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Prominente Tattoo-Mode: Lasst den Körper sprechen

Foto: FRED PROUSER/ REUTERS

Texte als Tattoo-Trend Twittern mit dem Körper

Tribals, Runen, Ornamente: sind out. Wer etwas auf sich hält, lässt sich Sprüche, Verse, Slogans in die Haut stechen. Was bedeutet die neue Tattoo-Mode? Sie hat etwas mit dem Internet zu tun.
Von Daniel Haas

Ich habe kein Tattoo, mir war das bislang zu schmerzhaft. Außerdem habe ich das Konzept nie wirklich verstanden. Warum lässt sich Rihanna zum Beispiel eine Musiknote auf den Fußknöchel tätowieren? Damit sie sich nach einer durchzechten Nacht besser erinnern kann? Ah, stimmt, ich bin Musikerin!

Hinter ihrem Ohr trägt sie angeblich ihr Sternzeichen, Fische. Das ist dann wohl so ein spezieller Flirttrick. "Und dein Aszendent?" - "Ja, da musst du schon mal näher rankommen, Honey." Vielleicht ist es aber auch eine kleine Aufmerksamkeit für einen HNO-Arzt, den man besonders mag. "Huch, da sind ja Fische!" - Kicher, kicher.

Tattoos schienen nicht mehr in Mode zu sein. Nur Biker, Gangster und Bettina Wulff, dachte ich, tragen noch "ink", wie es im englischen Slang heißt. Ink für Tinte. Jetzt stellt sich heraus: Es wird gestichelt wie nie zuvor. Zwölf Millionen Deutsche sind tätowiert, das ist jeder Sechste. Vor allem Frauen bis 34 lassen sich maschinell verschönern, laut einer Studie der Uni Leipzig hat sich die Zahl seit 2003 annähernd verdoppelt.

Twittern mit dem Körper

Auch die Profis werden immer mehr: 7000 Studios sind in Deutschland gemeldet, rund 20.000 Menschen arbeiten als Tätowierer oder Piercer. Die Fachkräfte stellen nun fest: Es gibt einen Trend weg von der bildlichen Darstellung hin zum Text - zu Statements wie Liedzeilen oder Gedichtpassagen.

Jetzt ist mir klar: Ich brauche ein Tattoo, unbedingt. Nicht weil ich mir in Hipstermanier "Mutti" auf den Oberarm stechen lassen will. Denn was besagt dieses "Mutti" eigentlich? Ich bin auf eine augenzwinkernde Art infantil geblieben? Ich bin so taff wie ein Matrose, aber so pflegeleicht wie ein Kleinkind? Wenn Sie dies lesen, benachrichtigen Sie bitte die Behörden, denn ich bin ein zurückgebliebenes Modeopfer, das von seiner Familie ausgesetzt wurde? Die Soziologie hat da noch einiges zu klären.

Nein, ich will ein Tattoo, weil sich da eine kulturell gar nicht zu unterschätzende Bewegung abzeichnet. Wenn jetzt Zitate aus Songs und Dichterverse und Lebensweisheiten en vogue sind, wenn sich der eine einen Bibelspruch und der nächste einen Limerick tätowieren lässt, was ist das dann? Twittern. Twittern mit dem Körper.

Aus Gaffern werden Follower

Was für eine Chance! Haben wir nicht immer gejammert: In der virtuellen Welt verschwindet die Physis! Das Materielle verflüchtigt sich! Nur noch Bits und Bytes! Mit der Tätowierung von knackigen Zitaten findet nun die Versöhnung von digitaler und materieller Sphäre statt.

Ab jetzt wird auf den Leib getwittert, was die Nadel hergibt. Auf die Schultern, dort, wo die meiste Spannung sitzt, ein bisschen Marx oder noch besser Hegel ("Herr-Knecht-Verhältnis"). Auf die Brust was Provokantes, Benn vielleicht ("Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch"), in die Leistengegend Gendertheorie, natürlich ironisch gedreht. Oder einfach eine Zote ("Hier festhalten").

Wenn ich im Sommer dann in ein schön überfülltes Schwimmbad in Berlin gehe und mich die Leute anglotzen, dann sind das keine blöden Gaffer mehr, das sind dann Follower. Umgekehrt lese ich die Körperbotschaften der anderen. Das Body-Twittern entreißt die digitale Praxis der Anonymität. Und endlich kriegt man seine Anhänger mal zu Gesicht.

Selbst wenn alle Server abgeschaltet werden (Virus, Weltkrieg, Zuckerberg drückt den falschen Knopf), wird dieses Prinzip weiter funktionieren. Wir twittern jenseits des Stromausfalls. Er, breite Brust:

"Ein Blick von dir / ein Wort mehr unterhält /
als alle Weisheit dieser Welt." (Goethe).

Sie, kalte Schulter: "Bringst du Geld, so findest du Gnade." (dito).

Natürlich wird auch dieser Trend vorübergehen. Dann kommt nach dem linguistic wieder ein pictural turn, statt Sprüchen gibt es wieder Motive, Bilder, Szenen. Die richtig Tapferen werden auch diese Tendenz zu nutzen wissen und dem Netz ein Schnippchen schlagen - mit den Mitteln des Netzes. Ich sage nur: Facebook. Tätowierte Urlaubsfotos, Format 9 mal 13 Zentimeter, da passen mindestens drei auf eine deutsche Durchschnittswampe. Ich hab bei mir nachgemessen.

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