, führt zum ersten Mal seit 25 Jahren einen Zuwachs auf - um acht Bürger seit dem Jahreswechsel. Das ist doch ein Anfang.


Mehr zum Thema: "Deutschland-Bilanz. Von blühenden Landschaften / Ein Land, zwei Seelen". Zweiteilige Dokumentation von ZDF und SPIEGEL TV am 6. August, 21 Uhr und 8. August, 22.15 Uhr im ZDF sowie ab dem 6. August in der ZDF Mediathek.



insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
klaus. 05.08.2019
1. Kleinwagen C4
seit wann ist ein C4 ein Kleinwagen? Ich hoffe, der Rest des Artikels stimmt...
ImmerDerReiheNach 05.08.2019
2. Guter Artikel über einen Bürgermeister der anpackt
und einen Menschen, der versucht etwas für das Gemeinwohl zu tun und Menschen zusammenbringt. Ich werde die Stadt bald besuchen. Weiter so !
dani_vom_bodensee 05.08.2019
3. Danke
für einen schönen Artikel...
flaffi 05.08.2019
4. Toll
So redet man sich das Leben schön. Natürlich wurde das Männeken sofort zum Bürgermeister ernannt, war wohl sonst keiner bereit. Da nimmt man halt den Nächstbesten. Solche Nummern haben wir hier in der Westpfalz zu hauf. Und dann so Sätze, wir niedrig die Immopreise sind. Haben wir hier auch. Kann man ganze Buden von der Gemeinde geschenkt bekommen. Die mussten die nämlich oft wider Willen übernehmen, da überschuldet und die Erben haben wohlweißlich abgelehnt. Nur von den Gewerbesteuerzahler hab ich in dem Artikel nix gelesen.
lila72 05.08.2019
5. Danke
... für diese sehr wahre, angenehme und bei allen Schwierigkeiten irgendwie hoffnungsvolle Berichterstattung. Ich lebe im selben Bundesland, ich weit von Tangerhütte entfernt - und ich tu es gern.
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